Immobilien : Ein Goldstück aus Potsdam

Die Villa van Merlen auf Hermannswerder wird versteigert. Das denkmalgeschützte Anwesen liegt direkt am Ufer der Havel.

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13 voll ausgewachsene Silberahornbäume flankieren die lange Zufahrt zur Villa am Wasser. Ein mächtiger Portikus mit vier dorischen Säulen und einem Schmuckgiebel lässt die Besucher über links und rechts angesetzte, leicht geschwungene Aufgänge ins Haus.
13 voll ausgewachsene Silberahornbäume flankieren die lange Zufahrt zur Villa am Wasser. Ein mächtiger Portikus mit vier dorischen...

Das wäre ein „Triple A“ wert, wenn es diese Bezeichnung für Immobilienanlagen gäbe. Eine attraktive, denkmalgeschützte Altbauvilla mit direktem Wasserzugang auf der Halbinsel Hermannswerder in Potsdam. Seit die Stadt an der Havel unter dem deutlichen Siedlungsdruck einer eher wohlhabenden Bevölkerungsschicht steht, sind solche Grundstücke mehr als nur stark nachgefragt.

Zu haben ist jetzt die „Villa van Merlen“, auf der anstehenden Versteigerung durch die Deutsche Grundstücksauktionen AG (23. März 2012, ab 11 Uhr im Abba-Hotel, Lietzenburger Straße). „Ruhe bitte“, sagen Auktionatoren für gewöhnlich beim Aufruf von Objekten dieser Güte. Und nennen dann das Mindestgebot. Dieses Mal werden unter Position 19 exakt 1 495 000 Euro aufgerufen. Verschämt ausgepreist wie ein Schnäppchen beim Discounter. Es geht um eine herrschaftliche Villa und Nebengebäude auf stattlichen 4905 qm Grund. Thomas Engel, einer der öffentlich bestellten und vereidigten Auktionatoren im Hause, weiß, welchen Schatz er anbieten kann.

Einen Schatz in bester Lage: Vor Hermannswerder weitet sich die Havel zum Templiner See, der Norden der Halbinsel teilt sich in zwei Landzungen, Tornow und Küssel. 1913 hatte sich der zugewanderte Jonkheer Jean Baptiste van Merlen hier seine Villa bauen lassen, in der Küsselstraße 9.

Von 1944 an wurde in diesem Haus eine Krankenstation für Schwerstverletzte eingerichtet, später ein Kinderheim. Zu DDR-Zeiten hatte die Bezirkshygiene-Inspektion Potsdam hier Laboranlagen installiert; die Hygiene-Inspektion war unter anderem zuständig für die Seuchenabwehr und für die Einhaltung der DDR-Umweltvorschriften. Für den Laborbetrieb wurden einige Räume der Merlen-Villa umgebaut. Nach der Wende etablierte sich ein Laborbetrieb in privater Regie. Bei der Übergabe an einen neuen Besitzer werde das Objekt leergezogen sein, versichert das Auktionshaus.

In einer stets weltoffenen Stadt wie Potsdam dürfte man es Jean Baptiste van Merlen wohl nachgesehen haben, dass ein Vorfahr gleichen Namens ein erfolgreicher Heerführer „auf der falschen Seite“ war – bis 1815 in Diensten für Napoleon I., der die Preußen militärisch mehr als gebeutelt hatte.

Jedenfalls brachte der „Hochgeborene Herr“ Jean Baptiste van Merlen 1913 aus der Provinz Brabant ausreichend Geld und den guten Geschmack seiner Zeit mit nach Potsdam. Wer letztlich die Villa mit den geschickt ausgesuchten neoklassizistischen Elementen entwarf und baute, bleibt unbekannt.

Ralph Paschke vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalspflege und Jörg Limberg aus der Denkmalschutzbehörde Potsdam, die das Gebäude eingehend untersucht haben, fanden keinen Hinweis auf den Architekten. Auch was den Junker nach Potsdam gebracht hatte, ist nicht belegt; der Liebe wegen in der Ehe mit einer Deutschen? Auch Ressentiments wegen der starken politischen Veränderungen in Brabant (heute die Region um Brüssel) und der historischen Bindungen vieler Brabanter an Deutschland könnten eine Erklärung sein.

Schon der Zugang zur Villa von der Küsselstraße her muss die Denkmalschützer auf Anhieb überzeugt haben: Eine hohe Einfriedung mit einem schmiedeeisernen Stabzaun auf gemauerten Sockeln zwischen gemauerten Pfeilern mit Kugelabdeckung begrenzt das Anwesen, durch das Tor führt der Weg zum Haupthaus, rechts liegen Stall und Remise. Die Nebengebäude machen in ihrer Ausführung dem Haupthaus keine Schande, im Gegenteil: Schon hier könnte man durchaus angemessen wohnen.

Die lange Zufahrt zur Villa am Wasser flankieren 13 voll ausgewachsene Silberahornbäume. Ein mächtiger Portikus mit vier dorischen Säulen und einem Schmuckgiebel lässt die Besucher über links und rechts angesetzte, leicht geschwungene Aufgänge ins Haus. Das Kerngebäude und die Anbauten sind mit sorgsam gestalteten Simsen und Giebeln verziert.

Im Erdgeschoss der Villa kann sich der künftige Besitzer auf 230 qm gediegen einrichten, im Obergeschoss kommt noch einmal die gleiche Fläche hinzu. Das Dachgeschoss misst 200 qm, der Keller 195 qm. Die Wirtschaftsgebäude bringen 200 qm an Wohn- und Nutzfläche in die Gebäudebilanz ein. Platz für ein Leben im feudalen Maßstab – oder genug Fläche, um das Anwesen in edle Wohnungen aufzuteilen.

Im Keller müssen leichte Bauschäden behoben werden, in den Nebengebäuden wird ein Frostschaden an der Heizungsanlage verzeichnet. Die technische Einrichtung insgesamt ist einfacher Standard und veraltet. Ein Millioneninvestor dürfte ohnehin seine eigenen Vorstellungen umsetzen wollen – und dabei die Schätze einbeziehen, die der Denkmalschutz hütet: Die gut erhaltene Diele mit der edlen Treppe aus dunklem Holz, Türen und Kassettendecke aus dem gleichen Material, geometrische Ornamente, neobarocker Stuck – in vielen Räumen ist die ursprüngliche Ausstattung erhalten.

Die Außenanlage auf der Nordseite mit Blick auf die Havel erreicht man von der Mitteldiele der Villa durch eine dreigliedrige Terrassentür, die die Denkmalschützer spontan an Venezianische Fenster im Stil des Renaissance-Meisters Palladio erinnerte; ein Nonplusultra für Freunde des Neoklassizismus. Im Außenbereich der Villa finden sich kleine Kunststeinfiguren und drei lebensgroße Skulpturen, die an die Mythen der Antike anknüpfen sollen: an die Vegetationsgöttinnen Flora und Pomona und an Vertumnus, in dem man auch einen Schutzgott gegen Hochwasser erkennen kann – nicht falsch so dicht an der Havel. 34 Meter lang ist die Grundstücksfront zum Wasser.

Der Garten um die Villa van Merlen ist ein Kapitel für sich und wird als Gartendenkmal eingestuft. Zwar sind viele Feinheiten im Laufe der Jahrzehnte untergegangen, doch die Grundlinien sind gut zu erkennen. Nach Süden zur Straße hin ist die Gartenanlage repräsentativ gestaltet, die wohl um 1920 gesetzten Baumreihen und Solitäre entfalten ihre Wirkung. Zur Havel hin im Norden ist der Garten deutlich einfacher gehalten, quasi familiär. Die Brandenburger Denkmalschützer können die Grundanlage des Villengartens durch die Berliner Gartenbaufirma Späth nachweisen; er ist im Werkbuch des Unternehmens von 1920 eingetragen. Die Späth- schen Baumschulen aus Treptow waren zu jener Zeit führend in ganz Europa und bestimmten den Trend in der zeitgenössischen Gartenarchitektur. Wer es sich leisten konnte, rief die Gartenarchitekten von Späth.

Jonkheer Jean Baptiste van Merlen (1880 bis 1950) erscheint uns demnach als ein schon in jungen Jahren sehr gebildeter Mann, er hatte Geschmack und bevorzugte den Bau- und Lebensstil der alten Zeit. Van Merlens Ehe mit Marie Stittrich blieb kinderlos. Sein Todesjahr war 1950, sehr viel mehr über ihn ist nicht festgehalten. Schließlich wurde das Anwesen, wohl nach 1965, „aus nicht mehr nachprüfbaren Gründen an Potsdamer Bürger vererbt“, schreiben die Denkmalschützer Limberg und Paschke in ihrem Bericht. Aktuell steht das Land Brandenburg im Grundbuch als Besitzer. Ein nicht ganz ungewohnter Ablauf bei Immobilien unter DDR-Kuratel.

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