Friedrichshagen : Gutes Rathaus muss nicht teuer sein

Friedrichshagener mit ein wenig Kleingeld können das Gebäude ihrer Stadtverwaltung kaufen.

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Zuletzt machte hier die Polizei Station. Das 1897/99 errichtete Rathausgebäude wurde im spätgotischen bzw. Renaissancestil gebaut.
Zuletzt machte hier die Polizei Station. Das 1897/99 errichtete Rathausgebäude wurde im spätgotischen bzw. Renaissancestil gebaut.Foto: Klinkenberg Architekten

Holzvertäfelte Wände, vergoldete Ornamente, Wandgemälde und eine repräsentative Sandsteinfassade: Die Friedrichshagener ließen sich nicht lumpen, als sie Ende des 19. Jahrhunderts ihr Rathaus in der Bölschestraße errichteten. Damals war das heute zum Bezirk Treptow-Köpenick gehörende Friedrichshagen eine eigenständige Gemeinde, die durch den Haltepunkt der Eisenbahnstrecke nach Frankfurt (Oder) an Bedeutung gewonnen und sich als Kurort etabliert hatte. Für die aufstrebende Kommune sollte ein repräsentatives Rathaus stehen. Davon kündet heute noch im Giebel die Inschrift „Dem Wohle der Bürger“.

Dem Wohle der Bürger fühlen sich auch die Friedrichshagener verpflichtet, die heute über eine neue Nutzung des ehemaligen Rathauses nachdenken. „Wir sehen eine Mischnutzung aus kulturellen, sozialen und gewerblichen Teilen vor“, sagt Lutz Treutler, Herausgeber der Onlinezeitung „Friedrichshagener Schirm“ und einer der beiden Geschäftsführer der Rathaus Friedrichshagen Projekt GmbH & Co. KG. Diese steht kurz davor, das Gebäude zu übernehmen, nachdem Ende vergangenen Jahres der Steuerungsausschuss des Liegenschaftsfonds einem Erbbaurechtsvertrag zugestimmt hat.

Das Vorhaben ist bemerkenswert. Denn in Friedrichshagen steht nicht die Rendite im Vordergrund, sondern der Nutzen für die Allgemeinheit. Der schmucke Ratssaal soll nebst Nebenräumen für Feierlichkeiten, Konzerte und andere Veranstaltungen vermietet werden. Im ersten Obergeschoss sollen Büros Platz finden, und das Erdgeschoss werden der „Friedrichshagener Schirm“ und möglicherweise eine Galerie nutzen. Im Ratskeller mit seinen 60 Plätzen soll es wieder Speis und Trank geben – wie zu alten Zeiten.

„Wir gerieten in die Turbulenzen der Vergabepolitik des Landes Berlin“

Auch für zwei weitere Gebäude, die zum Gesamtpaket gehören, hat man in Friedrichshagen detaillierte Pläne: Das Erdgeschoss des 1870 errichteten, zweigeschossigen Nachbargebäudes soll die örtliche Touristeninformation beziehen, während das einstige Gefängnis im Hof, erweitert um einen Neubau, als Kita dienen wird. In den kommenden Monaten soll das Nutzungskonzept präzisiert werden. Und es sollen weitere Mieter gewonnen werden. Dabei waren eigentlich schon einmal alle Flächen vergeben – doch die Übernahme der Liegenschaft dauerte viel länger als erhofft.

„Wir gerieten in die Turbulenzen der Vergabepolitik des Landes Berlin“, sagt Sigrid Strachwitz, die Vorsitzende des Bürgervereins Friedrichshagen. Schon seit längerem bemühen sich die Friedrichshagener um das Objekt – seit bekannt wurde, dass die Polizei, die das einstige Rathaus seit Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte, 2010 ausziehen würde. Mit politischer Unterstützung aus dem Bezirk setzten sie durch, dass das Land Berlin das Baudenkmal nicht zum Höchstpreis verkaufte, sondern einer Direktvergabe zustimmte. Doch dann, so berichtet Strachwitz, sollte der Kaufpreis plötzlich nicht mehr 1,2 Millionen Euro, sondern 1,6 Millionen Euro betragen. Und schließlich war von einem Kauf gar nicht mehr die Rede, sondern von einer Vergabe im Erbbaurecht.

Die aktuelle Lösung sieht vor, dass die Gesellschaft die Immobilie für 430 000 Euro erwirbt. Für das Grundstück hingegen wird ein Erbbaurechtsvertrag abgeschlossen, der bis 2053 läuft und für den ein Erbbauzins von 6,5 Prozent des Bodenwerts – das sind anfangs jährlich 43 500 Euro – fällig wird. Vertraglich festgeschrieben ist eine kulturell-gewerbliche Mischnutzung; die künftigen Eigentümer dürfen die Gebäudeflächen also nicht allesamt zu hohen Preisen an kommerzielle Nutzer vermieten.

Interessierten können sich über ein Darlehen am Vorhaben beteiligen

Insgesamt rechnet Stefan Klinkenberg, Architekt und Gründungsgesellschafter der künftigen Eigentümergesellschaft, mit einem Investitionsvolumen von 2,2 Millionen Euro für Kauf und Umbau. Um diese Kosten zu stemmen, gründeten die Friedrichshagener eine Kommanditgesellschaft. Wer Kommanditist und damit Miteigentümer werden will, muss mindestens 5000 Euro einzahlen. Während diese Option hauptsächlich künftigen Mietern und sonstigen Projektbeteiligten offensteht, können sich alle anderen Interessierten über ein Darlehen mit einer Laufzeit von mindestens zweieinhalb Jahren am Vorhaben beteiligen. Das nötige Fremdkapital von gut einer Million Euro stellt die Umweltbank zur Verfügung.

Auch wenn die Rendite nicht im Vordergrund steht, muss sich die Rendite rechnen. Dafür ist laut Architekt Klinkenberg eine Miete von zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter erforderlich. Den Kommanditisten winkt eine jährliche Ausschüttung von zwei bis drei Prozent, den Darlehensgebern eine Verzinsung von vier Prozent. Das klingt in der jetzigen Niedrigzinsphase attraktiv, doch müssen sich Kreditgeber eines Risikos bewusst sein: Ihr Kredit unterliegt – anders als etwa ein Tagesgeldkonto – nicht der Einlagensicherung.

Im Frühsommer wollen die Friedrichshagener das Gebäude übernehmen und Anfang 2015 mit der Sanierung beginnen. Ende 2017 könnte das Projekt abgeschlossen sein – Friedrichshagen wird dann wieder ein Kultur- und Veranstaltungszentrum haben. Zum Wohle seiner Bürger.

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