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Heilpflanze und Nahrungsmittel: Die Wegwarte wird kaum noch beachtet

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Von Gert D. Wolff

Das zarte Blau ihrer strahlenförmigen Blüten macht dem schönsten Sommerhimmel Konkurrenz. Doch obwohl sie an Feldwegen und Landstraßen häufig zu finden ist, wird sie heute kaum noch beachtet – die früher so bewunderte und in vielerlei Hinsicht geschätzte Wegwarte. In Sagen, Märchen und Gedichten hat man der blaublütigen Blume ebenso Respekt gezollt wie in alten Kräuterbüchern, Zaubersprüchen und unzähligen magischen Bräuchen. Das geheimnisvolle Gewächs aus der Familie der Korbblütler mit seinen stark verästelten Stängeln und der tief reichenden, kräftigen Wurzel hat aber auch für die menschliche Ernährung einen wichtigen Beitrag geleistet.

Warten auf den Liebsten

Als typische Wegrandpflanze hat die Wilde Zichorie (cicho-rium intybus), wie sie auch heißt, es seit jeher verstanden, den Straßenverkehr für sich zu nutzen: Dadurch konnten ihre Samen vermutlich schon zur Römerzeit als „blinde Passagiere" so manche kürzere oder längere Reise mitmachen, andernorts keimen und Wurzeln schlagen. Heute kommt die ursprünglich in Südeuropa beheimatete Wegwarte weltweit in nahezu allen gemäßigten Zonen vor. Sie wurde sogar nach Amerika und Australien eingeschleppt.

Die alten Botaniker nannten die Pflanze, aus deren unscheinbaren Stängeln von Juli bis Ende September leuchtend blaue, sich stets der Sonne zuwendende Blüten hervorgehen, sponsa solis - Sonnenbraut. Im Volksmund hieß sie daher auch Sonnenwirbel oder Sonnenwedel. Der ebenfalls weit verbreitete „Faule Gretl“ spielt auf die Eigenart der Pflanze an, ihre Blütenköpfe meist schon mittags wieder zu schließen. Immerhin hat sie bis dahin bereits bis zu zwanzig neue Blüten hervorgebracht.

Der Sage nach ist die Wegwarte eine verwunschene Braut, die auf die Rückkehr ihres Liebsten aus dem Krieg wartet und am Wegrand vergeblich nach ihm Ausschau hält. Wunderbare Eigenschaften schrieb man der geheimnisvollen blauen Blume zu.

So glaubte man nach alter Überlieferung, sich die Liebe und Zuneigung jeder Person sichern zu können, die man mit der Wegwartwurzel berührte. Schon der Römer Plinius erwähnt diese angebliche Fähigkeit des Cichorium. Wahre Wunder sagte man der äußerst widerstandsfähigen Pflanze – einem echten Überlebenskünstler – und vor allem ihrer starken Wurzel nicht nur in Liebesangelegenheiten nach.

Es hieß, sie mache ihren Träger hieb- und stichfest und schütze ihn vor allen Gefahren. Man glaubte auch, mit ihrer Hilfe alle Schlösser und Fesseln sprengen und verborgene Schätze heben zu können. Wem etwas gestohlen wurde, der brauchte nur die Wurzel unter sein Kopfkissen zu legen, dann erschien ihm der Dieb im Traum. In Süddeutschland traute man besonders der seltenen weißen Wegwarte viele übernatürliche Schutzkräfte zu. Auch in der Neunkräutersuppe am Gründonnerstag und im geweihten Kräuterbüschel an Mariä Himmelfahrt durfte die Wegwarte nicht fehlen.

Wie schon die römischen Ärzte empfahlen auch die Verfasser der alten Kräuterbücher die Zichorie als Heilpflanze zur Behandlung von Leber-, Gallen-, Nieren- und Magenbeschwerden sowie bei Augenleiden. Dabei wurden alle Teile der Pflanze verwendet, vor allem aber die möhrenförmige Wurzel. Der „Artzney-Doctor" Tabernaemontanus (16. Jahrhundert) pries Umschläge mit Wegwartensaft auch als kosmetisches Mittel „wider die leidlichen schlotternden und hangenden Brüst der Weiber". Auch heute noch leistet die Wegwarte als Arzneipflanze wertvolle Dienste. Sie enthält neben Inulin Gerb- und Mineralstoffe und vor allem den Bitterstoff Intybin, wodurch sie bei Gelbsucht, Verdauungsschwäche, Magenkatarrh, Appetitmangel und Hautausschlag mit gutem Erfolg eingesetzt wird. Pfarrer Kneipp empfahl die Wurzel für Blutreinigungskuren.

Durch Züchtung gelang es findigen Gärtnern, aus der sagenumwobenen Wegwarte, die man seit jeher schon als Wildgemüse geschätzt hatte, die Kulturformen Salatzichorie und Wurzelzichorie zu ziehen. So gehen die heute im Handel angebotenen Gemüsesorten Radicchio, Eskariol und Frisée ebenso wie der beliebte Chicorée auf die Wilde Zichorie, die Gemeine Wegwarte, zurück.

Preußenkaffee oder Muckefuck

Aus der verdickten Wurzel der kultivierten Pflanze hat man andererseits schon seit dem 17. Jahrhundert Zichorienkaffee, den bekannten und bis ins 20. Jahrhundert verwendeten Kaffee-Ersatz, geröstet. Friedrich der Große ließ rund um Berlin, Breslau und Magdeburg den „Preußenkaffee" anbauen, weil der echte Türkentrank zu teuer war. Bereits seit 1790 betrieben Braunschweiger und Magdeburger Kaufleute damit einen schwunghaften Handel. Hugenottische Einwanderer prägten damals den Begriff „mocca faux" (falscher Kaffee), mit dessen verballhornter Version „Muckefuck" man noch heute einen sehr dünnen Kaffee bezeichnet.

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