Immobilien : Geheimnisvoller Frühlingsblüher

Die Schlüsselblume – ein Symbol der Hoffnung und Erneuerung

Gert D. Wolff

Ihr Anblick lässt trübe Wintergedanken verfliegen. Denn seit jeher signalisieren goldgelbe Schlüsselblumen, wenn sie mitunter schon ab Ende März auf trockenen Wiesen, an Waldrändern oder in Gärten erscheinen, dass der Winter besiegt und der Frühling nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Form ihrer in einer Dolde angeordneten Blüten, die einen zarten Honigduft verströmen, erinnert an einen Schlüsselbund. Aus diesem Grund und weil die hübsche Frühlingskünderin obendrein besondere Heilkräfte besitzt, brachte man sie früher mit dem Himmel in Verbindung. Einer Legende nach waren St. Petrus, dem Wächter der Himmelspforte, einst seine Schlüssel entglitten und zur Erde gefallen. Dort schlugen die „Himmelsschlüssel“ Wurzeln und verwandelten sich in die schöne Blume, die den Frühling „aufschließt“ und bis etwa Mai blüht. Auf das frühe Erscheinen bezieht sich der lateinische Name Primula. Er bedeutet so viel wie „kleiner Erstling“.

Besondere Beachtung als Frühlingsbote, Heil- und Zauberpflanze fand bei unseren Vorfahren die früher noch sehr häufig vorkommende Wiesenschlüsselblume (Primula veris). Das belegen die vielen volkstümlichen Namen wie etwa Glücksblume, Fastenblume oder etwa Gamsschlingerl. Der Name Frauenschlüssel weist sie als Mariensymbol aus. Im Mittelalter galt die damals schon als „himelsslüzzel“ bezeichnete Pflanze, von der Hildegard von Bingen sagte, ihre heilkräftige Wirkung öffne die Himmelstüren, als hervorragende Arzneilieferantin. Sie hieß daher auch Primula officinalis (Medizinprimel), Allerweltsheiler, Gichtblume oder Kraftblume.

Tatsächlich sagte man der kleinen Frühlingskünderin wahre Wunderkräfte nach. Aus den Wurzeln und Blüten, die reichlich Saponin, Schleimstoffe, Glykoside und ätherische Öle enthalten, gewannen die Heilkundigen Arzneimittel vor allem gegen Gicht, Rheuma, Schlaganfall, Herzschwäche und Kopfschmerzen. Aber auch die Schönheitspflege kam offenbar nicht zu kurz. So erwähnt zum Beispiel der große Botaniker Hieronymus Bock, der im 16. Jahrhundert die Pflanzen Süddeutschlands in seinem Kräuterbuch beschreibt, die Verwendung der Schlüsselblume als Hautpflegemittel. Auch in Form eines Tees aus den Blüten, einer Salbe als Fruchtbarkeitsmittel und als Bestandteil eines Weins erfreute sich die Blume großer Beliebtheit. Nach altem Volksglauben genügte es sogar schon, drei der gelben Blüten zu verschlucken, um gegen Gelbsucht und Fieber geschützt zu sein. Selbst krankem Vieh sollte die getrocknete Schlüsselblume helfen, sofern man sie vor Sonnenaufgang gepflückt hatte und in der Walpurgisnacht (30. April) ins Futter mischte.

Von der wunderkräftigen Frühlingsblume, der man nachsagte, dass sie zu Ostern den Himmel aufschließt, erhoffte man sich früher auch Liebesglück: Fand ein junges Mädchen in der Karwoche eine blühende Schlüsselblume, konnte es davon ausgehen, noch im selben Jahr zu heiraten. Und wenn die ersten erblühten Wald- und Wiesenschlüsselblumen besonders lange Stiele hatten, glaubte man, dass auch die Gerste oder der Hanf lang werden. So groß war der Glaube an die magischen Kräfte der Pflanze, dass man ihr auch zutraute, beim „Erschließen“ verborgener Schätze wirksam zu sein. In vielen landschaftlich nur geringfügig voneinander abweichenden Sagen findet ein Jüngling oder Hirte eine Schlüsselblume und kann damit ein Felsentor zu einem verborgenen Schatz öffnen. Weil er die Zauberblume jedoch im Berg vergisst, obwohl eine Stimme warnt: „Vergiss das Beste nicht!“, geht er schließlich leer aus und kommt ohne den Schatz zurück.

Neben der wilden Wiesenschlüsselblume zählt zu unseren heimischen Vertretern unter anderem die nicht duftende Waldschlüsselblume (Primula elatior), auch Hohe Primel genannt. Sie ist vor allem in Süddeutschland recht häufig zu finden und hat etwas hellere, schwefelgelbe Blüten mit orangefarbenem Schlund. Beide gehören zu der mit über 500 Arten auf der nördlichen Halbkugel vertretenen Gattung der Primelgewächse. Im Gegensatz zu den gelb blühenden Primelarten im Flachland bringen jene in alpinen Regionen rosa, violette bis blaue Blüten hervor. Eine Ausnahme bildet die goldfarbene alpine Aurikel (Primula auricula). Sie wurde im 19. Jahrhundert eine Zeit lang regelrecht zu einer Modeblume. Heute ist sie besonders schutzbedürftig. In Österreich ziert sie die dortige Fünf-Cent-Münze.

Wilde Schlüsselblumen stehen, weil sie als Folge der intensiven chemischen Düngung in ihrem Bestand gefährdet sind, bei uns unter Naturschutz. Dafür bietet der Handel seit langem eine große Auswahl an Gartenprimeln in unterschiedlichsten Farben und Formen als Beet- und Balkonpflanzen an. Etwa 160 Millionen der beliebten Blumen werden bei uns jedes Jahr verkauft, darunter auch Kultursorten der heimischen Schlüsselblumen. Vorsicht ist allerdings bei der ähnlich aussehenden, aus China stammenden Giftprimel (Primula obcinica) geboten: Bei ungeschützter Berührung mit der Haut kann die gefürchtete Primeldermatitis mit Juckreiz, Hautentzündungen oder Bläschenbildung auftreten.

Die wertvollen Inhaltsstoffe der Schlüsselblume werden auch heute noch zu medizinischen Zwecken verwendet. Weil die wild wachsenden Pflanzen bei uns geschützt sind, werden die benötigten arzneilichen Rohstoffe in großen Mengen aus Osteuropa eingeführt.

Auch wenn sich heute mit der einstigen Glücksblume, keine verborgenen Schätze mehr heben lassen – ein beglückender Anblick ist die wild wachsende Schönheit allemal und auch ihre kultivierten Schwestern stellen eine Bereicherung dar.

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