Großsiedlungen : Das wirft man nicht weg. Das baut man um

Wenn die Moderne im Alltag ankommt, werden Wohngebiete auf der grünen Wiese zu ganz normalen Stadtteilen. Es geht nur darum, sie richtig zu nutzen. Abreißen ist jedenfalls keine Option.

Wolfgang Kil
Ein zurückgebauter Wohnblock der „Ahrensfelder Terrassen“ in Marzahn. Im Bild aus dem Jahr 2004 sind hinten noch die ursprünglich elfgeschossigen Plattenbauten erkennbar. Von rund 1600 Wohnungen blieben nur 400 übrig – so wurde der Stadtteil aufgewertet.
Ein zurückgebauter Wohnblock der „Ahrensfelder Terrassen“ in Marzahn. Im Bild aus dem Jahr 2004 sind hinten noch die ursprünglich...Sören Stache/dpa

Großsiedlungen waren einmal das Versprechen einer leuchtenden Zukunft! Heute sind sie in den meisten Ländern Europas nicht mehr sonderlich beliebt. Die großen Strukturen gelten als wenig wohnlich, als tristes Schicksal der sozial Benachteiligten. Am besten weg damit!

Aber so einfach geht das nicht. Es ist die schiere Masse, wegen der man nicht auf sie verzichten kann. Also lauten die entscheidenden Fragen: Was können Großsiedlungen für Städte bedeuten? Für wen sind sie wichtig? Wie kann man sie fit machen für eine wie auch immer geartete Zukunft? Diesen Fragen widmet sich noch bis 31. Juli das Festival Raster : Beton in Leipzig-Grünau.

Anstatt nun eine vermeintlich spezielle, auf bestimmte soziale Gruppen zugeschnittene Wohnform zu untersuchen, sei hier behauptet: Großsiedlungen gehören zur normalen Stadt. Es kommt nur darauf an, dass man ihnen diese Normalität nicht verwehrt. Denn damit aus einer Ansammlung von Häusern ein vitales Stadtgebilde werden kann, ist ein historischer Prozess zu absolvieren. Nicht nur Bäume und Sträucher brauchen Jahre, um so lauschig wie auf den Architektenzeichnungen auszusehen; auch unter neuen Nachbarn muss so etwas wie „soziale Substanz“ erst heranreifen, eine neue Generation heranwachsen. Für all das braucht es Zeit.

Die Großsiedlung Leipzig-Grünau feiert ihr 40. Jubiläum. Das wird am 25. und 25. Juni mit einem Symposium gewürdigt.
Die Großsiedlung Leipzig-Grünau feiert ihr 40. Jubiläum. Das wird am 25. und 25. Juni mit einem Symposium gewürdigt.Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Städte sind steingewordene Spiegelbilder ihrer Gesellschaften

Jedes Jahrhundert baut seine Art von Städten. In den mal einfacheren, mal komplexeren Beziehungen zwischen Wohnung, Haus, Straße, Platz und Umland verräumlichen sich funktionale Erfordernisse der jeweils herrschenden Ökonomie und die sozialen Ideen ihrer Erbauer. Wenn aber Städte steingewordene Spiegelbilder ihrer Gesellschaften sind – was geschieht, wenn diese Gesellschaften sich ändern? Kein Grund zur Sorge! Irgendwann wurden alle Städte mal zu eng, zu unpraktisch, schlicht unmodern. Und natürlich war dann Veränderung angesagt. Funktionelle Anpassungen sind unvermeidbar für jede Stadtgeschichte.

Aus dem Zyklus "Erinnerung an eine Zukunft": Bild von Laurent Kronental in der Ausstellung Raster : Beton.
Aus dem Zyklus "Erinnerung an eine Zukunft": Bild von Laurent Kronental in der Ausstellung Raster : Beton.Foto: Laurent Kronental

Nun haben Großsiedlungen oder gar Stadtneugründungen weltweit stets ein gleiches Grundproblem – den Masterplan. In ihm steckt der Glaube an eine vom Menschen erschaffbare Welt. Diese im Grunde idealistische Idee kann technische Probleme lösen helfen. Aber sie ist untauglich zur Erzeugung von etwas, das als unverzichtbar für städtisches Leben gilt: Atmosphäre. Niemals wird die von den Reißbrettern der Planer kommen, im Gegenteil!

Der atmosphärisch reiche und lebendige, also „urbane“ Stadtraum ist in gewisser Weise der Gegensatz zu dem, was Planung verspricht: umfassende Kontrolle. Früher oder später wird jeder wirklich lebendige Ort von den Plänen und glatten Schaubildern abweichen. Noch die rasanteste Computersimulation kann niemals die ganze Cómedie humaine eines wirklichen Straßenalltags wiedergeben.

Wilmersdorf war eine riesige Großbaustelle am Stadtrand

Großsiedlungen brauchen die Anerkennung ihrer eigenen Geschichtlichkeit. Wer sich allein an deren „lebensferner Künstlichkeit“ abarbeitet, unterstellt dem Ausgangsplan starre Unabänderlichkeit. Dagegen gilt: Auch Gründerzeitviertel, allenthalben Inbegriff der gewachsenen Stadt, wurden ja einst nach Masterplänen auf die grüne Wiese gesetzt. Wilmersdorf etwa, heute als bürgerliches Idealbild präsentiert, war zwischen 1888 und 1905 eine riesige Großbaustelle weit draußen am südwestlichen Stadtrand Berlins. Innerhalb von fünfzehn Jahren wurde dort Wohnraum für 145.000 Menschen aus dem märkischen Sand hochgezogen.

Das sind annähernd gleiche Mengen und zeitliche Umstände wie knapp hundert Jahre später beim Aufbau von Marzahn. Und für Zeitgenossen damals waren Mietskasernen ebenfalls Zeugnisse von Menschenverachtung schlechthin. Wie lange hat es gedauert, bis aus dem urbanistischen Schreckbild ein nostalgisch idealisiertes Stadtmodell werden konnte! Heute können wir uns kein urbaneres Ambiente vorstellen. Aber dann vergleiche man das klägliche Zille-Milieu mit heutigen Wohnansprüchen: Man kann die alten Häuser heute nur lieben, weil sie (und wir) nicht mehr so sind, wie es früher einmal war.

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