Immobilien : Immer warm, mit Sonne, Erde, Luft

Keine Zukunftsmusik: Heute schon rechnet es sich, beim Bauen auf konventionelle Heizsysteme zu verzichten

Veronika Csizi

Auch wenn moderne Heizungsanlagen effizienter mit dem Brennstoff umgehen als ihre Vorgänger vor zehn oder zwanzig Jahren – schmerzhaft hohe Heizkosten gehören angesichts gestiegener Öl- und Gaspreise auch für die meisten Neubaubesitzer zum Alltag. Dabei erlaubt moderne Technik inzwischen Bauten, die komplett ohne konventionelle Heizsysteme auskommen – auch im kalten Deutschland. Mit einem umgerechneten Verbrauch von 1,5 Litern Heizöl pro Quadratmeter und Jahr ist das Passivhaus zurzeit die Bauform, bei der das Verhältnis zwischen Kosten beim Bau, Energieeinsparung und Klimaschutz am günstigsten ist. Altbauten schlucken bis zu 40 Liter, ein Niedrigenergiehaus verbraucht noch zehn bis elf Liter Öl je Quadratmeter.

Heizkörper braucht es keine im Passivhaus. Anders als Standardgebäude nutzt es die einfallende Sonne, aber auch die Körperwärme von Menschen und die Abwärme von Elektrogeräten. Daneben verfügt es über eine ausgeklügelte Wärmedämmung mit speziell verglasten Fenstern und über Belüftungssysteme, die ebenfalls zur Wärmenutzung beitragen. Ist es im Winter zu kalt, greifen eine Holzpellet- oder Erdwärmeheizung oder ein Kamin ein – aber nur unterstützend. Mindestens 6 000 Passivhäuser stehen bisher in Deutschland. In Borgsdorf nördlich von Berlin bewohnt etwa das Architektenteam Oliver Jirka & Martina Nadansky ein schlichtes 160-Quadratmeter-Haus im Schweden-Stil, das trotz ungünstiger Lage unter Bäumen komplett ohne konventionelle Energiezulieferung auskommt. Erwärmt werden die Räume über ein Lüftungssystem: Die Zuluft wird im Erdkanal vorgewärmt und im Wärmetauscher mit der Energie von Sonnenkollektoren und der Wärmepumpe auf die Solltemperatur gebracht. Hinterher wird der Abluft die Wärme wieder entzogen. Dass sich die Bauform noch nicht breit durchgesetzt hat, liegt laut Planer Oliver Jirka schlicht an den Mehrkosten. Wer ein Passivhaus baue, müsse etwa sieben bis zehn Prozent mehr Geld in die Hand nehmen, bestätigt auch Sebastian Herkel, Leiter der Arbeitsgruppe Solares Bauen beim Freiburger Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme.

Doch die Investition lohnt sich. Über 20 Jahre gesehen, rechnet Architekt Jirka vor, sei ein Einfamilienhaus in Passivbauweise mit 150 Quadratmetern Wohnfläche 17 000 bis 18 000 Euro billiger als ein normales Niedrigeenergiehaus. Sollten Öl- und Gaspreise weiter steigen, dann rechnen sich die Mehrkosten beim Bau sogar noch schneller.

Auch die Fertighausbranche hat sich auf das Thema eingestellt. So bietet Haacke-Haus alle Haustypen im Drei-Liter-(Öl pro Quadratmeter-)Standard an. Die Haacke’sche „Villa“ erreicht sogar Passivhausniveau und arbeitet mit Sonnenenergie und einem Holzpelletkamin. Finger-Haus, einer der Pioniere der Branche, baut inzwischen sogar rund 70 Prozent der Häuser ohne fossile Energieversorgung. Für Wärme und Warmwasser sorgen meist Erdwärmeheizungen. „Die Bauherren kostet das nur 9 000 Euro mehr“, sagt Finger-Sprecherin Kerstin Lidgett. Auch Passivhäuser seien machbar, allerdings mit einem Aufpreis von etwa 25 000 Euro im Vergleich zu einem „normalen“ Haus.

Wer energetisch alles ausreizen will, der kann sogar noch mehr tun. Null- oder Plusenergiehäuser, die netto mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen, sind technisch machbar. Solche Gebäude erzeugen Energie zum Beispiel durch die Nutzung von Sonnenenergie. Im Sommer wird ein Überschuss erzeugt, den der Hausbesitzer ins Stromnetz einspeisen kann. Produziert das Haus im Winter weniger Strom, zapft der Hausbesitzer das öffentliche Netz an. Je nach Größe der Sonnenkollektoren ist die Energiebilanz des Hauses damit ausgeglichen oder sogar positiv.

Gegenwärtig zahlen die Netzbetreiber für den hausgemachten Strom subventionierte 49,21 Cent pro Kilowattstunde. Für neue Anlagen sinkt der Satz zwar kontinuierlich jedes Jahr. Wer 2007 eine Sonnenstromanlage in Betrieb nimmt, erhält aber 20 Jahre lang den gleichen Satz und hat Planungssicherheit. Mit Weber-Haus bietet sogar schon ein Fertighausbauer die Plusenergiehäuser an. Laut Firmensprecher Holger Kotzan sorgt ein eigens entwickeltes Außenwandmaterial für eine Dämmung, die 65 Prozent besser ist, als es die Energieeinsparverordnung vorgibt. Hinzu kommen eine Erdwärmepumpe für Heizung und Warmwasser sowie eine Fotovoltaikanlage zur Stromproduktion, die nach Angaben von Weber-Haus unter optimalen Bedingungen im Jahr 230 Kilowattstunden mehr produziert, als benötigt werden. Bei 109 Quadratmetern Wohnfläche koste das Plusenergiehaus schlüsselfertig unter 200 000 Euro, so das Unternehmen. Allerdings: Ein komplettes Haus der Bauform hat das Unternehmen noch nicht verkauft. Die meisten Bauherren, sagt Kotzan, begnügten sich mit einzelnen Komponenten, beispielsweise einer Erdwärmeheizung.

Generell geht der Trend zum Mix aus verschiedenen erneuerbaren Energien. Anders als noch in den neunziger Jahren, als der Freiburger Architekt und Solarenergiepionier Rolf Disch sein Heliotrophaus baute, ein Wohn- und Arbeitsgebäude, das sich den ganzen Tag zur Sonne hin dreht. Zwar sei es, erklärt Fraunhofer-Forscher Herkel, in allen Regionen Deutschlands möglich, Häuser zu bauen, deren Energiebedarf zu 100 Prozent von der Sonne stammt. Aus wirtschaftlichen Gründen und wegen des Platzbedarfs der Sonnenkollektoren sei aber die Kombination verschiedener Energien sinnvoller.

Der Bundesverband Solarwirtschaft geht trotzdem davon aus, „dass 2030 die Mehrheit aller Neubauten mit Solarenergie beheizt wird“. Und noch andere Visionen liegen in den Schubladen der Forscher: Statt eines großen könne man beispielsweise viele kleine, effektivere Wasserspeicher einsetzen, erklärt Herkel. Die BASF hat dazu etwa einen Gipskarton für Hauswände entwickelt, in dessen Inneren sich Wachskügelchen befinden, die Wärme und Kälte lange halten können, wodurch sie im Sommer kühlen und im Winter wärmen. Zukunftsmusik ist auch noch der breite Einsatz von Mikroblockheizkraftwerken in Privathäusern, die mit Brennstoffzellen emissionsfrei und klimaneutral arbeiten. Denkbar sind laut Herkel zudem solaroptimierte Fenster und solaraktive Fassadenelemente, die Sonnenwärme im Mauerwerk speichern und deren Energiebilanz über das ganze Jahr positiv ist.

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