Immobilien : "Kein Kampf gegen Windmühle"

CHRISTOF HARDEBUSCH

Während das Land Berlin den Bau von Eigenheimen forciert, kürzt der Nachbar Brandenburg seine Fördermittel für den Neubau von Mietwohnungen.In dem Flächenland kommt nur der Altbau ungeschoren davon.Werkssiedlungen wie Marga spielen in der Förderung eine wichtige Rolle.Nur in den komplexen Wohnungsbau, also in "die Platte", fließen noch mehr Mittel.Über Gründe und Konsequenzen der neuen Wohnungspolitik sprach Christof Hardebusch mit Brandenburgs Bauminister Hartmut Meyer (SPD).

TAGESSPIEGEL: Im Jahr 1997 förderte das Land Brandenburg noch den Neubau von rund 5000 Wohnungen.Wie geht es angesichts knapper öffentlicher Mittel weiter?

MEYER: Wir haben das Gesamtvolumen der Wohnungsbauförderung gegenüber dem sehr hohen Niveau der Vorjahre zurückgenommen.Dennoch werden in diesem und im kommenden Jahr 3000 Wohnungen mit öffentlicher Förderung neu gebaut und 9200 Wohnungen umfassend modernisiert und instandgesetzt.Besonders wichtig ist mir dabei, daß die Erneuerung der Wohnungsbestände vor allem in den Siedlungen der Gründerzeit, der 20er, 30er und 50er Jahre sowie in den Werkssiedlungen und in Gebieten des komplexen Wohnungsbaus auf dem bisherigen Förderniveau verstetigt wird.

TAGESSPIEGEL: Wird der Neubau Opfer des Sparzwanges oder ist genug gebaut worden?

MEYER: Weder noch.Wir konnten die Neubauförderung etwas zurückfahren, weil sich der Wohnungsmarkt weitgehend entspannt hat, nicht zuletzt durch unsere Förderung.Notwendig ist aber weiterhin die Förderung des Neubaus von Eigenheimen für Familien, insbesondere für solche mit mehreren Kindern.Und auch der Neubau von Mietwohnungen in kleineren Einheiten an ausgewählten Standorten ist im Sinne nachhaltiger Wohnungspolitik weiterhin erforderlich.

TAGESSPIEGEL: Welche Bedeutung hat die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) für den Brandenburgischen Wohnungsbestand?

MEYER: Die Treuhand übernahm 1991 große Teile des Werkssiedlungsbestandes im Land Brandenburg mit der Maßgabe, diese zu privatisieren.Der dabei eingeschlagene Weg der Einzelprivatisierung führte zunächst dazu, daß der ganzheitliche Charakter der Siedlungen zum Teil erheblich beeinträchtigt wurde, weil Häuser individuell gestaltet wurden.Die Alternative hierzu konnte nur darin liegen, Siedlungen in ihrer Gesamtheit zu erhalten und als geschlossene Mietwohungungsbestände durch eine geförderte Instandsetzung und Modernisierung wiederherzustellen.Es wäre wünschenswert, wenn die TLG ihrem Beispiel Marga folgen würde.Sie müßte sich an weiteren Standorten für die Erhaltung dieser zum Teil doch sehr wertvollen Wohnungsbestände engagieren.Dies gilt sowohl aus städtebaulich-architektonischer als auch aus historischer und denkmalpflegerischer Sicht.

TAGESSPIEGEL: Marga liegt in einer der ärmsten Regionen Deutschlands.Erhoffen Sie sich von der Sanierung Margas wirtschaftliche Impulse?

MEYER: Ja, insbesondere für das regional ansässige Baugewerbe.Das Investitionsvolumen beträgt immerhin rund 78 Mill.DM.Darüber hinaus wird der Standort Brieske mittelfristig sowohl für Investoren bei der gewerblichen Neuansiedlung als auch für Touristen einen höheren Stellenwert erhalten.

TAGESSPIEGEL: Marga ist Teil des EXPO-Modellprojekts "Lausitzer Leuchttürme".Welche Vorteile bringt das der Siedlung, welche dem Land?

MEYER: Nach langen Zeiten des Verfalls wird Marga als Denkmal und Kulturgut wieder erlebbar.Diese erste deutsche Gartenstadt ist für zahlreiche Besucher attraktiv.Für das Land kann Marga als Demonstrationsobjekt und Beispielvorhaben für die Wiederherstellung erhaltenswerter Siedlungen und für die Wiederbelebung des Werkssiedlungsgedankens Bedeutung erlangen.

TAGESSPIEGEL: Die 60 000 Werkssiedlungswohnungen in Brandenburg werden vom Land überproportional gefördert.Warum?

MEYER: Die Ursachen hierfür liegen in der seit Jahren praktizierten konsequenten Hinwendung der Landespolitik zu einer nachhaltigen Wohnungspolitik.Ein Schwerpunkt der Wohnungsbauförderung ist die Erhaltung und Wiederherstellung von geschlossenen Siedlungsbeständen.Dies gilt insbesondere für ehemalige Werkswohnsiedlungen sowie die sie umgebenden Gebäude und Außenanlagen.Ihr Bestand wird durch Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen gesichert.Und in ihnen finden wir Wohnformen, die heute noch Vorbildcharakter haben und entsprechend nachgefragt werden.Ursache dafür ist, daß diese Siedlungen überwiegend ausgezeichnet sind durch hervorragende städtebauliche Eigenschaften, architektonische Details, flexibel nutzbare Grundrisse und zum Teil gartenstädtisch gestaltete Anlagen mit Haus- oder Mietergärten sowie viele privat nutzbare Grün- und Freiräume.Die Wohnungen stellen ein bedeutendes Potential an preiswertem und qualitativ hochwertigem Wohnraum für Mieter in unteren und mittleren Einkommensgruppen dar.

TAGESSPIEGEL: In Brandenburg stehen rund 350 000 Plattenbauwohnungen.Für 5000 davon stellen Sie im laufenden Jahr Mittel bereit.Kämpfen Sie angesichts dieser Zahlen nicht wie ein Don Quijote?

MEYER: Mit Landes- und Bundesmitteln wurden zwischen 1991 und 1997 insgesamt an 117 000 Wohnungen in industrieller Bauweise Wohnwertverbesserungen wirksam.Das entspricht etwa einem Drittel des Gesamtbestandes.Es ist davon auszugehen, daß 1998 mindestens weitere 10 000 Wohnungen hinzukomen, je zur Hälfte mit Bundes- und Landesförderung.Dadurch sind nach 1998 noch 218 000 Wohnungen zu modernisieren und instandzusetzen.Bei einer Fortschreibung des jährlichen Programmvolumens von 5000 Wohnungen werden 43 Jahre für die abschließende Sanierung der in Frage kommenden Wohnungen in Gebieten des komplexen Wohnungsbaus benötigt.Trotz der vielen Jahre, die zur Angleichung der Wohnverhältnisse an die westlichen Bundesländer in solchen Gebieten nötig sind, ist die Fortführung der Landesförderung für diese Wohngebäude kein Kampf mit Windmühlen.Vielmehr ist sie auf lange Sicht die Lösung eines wohnungswirtschaftlichen Problems.Das besteht in der Bereitstellung von preiswertem und modernem Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung des Landes Brandenburg.

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