Künstlerateliers in Lichtenberg : Der Reiz des Rauen

Zwischen Bikerclub und Recyclinghof: Mitten im Lichtenberger Industriegebiet haben sich zahlreiche Künstler und Kreative angesiedelt

von
Das alte Pförtnerhaus wird in der Herzbergstraße zur Galerie.
Das alte Pförtnerhaus wird in der Herzbergstraße zur Galerie.Foto: Promo/The Proposal 2015

Im ehemaligen Pförtnerhaus des Gewerbeareals in der Herzbergstraße 40-43 in Berlin-Lichtenberg scheint die DDR konserviert zu sein. Die Verteilerkästen sind jedenfalls nie erneuert worden, und sogar das Infoblatt „Betreiben elektrotechnischer Anlagen – EVP (also Endverbraucherpreis) 10,50 M“ hängt noch an der Wand. Und doch hat sich das Häuschen grundlegend verändert: Matratzen auf dem Boden scheinen als Schlaflager zu dienen, und hinter dem Gebäude erhebt sich ein sechs Meter hoher schwarzer Turm aus Glas, Stahl und Holz.

„The Tower is present“ hat Jeremie Maret aus Zürich seine Installation genannt. Lange hielt der junge Künstler und Galerist in Berlin Ausschau nach Räumlichkeiten für seine Galerie „The Proposal“. Die Suche führte ihn auch in eine Tiefgarage am Strausberger Platz. „Der Makler meinte, der Raum sei wohl doch nicht das Richtige für meine Zwecke“, erzählt Maret. „Aber ich solle mich doch mal an den Eigentümer wenden.“

Der hatte tatsächlich eine Alternative zu bieten. Denn es handelte sich um den Kunstsammler Axel Haubrok, der mit seiner Frau Barbara seit 2013 auch Eigentümer des Gewerbeareals in der Herzbergstraße ist. Auf dem 18 000 Quadratmeter großen Grundstück im Lichtenberger Industriegebiet ist seither in 60 Mieteinheiten eine ungewöhnliche Nutzungsmischung entstanden: Es gibt gewerbliche Mieter wie einen Reifenhandel, eine Autowerkstatt und den Arbeiter-Samariterbund, aber auch Künstlerateliers. In der früheren Einsatzleitung der Fahrbereitschaft – so haben die Haubroks den Komplex genannt – zeigt die Foundation Haubrok zudem Kunstwerke, momentan von Florian Pumhösl.

Die wilde Mischung trifft den Nerv der Kreativen

Dabei ist die Fahrbereitschaft von den Kunstmeilen der Innenstadt denkbar weit entfernt – nicht nur geografisch. Die Herzbergstraße ist seit dem 19. Jahrhundert ein Industrie- und Gewerbegebiet, entsprechend rau ist die Atmosphäre: In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich ein Recyclinghof der Firma Alba, diverse Kleinbetriebe, ein Motorradclub und ein leer stehendes Umspannwerk. Am bekanntesten aber ist das Dong Xuan Center, der riesige vietnamesische Markt auf dem Areal des ehemaligen VEB Elektrokohle.

Diese wilde Mischung scheint den Nerv vieler Kreativer zu treffen. Denn die Fahrbereitschaft ist nicht die einzige künstlerisch genutzte Immobilie in der Straße. So beherbergt die denkmalgeschützte ehemalige Margarinefabrik Berolina in der Herzbergstraße 55 rund 200 Künstlerateliers. Und in der Herzbergstraße 123 hat sich der Verein Alte Gießerei angesiedelt, der Projekträume für Handwerker anbietet.

Dass sich Künstler und Kreative so weit in den Osten Berlins vorwagen, ist nicht nur dem Reiz der Umgebung geschuldet. Für sie wird es immer schwieriger, in der Innenstadt passende Räume zu finden. Wie dramatisch die Situation ist, zeigte jüngst eine von der Senatskanzlei durchgeführte Online-Umfrage. Von gut 1200 bildenden Künstlern, die sich an der Umfrage beteiligten, suchen fast 60 Prozent ein günstiges Atelier. „Vor allem die steigenden Mietpreise, die Atelierverdrängung und der Mangel an bezahlbaren Arbeitsräumen werden von Künstlerinnen und Künstlern hervorgehoben“, fasst die Senatskanzlei die Ergebnisse zusammen.

Insofern kommt der Herzbergstraße nach Ansicht der Organisatoren des jetzt zu Ende gehenden stadtentwicklungspolitischen Festivals „Make City“ eine beispielhafte Bedeutung zu. Die Projekte hätten „Modellcharakter für eine Stadt wie Berlin, die durch das massive Auftreten von Großinvestoren nicht nur erheblichen Kauf- und Mietpreissteigerungen, sondern infolgedessen auch einer kaum zu bremsenden Gentrifizierung ausgesetzt ist“, halten die Verantwortlichen fest. Im Rahmen von „Make City“ öffneten die Fahrbereitschaft und die Kunstfabrik HB 55 am vergangenen Wochenende ihre Tore.

Kunst und Gewerbe - wie verträgt sich das?

Dabei bot besonders die Fahrbereitschaft spannende Einblicke. Sie heißt so, weil hier ab 1954 die Abteilung für Verkehr der DDR angesiedelt war, die einen umfangreichen Fuhrpark betreute. Die Geschichte des Ortes geht aber noch weiter zurück: Bereits 1901 nahm eine Spiritusfabrik hier ihren Betrieb auf.

Von den Gebäuden aus dieser Zeit überstand aber nur ein einziges den Zweiten Weltkrieg. Im zweiten Stock dieses Klinkerbaus ist eine einwandfrei funktionierende DDR- Kegelbahn zu bestaunen. Ein weiteres Stück DDR hat sich im ehemaligen Kasino erhalten.

Doch wie verträgt sich die künstlerische Nutzung mit dem Gewerbecharakter des Gebiets? Nur eingeschränkt. „Die produzierende Tätigkeit der Künstler in ihren Ateliers ist kein Problem“, erläutert Klaus Güttler-Lindemann, Fachbereichsleiter Stadtplanung im Bezirksamt Lichtenberg. „Aber dauerhafte Veranstaltungen wären es.“

Die Herzbergstraße gehört nämlich laut dem 2011 vom Berliner Senat beschlossenen „Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe“ als einer von vierzig Standorten zum „Entwicklungskonzept für den produktionsgeprägten Bereich“. In diesen Gebieten sind Nutzungen, die nichts mit Produktion zu tun haben, „weitestgehend“ ausgeschlossen. Sonderveranstaltungen wie während des Gallery Weekend würden indes „geduldet“, sagt Güttler-Lindemann.

Wohl wegen dieser rechtlichen Grauzone nennt die Sammlung Haubrok keine festen Öffnungszeiten. Und Künstler Jeremie Maret nutzt das Pförtnerhäuschen nur bis Ende Juli – was er bedauert. Gerade den Austausch mit den Gewerbemietern findet er befruchtend.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben