Restschulden versichern : Vorsicht Fallstricke

Restschuldversicherungen sind Verbraucherschützern in Deutschland seit rund 20 Jahren ein Dorn im Auge. Die umstrittenen Finanzprodukte sind meist überflüssig.

Dirk Ulbricht
Eine offizielle und belastbare Datenbasis zu versicherungstechnischen Problemen fehlt.
Eine offizielle und belastbare Datenbasis zu versicherungstechnischen Problemen fehlt.Foto: dpa

Vor einigen Wochen nahm ein 26 Jahre junger Verbraucher einen Kredit von 6200 Euro auf. Das wäre nichts Besonderes, hätte er nicht noch 1700 Euro für eine Lebensversicherung draufgelegt. Das hat er aber. Er ist auf ein Lockangebot hereingefallen. Und neue Zahlen belegen, wie schädlich solche Geschäfte tatsächlich sind.

Aktuell verkaufen Banken viele Null-Prozent-Finanzierungen. Häufig werden derartige Kredite durch überteuerte und unnötige Versicherungen abgesichert. Dann zahlt der Kunde zwar null Prozent Zinsen, die Versicherung und die damit verbundene, versteckte Provision der Versicherung an die Bank fallen aber trotzdem an. Diese sind überdurchschnittlich hoch und werden selbst bei vorzeitiger Kreditkündigung nur in geringem Maße erstattet. Die Versicherungsbeiträge müssen immer im Voraus gezahlt werden, sie werden auf den Kredit aufgeschlagen und somit auch verzinst. Profitieren tut davon in der Regel vor allem einer: der Finanzdienstleister. Das Ausfallrisiko sinkt und die Provisionen ersetzen die Zinsgewinne, die die aktuelle Niedrigzinsphase weitestgehend zunichte gemacht hat.

2014 hat sich die Zahl der Versicherungen verdoppelt

Seit rund 20 Jahren kritisieren Stiftung Warentest und Verbraucherzentralen dieses Finanzprodukt. Während die krassesten Auswüchse der Restschuldversicherung in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien bereits vor Jahren von der Finanzaufsicht abgestellt wurden, passiert in Deutschland erstmal nichts. So weit, so schlecht.

Immerhin konnte man sich jahrelang damit trösten, dass die Zahl der Restschuldversicherungen stetig abnahm. Jedenfalls scheinbar. Die Anzahl der von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) gemeldeten Verträge ging seit Anfang des Jahrtausends von 4,3 Millionen Verträgen stetig auf 1,5 Millionen im Jahr 2013 zurück. Dieses Jahr nun das: Die aktuellen Zahlen der BaFin zeigen, dass diese Zahl sich 2014 verdoppelt hat. Was war passiert? Die Credit Life AG, Neuss, hat sich mit Credit Life International N.V., Venlo, verschmolzen, wodurch sich die Aufsicht geändert hat. Da die BaFin plötzlich innerhalb des europäischen Aufsichtssystems zuständig ist, muss sie die darunter fallenden Verträge jetzt in ihrem Berichtswesen der Behörde aufnehmen.

Dieses Ereignis wirft ein Schlaglicht auf einen haarsträubenden Umstand: Zu vielen verbraucherrelevanten, insbesondere versicherungstechnischen Problemen fehlt eine belastbare, offizielle Datenbasis. An nicht offiziellen Daten freilich besteht kein Mangel. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft veröffentlicht ebenfalls Zahlen zu den Restschuldversicherungen. Doch dieser oder vielmehr auch dessen Mitgliedsunternehmen sind hier Berichterstattende und Berichtsobjekt zugleich. Bemerkenswerterweise findet sich der oben beschriebene Sprung auch in der Statistik des Verbandes, obwohl dieser sich wahrscheinlich nicht an aufsichtsrechtliche Zuständigkeiten zu halten hat.

Verlässliche Daten würden dabei helfen, die Missstände zu beseitigen

Vom Bankenverband wiederum gibt es auch eine interessante Statistik zu Restschuldversicherungen, die die Gesellschaft für Konsumforschung erhebt. 65 Prozent derjenigen, die eine Restschuldversicherung abgeschlossen haben, sind laut dieser Umfrage damit „sehr/äußerst zufrieden“. Ist die Frage nach der Zufriedenheit so überhaupt sinnvoll? Müsste man nicht eher diejenigen fragen, die sie in Anspruch nehmen mussten, wie zufrieden sie waren?

Hier wäre eine repräsentative Umfrage jedoch deutlich aufwändiger. Bei lediglich 0,15 Prozent der abgeschlossenen Versicherungen kommt es laut BaFin überhaupt zu einem Schaden. Von den 136 Ratenkreditnehmern, die man in der von der GfK durchgeführten repräsentativen Stichprobe von 1829 Interviewten gefunden hat, wären das 0,20 Menschen – das gibt es dann nur statistisch.

Die Hofberichterstattung für und der Finanzdienstleister hilft niemandem. Schön wäre es, wenn es nicht nur in diesem Bereich verlässliche Daten einer Behörde gäbe. Das würde helfen, die wirklich wichtigen Themen zu finden und zu untersuchen, diejenigen nämlich, die viele Verbraucher betreffen. So manche komplexe Anlageprodukte gehören zwar verboten, lenken letztlich aber teilweise von Missständen ab, die deutlich mehr Verbraucher betreffen. Und dann muss ein 26-jähriger Verbraucher, der einen Kredit über 6200 Euro aufnimmt, vielleicht keine 1700 Euro mehr drauflegen.

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