Immobilien : Schinkels Traum

AXEL SCHULTES

Das Vermächtnis des preußischenGeneralbaumeisters zur Berliner MitteVON AXEL SCHULTES Nun nimmt nichtnur Schlüter, nun nimmt auch Schinkel, glaubt man den Beutekunst-Kommissarender Roten Armee, am Schloßwettbewerb teil, - und mit was für einem Vorschlag!Mit einem mutigen, nein, waghalsigen Schnitt in die Hohenzollernburg, indie Arx Berolinensis, wendet er das Geschick der Insel, das stadträumlicheSchicksal der Berliner Mitte, und tut dies in der neuen Ordnung eines neuenpolitischen Programms: dem halbierten "kgl.Schloß" über einen"Platz der Verfassung" hinweg die Bürgervertretung, den PreußischenLandtag dem König gleichsam vor die Nase setzen, die Gewaltenteilung erzwingen:wir alle werfen da einen tiefen Blick hinter die von Schinkel so sorgsamgeglättete Fassade seiner Beamtenkarriere. Erklärung, Deutung fordertnicht nur der Grund, sondern auch die Oberfläche: der sinnliche Scheinder Idee, Schinkels Idee von der Umgestaltung, besser: der Umwertung derInsel, der Mitte Preußens, - und dabei fällt noch ein Lehrstück ab, einLehrstück vor allem für die Restauratoren, die Restauratoren der Stadtgrundrisse,der Fassaden, der Bauwerke, der "Verhältnisse": ein Lehrstück"vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben". Diese Historie,die Berlinische versteht sich, mußte schon immer herhalten für alles,was sie nicht war, nie war."Östlich der Elbe beginnt die Steppe":zu dieser Erkenntnis sich durchzuringen, den fundamentalen Mangel Berlinsin allen urbanen Qualitäten zuzugeben - das war der Berliner ÜberheblichkeitSache nie.Dem Dürftigen des märkischen Stadtraums, dem Dürren unsererStreusandbüchsen-Kultur wurde selten der Spiegel vorgehalten; in Dürftigemwähnen wir Sprödes, in Kahlem das Strenge, in Leerem und Unwirtlichemdas Großzügige; Aufgewärmtes funkelt neu, ein bißchen Eigensinn wirdzu Poesie hochstilisiert: der räumlichen Einbildungskraft, ausgerechnetjener Quintessenz von Architektur zu widerstehen, in diese sehr deutscheDisziplin legen wir unsern ganzen Stolz. Staubig in dieser staubigen Welt- so empfand ich auch unsern Stadthelden Karl Friedrich Schinkel - bis,ja bis ein kleines, schmuddeliges Gipsmodell mich umdenken ließ: sah ichbisher in unserem preußischen Oberbaumeister den Strategen der Effekte- will sagen der Wirkungen ohne zureichende Ursache - sah ich den panoramengedrilltenBild-Beschwörer, sah ich den Prospektmaler, für den Stadtraum auch nurBühne, große Bühne war, - sah ich den Erzeuger "solitärer Großartigkeit",den Italienfreund, der seine südlichen Vor-Bilder, in Reiseskizzen gequetscht,entfremdet ihrem urbanen Milieu, in splendid isolation im märkischem Sandabstellte, mitleiderweckend wie die Feigenbäume von Sanssouci, eingesperrtin ihre Glasvitrinen, - sah ich auch alle seine selbsternannten Nachfolgerbis heute, - sehe ich "Strategen", - Ritter vom Stein, Rittervom Glas, Ritter vom Relief und vom Quadrat.Der Traum vom Raum - den überläßtSchinkel gern dem John Soane, den überläßt Peter Behrens gern dem FrankLloyd Wright, den überläßt Mies von der Rohe gern dem Corbusier, denüberlassen wir Heutigen gern dem Louis Kahn, zum Beispiel, - und tröstenuns mit seinem: "wir werden nie wissen, was Raum ist". Und ausgerechnetSchinkel zwingt mich zur Revision.Sein Befreiungsschlag gegen die Hohenzollernburgrückt vieles in ein anderes Licht: den "neuen Zusammenhalt" deraktuellen Avantgarde, er reklamiert ihn nicht, er sucht ihn nicht, er hatihn gefunden für seine Solitäre.Ihm gelingt Raum, dichter urbaner Stadtraum,ihm gelingt räumliche Bindung der Teile zu einer fast südlichen Platzfolge,so "italienisch" proportioniert, daß man fast von einer Stadtin der Stadt sprechen müßte, so unberlinerisch kommt sein Ensemble vonSchloß und Landtag und Akademie daher.Nur die nördliche, die offene Seitedes "Platzes der Verfassung", die entläßt er ins weite Gründes Lustgartens.Sein Museum erscheint entrückt, wird das Besondere, einneues Schloß - und mit diesem Blick, einem San-Marco-Blick von der Piazzettaauf San Giorgio Maggiore, schleicht sich Wehmut ein: einmal wenigstens inBerlin einen Platz haben, der es in räumlicher Intensität aufnehmen kannmit seinen südlichen Vorgängern, sie nicht nur reklamiert.Dieser SchinkelschePlatz der Verfassung wäre exakt die Räumlichkeit, die Hegemann 1930 ineinen dem Andreas Schlüter unterstellten Entwurf zum Schloßplatz hineinsieht:"daß dieser großartige Platzentwurf (...) unausgeführt geblieben ist,gilt künstlerisch empfindenden Berlinern als die Tragödie der BerlinerStadtbaukunst.Wenn dieser herrliche Platz gebaut worden wäre, hätte Berlinden großen künstlerischen Massstab besessen, der die weitere Entwicklungbeherrscht und gesteiert haben müßte.Mit diesem Platz vor Augen hättendie Berliner sich nicht in dem unarchitektonischen Durcheinander verlierenkönnen, das später über ihre Stadt hereingebrochen ist".

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