Serie: Bauen? Trauen! : Wenn alles ins Rutschen kommt

Folge 8: Baustopp für unsere Baugruppe! Eine Wand zum Nachbarn ist abgesackt – damit hatte keiner gerechnet

Ulrike Heitmüller

Kreuzberg, Möckernstraße. Sonnenschein? Vogelgezwitscher? Nein! Der Bauschutt staubt, der Bagger rumpelt. Welch ein Glück! Endlich wieder Krach und Dreck! Architekt, Bauleiter, Statiker und vor allem die zukünftigen Bewohner hatten die Stille wirklich satt. „Ein Drama. Das ist nicht lustig. Die Stimmung ist nicht gut“, sagt Edgar Endrukaitis. Er und die anderen Mitglieder unserer Baugruppe hätten eigentlich im Sommer einziehen wollen. Aber denkste. Das kann noch dauern.

Was ist passiert? Nach Vertragsverhandlungen mit der Kirche, die sich hinzogen wie ein alter Kaugummi, hatte die Gruppe endlich ihren Erbpachtvertrag in der Hand. Ein halbes Jahr später als erhofft. Aber immerhin. Im Januar ging’s dann endlich richtig los: Ein großer gelber Bagger rückte an und begann die Baugrube auszuheben. Er buddelte, wühlte und grub – bis zum 9. Februar, dem Tag der Katastrophe: „Erst hat sich das Tor gesenkt, dann gab’s einen großen Riss in der Wand. Es wurde laut, der Putz hat gebröckelt und die Wand marschierte rüber“, erinnert sich Vorarbeiter Ehrenfried Scholz. Peinlich: Er meint damit die Wand des Nachbarn zur Rechten. Dieser Nachbar hatte mal eine schöne überdachte Durchfahrt: Rechts das Haus, in der Mitte eine Überdachung und links an der Grundstücksgrenze besagte Wand. In dieser Durchfahrt hingen die Briefkästen, und man konnte geschützt vor Blicken und Regen in aller Ruhe die Post durchgucken. Das ist nun vorbei: Die Wand rutschte um eineinhalb Zentimeter nach links. Klingt nach wenig, ist aber viel: Schließlich trug sie die Überdachung.

Ehrenfried Scholz arbeitet für die Baufirma Hoffmann GmbH. Das Unternehmen macht die Baugrube, die Unterfangung sowie den Rohbau. Scholz ist klein, hat einen schönen Bauch und an seinen Klamotten klebt ’ne Menge Bauschutt. Er hat schon viele Baustellen gesehen. Aber noch keine wandernde Wand.

Dabei war von Anfang an klar: Hier wird’s schwierig. Beim Nachbargebäude handelt es sich um einen Altbau, und da stimmen die Pläne nicht immer mit der Realität überein. Gerade wenn es um Fundamente geht. „Bei dem reicht alles drei Meter tief – nur nicht die Wand neben unserer Durchfahrt, wo es zur Tiefgarage runtergeht. Da hat sie bloß einen Meter fünfzig.“ Sagte Architekt Alois Albert im Mai vergangenen Jahres. Im Augenblick ist er nicht an die Strippe zu kriegen. Immer beschäftigt. Ebenso wie Bauleiter Wilfried Kraft.

Also damals. Der Plan: Eine Unterfangung. „Man muss das Nachbarfundament unterfangen, also so weit nach unten verlängern, dass es so tief ist, wie man selber baut“, erklärte Albert einst im Mai: Wände und Fundamente beider Gebäude müssten auf einer Ebene sein, wegen der Statik. Aber so eine Verlängerung nach unten ist dermaßen kompliziert, dass ein „schwieriges Unterfangen“ sich als stehende Redewendung eingebürgert hat.

In der Möckernstraße sah man sich also vor. Machte zum Beispiel Probebohrungen, um zu gucken, ob die Nachbarwand überhaupt was taugt. Aber: „Da hat man nicht die maroden Stellen getroffen“, vermutet Sabine Benkwitz. Die Ingenieurin koordiniert und steuert das Projekt für die Baugruppe – was an dieser konkreten Stelle nicht gerade ein Spaß ist.

Ihre Analyse: „Das Mauerwerk im Untergrund war nicht mehr tragfähig und sackte nach.“ Und die Wand, die auf dem Mauerwerk stand, sackte gleich hinterher. Das Fundament ganz unten war okay, meint Ehrenfried Scholz, aber in der Mitte habe Bauschutt gelegen. Womöglich ein Schaden aus dem Krieg, schlecht repariert? Egal. „Der Nachbar, der war natürlich böse“, erinnert sich Scholz, „die haben sich da erstmal mit Anwälten und allem rumgeschlagen.“

Erstmal bekam die Wand ganz schnell eine sogenannte Notuntersteifung, damit sie nicht noch weiter rutscht, und die Durchfahrt womöglich noch hinterher. Und für die Baugruppe hieß es: Baustopp! Wochen und Monate nur gucken und messen, rechnen und reden.

Das Ergebnis: Die Wand muss weg. Einsturzgefahr! Vergangene Woche wurde sie abgerissen. Nun ragt das Dach ins Leere. Damit es nicht abbricht, bekam es unter den Rand eine Konstruktion aus Stahlträgern: oben und unten eine Waagerechte, und dazwischen drei große umgedrehte V. Alles passend gemacht mit vielen kleinen Holzklötzen.

Nun muss es halten, denn dort geht’s bald zwei Meter achtzig in die Tiefe. Wenn es denn jetzt funktioniert – mehr als ein halbes Jahr ist schon verloren.

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