Soldiner Straße : Lifestyle im Problemkiez

Günstig, barrierefrei und schick: Mit einem modellhaften Umbau in vier Stilrichtungen will ein Eigner neue Mieter gewinnen. An sich wäre das nicht spektakulär - aber die Soldiner Straße im Wedding ist nicht gerade das, was man als „gute Lage“ bezeichnet.

Christian Hunziker

Auf der Soldiner Straße tobt der Konkurrenzkampf. Ein türkischer Imbiss bietet den Döner für einen Euro an, während sein Konkurrent im Nachbarhaus die Kunden mit einem 99-Cent-Döner anlockt. Etwas weiter lädt eine Kneipe namens Hexeninsel zum Bier. Die Apotheke daneben hat aufgegeben, genauso wie der Gemüseladen, der noch vor nicht langer Zeit für einen Farbtupfer in der grauen Realität der Soldiner Straße gesorgt hat.

Betritt man jedoch eine der Musterwohnungen im Soldiner Karree, einem in den achtziger Jahren errichteten Wohnblock in der Soldiner Straße 77, ist die Tristesse plötzlich weit weg. Dunkles, edel wirkendes Laminat erstreckt sich über den gesamten Wohnbereich der Zwei-Zimmer-Wohnung. Im Bad lassen geschmackvolle Armaturen des Markenherstellers Villeroy & Boch, ein großer Spiegel und ein ausgeklügeltes Lichtkonzept darüber hinwegsehen, dass es kein Fenster gibt. Die großzügige Küche verfügt über Einbaumöbel mit dunkler Front, und eine Loggia mit Holzboden lädt zum Verweilen ein.

Eine Fata Morgana? Nein, ein Modellprojekt, das zeigen will, dass man mit nicht allzu großem Aufwand auch Wohnungen in weniger begehrten Gegenden anspruchsvoll umgestalten und so für neue Mieter attraktiv machen kann. Vier Stilrichtungen hat sich das Berliner Büro „feddersenarchitekten“ einfallen lassen, das den Ausbau der Musterwohnungen im Soldiner Karree geplant hat. Die Linie Klassik – eben die mit dem dunklen Laminat – spricht den eher konservativen Menschen an, während die Linie Minimal mit ihren reduzierten Formen die Vorlieben designorientierter Zeitgenossen aufgreift.

Natur und Kultur heißen die beiden anderen Linien. „Bei der Stilrichtung Kultur habe ich mir als Bewohnerin eine Operndiva vorgestellt, bei der Stilrichtung Natur einen Menschen, der gerne mit dem Fahrrad Ausflüge nach Brandenburg unternimmt“, sagt die verantwortliche Architektin Ute Sprickmann-Kerkerinck. Verspielte Armaturen und rötliche Fliesen sollen der Operndiva gefallen, während sich der Naturliebhaber in einem von Beige- und Terracottatönen geprägten Ambiente wohl fühlen soll. Diese Ausrichtung auf unterschiedliche Zielgruppen gibt es nicht nur im Soldiner Karree. „Produktdifferenzierung“ heißt die Devise, mit deren Hilfe immer mehr Bauträger und Vermieter ihre Wohnungen besser zu vermarkten hoffen. Denn gerade Wohnungen aus den fünfziger bis achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts unterscheiden sich eigentlich nicht wesentlich voneinander. Setzt man aber gestalterische Akzente, so die Überlegung der Vordenker dieser Strategie, fühlen sich Mieter und Käufer in ihrem jeweiligen Lebensstil angesprochen – und sind bereit, höhere Mieten und Preise zu bezahlen.

Am deutlichsten wird diese Differenzierung in Bad und Küche: Die vier Musterwohnungen im Soldiner Karree unterscheiden sich hauptsächlich durch die Armaturen, die Leuchtkörper sowie die Farbe der Fliesen und der Küchenfronten. Ansonsten setzte Ute Sprickmann-Kerkerinck auf einfache, doch wirkungsvolle Mittel: Die Wände sind unmerklich dunkler gehalten als die Decke, weshalb der Wohnraum nicht mehr so niedrig wirkt, wie er mit seinen 2,51 Meter eigentlich ist. Neu gestaltet wurde der Zugang zur stufenlos erreichbaren Loggia: Den Heizkörper, der ursprünglich vor der Loggia stand, ließen die Planer an die Wand verlegen, weshalb über die bodentiefe Tür jetzt viel mehr Licht ins Innere der Wohnung hineinfällt.

Verbreitert wurde außerdem die Badezimmertür. Im Bad fallen auf den zweiten Blick auch einige Besonderheiten auf: In die Wand neben der bodengleichen Dusche ist eine Sitzgelegenheit integriert, und die Duschstange ist so stabil konstruiert, dass man sich an ihr gefahrlos festhalten kann. Wohl fühlen in den neu gestalteten Wohnungen sollen sich gemäß dem Ziel der Zukunftsinitiative Wohnen im Bestand (Ziwib), in deren Rahmen das Modellprojekt im Soldiner Karree realisiert worden ist, nämlich insbesondere ältere Menschen. Dabei sollen die Hilfsmittel jedoch keineswegs ins Auge springen. Rollstuhlgerecht sind die Wohnungen ohnehin nicht – das verhindert schon der schmale Zuschnitt des Aufzugs, in den das Gerät nicht hineinpasst.

15000 bis 18000 Euro pro Wohnung (etwa 300 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche) investierte der Vermieter, ein von der Grundsolid Verwaltungsgesellschaft vertretener geschlossener Immobilienfonds, in den Umbau. „Wir machen das, weil wir neue Mieterschichten ansprechen wollen“, sagt Grundsolid-Geschäftsführer Joachim M. Wilke. Gut zehn Prozent der 54 Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen im Soldiner Karree stehen bei einer Miete von 5,20 Euro pro Quadratmeter leer. Für die neu gestalteten Wohnungen verlangt Wilke dagegen 6,15 Euro pro Quadratmeter – zuzüglich Nebenkosten von 2,90 Euro, was eine Gesamtmiete von über 9 Euro ausmacht.

Doch ziehen ältere Menschen, die diese beträchtliche Miete zahlen können und zudem Gefallen an einer architektonisch durchdachten Lösung finden, wirklich ausgerechnet in den sozialen Brennpunkt Soldiner Kiez? Vermieter Wilke ist zuversichtlich. „Es zählt der Mikrokosmos“, sagt er mit Blick auf den direkt neben seiner Wohnanlage verlaufenden Panke-Grünzug. Wilke ist überzeugt: Der Bezirk Wedding ist im Kommen und da „wird dieser Mikrokosmos ausstrahlen“. Im Übrigen hätten auch Menschen, die nicht in Wilmersdorf oder Wannsee wohnen könnten, ein Anrecht auf schönes, sicheres Wohnen.

Das sieht Alexander Rychter ähnlich: Wohnen im Alter sei ein Thema für alle Gesellschaftsschichten. Und außerdem, so sieht es der Geschäftsführer des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), „wollen viele Senioren bewusst mitten im prallen Leben wohnen.“

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