Immobilien : Sterne des Waldes

Die Blütenteppiche der Anemonen im Frühjahr haben seit jeher die Fantasie der Menschen angeregt

Gert D. Wolff

Seit jeher hat der Anblick der leuchtend weißen Blütenteppiche, mit denen Anemonen im zeitigen Frühjahr den Waldboden von Laubmischwäldern überziehen, die Menschen beeindruckt. Die sternförmigen, manchmal rosa angehauchten Blüten auf zarten Stängeln haben einen ganz besonderen Reiz. Doch reizend kann nicht nur der Anblick, sondern auch die Berührung der zierlichen Pflanzen mit der Haut oder den Augen des Menschen sein. Dann kann es zu Blasenbildung oder Bindehautentzündung kommen. Denn wie auch andere Hahnenfußgewächse sind die meisten Anemonen – so auch das Buschwindröschen – giftig. Das wussten schon die Pflanzenkundigen der Antike ebenso wie später Leonhart Fuchs, einer der „Väter der Botanik“. In seinem 1543 erschienenen „New Kreuterbuch“ rügt er eine damals offenbar verbreitete Unsitte unter Bettlern, die sich mittels dieser Pflanzen verletzten, um die Menschen zu bewegen, ihnen etwas zu geben. Nicht gerade zart besaitet fordert er: „Aber mit solchen boesen buben (...) sol man zu dem hencker eilen/darmit sie fuerhin solchen falsch nit mehr treiben künden.“

Von den ersten Frühlingsblumen des Jahres nahm man lange Zeit an, dass sie besondere Kräfte besitzen müssten, da sie als Erste den lebensfeindlichen Winter überwanden. Diese geheimnisvollen Vegetationskräfte glaubte man sich für die eigene körperliche Gesundheit sichern zu können, indem man die ersten drei Blüten des Buschwindröschens, des Veilchens oder etwa der Schlüsselblume, die man im Frühjahr fand, verschluckte. Dann, so hieß es, würde man das ganze Jahr vor Fieber, Zahnweh und anderen Beschwerden verschont bleiben. Von der Giftigkeit frisch gepflückter Anemonen ließ man sich dabei offenbar nicht abschrecken, schließlich waren sie ja auch als Heilpflanzen in Gebrauch. In der Antike hatten Griechen und Römer sie bereits zur Behandlung von Augenkrankheiten, gegen Kopfschmerzen, Fieber und Entzündungen verwendet, wie Dioscurides und Plinius erwähnen. Die Heilkundigen des Mittelalters und der Renaissance benutzten Anemonen, darunter auch das „Windröschen“, vor allem zur äußerlichen Behandlung von Bronchitis, Lungenentzündung, Geschwüren, Gelenkschmerzen und – den frischen Saft – als hautreizendes Mittel bei Rheuma. Wie vielseitig die Anwendungsgebiete damals waren, belegt auch das Kräuterbuch von Tabernaemontanus aus Bergzabern aus dem Jahr 1588. Darin heißt es beispielsweise: „Windrösslein Wurtzeln mit süssem Wein gesotten und ubergelegt/heylet die Hitz und Geschwulst der Augen.“ Oder etwa: „Die Bletter und Stengel der Windrösslein/mit Gerstenmüsslein gesotten/macht den Seugerinnen viel Milch.“

Die zahlreichen volkstümlichen Namen des Buschwindröschens im deutschsprachigen Raum lassen vermuten, dass die kleine Pflanze im Leben der Menschen früher besondere Beachtung fand. So heißt sie – je nach Region – auch Waldanemone, Windblume, Waldteppich, Osterluzei, Osterstern, Weiße Osterblume, Kuckucksblume oder etwa Waldhenle. Im schwäbischen Unterland nannte man die scheue Blume, die im kalten Märzwind und bei Regen ihre Blütenglocke abwärts neigt, auch Schlafhaube, auf der Alb Schnaikätherle. Namen wie Kopfschmerzblum, Augenblume, Augenwurz, Giftblume, Bettseicher oder Hexenblum spielen auf den Giftgehalt der Pflanze an. Ihr Saft wurde früher auch als Pfeilgift für die Jagd verwendet. Wie man heute weiß, können ihre Inhaltsstoffe – vor allem Saponine und die Alkaloide Protoanemonin und Anemol – unter anderem Hautverätzungen, Magen-Darm-Reizungen und Nierenschäden hervorrrufen. In Teilen der Schweiz heißt das Windröschen auch „Geißemaie“, weil Ziegen – im Gegensatz zum übrigen Weidevieh – bei Aufnahme der Pflanze über das Grünfutter nicht mit Darmentzündungen reagieren. In der heutigen Schulmedizin spielt die kleine Anemone keine Rolle mehr, lediglich in der Homöopathie wird ihr frisch gepresster Saft noch gelegentlich verwendet.

Nach einer von mehreren Überlieferungen aus der griechischen Mythologie sollen Anemonen aus den Tränen der Aphrodite hervorgegangen sein, die sie um den sterbenden Adonis weinte. Der botanische Name des Buschwindröschens – Anemone nemorosa – geht auf griechisch anemos (= Wind) zurück und wird meist als Hinweis auf die bald abfallenden Blütenblätter interpretiert. Auf den bevorzugten Standort der Pflanze weist nemorosa hin, was so viel wie „hainbewohnend“ bedeutet. Als rasch welkende Blume ist die Anemone stets ein Symbol der Vergänglichkeit alles Irdischen gewesen. Und die christliche Symbolik des Mittelalters sah in der manchmal rötlich angehauchten Blüte ein Sinnbild des Märtyrerblutes und der Leiden Christi. Das Dreiblatt steht für die Dreifaltigkeit. Zugleich aber war die kleine Frühlingsblume immer auch ein Symbol der Hoffnung auf das wiedererwachende Leben.

Als typischer Frühblüher nutzt das Buschwindröschen die lichtreichste Zeit im Laubmischwald von März bis Mai, wenn die Bäume noch kahl sind. Dann breitet das gesellige Pflänzchen auf dem feuchten, laubbedeckten Boden seine traumhaft schönen Blütenteppiche aus. Weniger häufig sind dagegen seine geschützt wachsenden Schwestern zu finden: das Gelbe Windröschen (Anemone ranunculoides) und das Berghähnlein (Anemone narcissiflora), das nur in den Alpen und auf der Schwäbischen Alb vorkommt. Anemonen sind mit etwa 120 Arten weltweit in den gemäßigten Zonen verbreitet. Heute stehen Gartenanemonen – als Zierpflanzen bereits seit dem 16. Jahrhundert gezüchtet – in unzähligen Farben und Formen zur Verfügung. Je nach Sorte entfalten sie im Frühjahr oder auch erst im Herbst ihre Blütenpracht. Und auch die zarten Buschwindröschen haben als käufliche Ware längst den Weg in die Gärten gefunden. Nicht bezahlbar ist allerdings der besondere Charme der wild wachsenden Windröschen, die im Frühjahr zu Tausenden unsere Wälder verzaubern.

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