Weltkulturerbe : Die Welt schaut hin – und die Mieter stellen sich Fragen

Kulturerbe: Was der neue Status für die Mieter in den Siedlungen der Moderne bedeutet.

Christian Hunziker

Sechs Berliner Siedlungen der Moderne werden Weltkulturerbe. Vom Glanz fällt auch etwas auf die Mieter ab – doch zugleich häufen sich die Fragen, was der neue Status im Wohnalltag bedeutet. Zunächst: Steigt jetzt die Miete? Nein, antwortet Bernhard S. Elias, Leiter der Unternehmenskommunikation der Deutsche Wohnen AG. Dem Unternehmen, in dem im vergangenen Jahr die traditionsreiche Berliner Gehag aufgegangen ist, gehören mit der Hufeisensiedlung, der Siedlung Schillerpark und einem Teil der Weißen Stadt in Reinickendorf drei der ausgezeichneten Siedlungen. „Es gibt keine Grundlage dafür, unter Berufung auf den Titel die Miete zu erhöhen“, sagt Elias.

Allerdings haben die Eigentümer bereits in den vergangenen Jahren die Mieten in den betroffenen Wohnanlagen zum Teil deutlich angehoben. Besonders markant war die Steigerung bei der Wohnstadt Carl Legien an der Erich-Weinert-Straße (Prenzlauer Berg). Hier verlangt das italienische Unternehmen Pirelli RE nach Angaben seines Area Asset Managers Christian Scheffler eine Miete von 6,15 Euro pro Quadratmeter; bei den besonders attraktiven Wohnungen mit Rundbalkon sind es sogar 6,65 Euro pro Quadratmeter. Der Durchschnittswert in Berlin beträgt laut Mietspiegel 4,75 Euro. Mietervertreter äußern denn auch Kritik am Vorgehen der Eigentümer. Armin Hentschel, wissenschaftlicher Berater des Deutschen Mieterbundes, macht darauf aufmerksam, dass die Miete nach der in den Jahren 2003 und 2004 vorgenommenen grundlegenden Sanierung der Wohnstadt Carl Legien noch auf 3,90 bis 5,10 Euro pro Quadratmeter festgelegt war – begrenzt auf drei Jahre. Schwierigkeiten, Mieter zu finden, hat Pirelli RE nicht. Im Gegenteil: Bei einem kaum messbaren Leerstand von 0,4% führt sie Wartelisten für die Wohnstadt.

Und wie sieht es mit möglichen umfangreichen Sanierungsmaßnahmen aus? Darauf müssen sich die Mieter wohl nicht einstellen. Denn die sechs Siedlungen wurden unter anderem gerade deshalb ausgewählt, weil sie bereits in weiten Teilen dem ursprünglichen Erscheinungsbild angenähert wurden. In der Gartenstadt Falkenberg beispielsweise ließ die Baugenossenschaft von 1892 DDR-Anbauten entfernen. In der Siedlung Schillerpark baut sie bei Mieterwechseln die Verglasungen der Loggien ab, die viele Bewohner in eigener Regie anbrachten. Lediglich in den Erdgeschosswohnungen bleiben diese Verglasungen erhalten – dort allerdings in einheitlicher, auf die Architektur abgestimmter Form.

Keine Chance haben die Bewohner der Schillerpark-Siedlung allerdings, wenn sie die Holzkastenfenster durch energiesparende Kunstofffenster ersetzt sehen möchten: Das ist nicht erlaubt – allerdings nicht wegen des Welterbe-Status, sondern wegen des schon lange geltenden Denkmalschutzes. Nicht immer sind die Denkmalschützer so streng: Bei der Sanierung der Wohnstadt Carl Legien mussten die Eigentümer zwar an der Straßenseite die alten Holzkastenfenster aufarbeiten lassen; auf der Hofseite durften sie jedoch Kunstofffenster anbringen.

Im Inneren der Wohnung dagegen brauchen sich Mieter, Welterbe hin, Unesco her, keine Vorschriften machen zu lassen. Niemand wird also gezwungen, die Wände in den von Architekt Bruno Taut vorgesehenen Farben zu streichen. Zudem sind Mietern bauliche Eingriffe, die möglicherweise mit dem Denkmalschutz kollidieren könnten, ohne Abstimmung mit dem Vermieter gar nicht erlaubt.

Anders sieht es bei Umbaumaßnahmen einzelner Eigentümer aus. Dieses Problem stellt sich in den Reihenhäusern der Hufeisensiedlung, welche die Gehag bereits seit Jahren einzeln an Eigennutzer verkauft. Hier könnte es durchaus sein, dass die Aufnahme in die Welterbeliste im Konfliktsfall den Denkmalschützern den Rücken stärkt. Diese Aufnahme, sagt jedenfalls Dieter Offenhäußer, stellvertretender Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, bedeute nicht zuletzt, „sich dem kritischen Blick der internationalen Öffentlichkeit auszusetzen“.

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