IT-Gipfel : Wie Deutschland die Digitalisierung verschläft

Beim Digitalgipfel wird über die Zukunft gesprochen –  in der Gegenwart verliert Deutschland den Anschluss. Warum geht es nicht voran?

von
In Deutschland Mangelware: Verteilerpunkt für Glasfaserkabel Foto: Daniel Reinhardt/dpa
In Deutschland Mangelware: Verteilerpunkt für Glasfaserkabel Foto: Daniel Reinhardt/dpaFoto: dpa

Schon zum elften Mal fand der nationale IT-Gipfel statt, der nun Digitalgipfel heißt. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel kamen gleich vier Minister zu der zweitägigen Veranstaltung nach Ludwigshafen: Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD), Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Die Vielzahl der Minister ist allerdings auch ein Ausdruck der überlappenden politischen Zuständigkeiten beim Thema Internet. Insgesamt interessierten sich rund 1100 Besucher für Gegenwart und Zukunft der Digitalisierung in Deutschland.

Wie steht es um die Digitalisierung in Deutschland?

Im Jahr 2013 hatte Angela Merkel erlärt: „Das Internet ist für uns alle Neuland“. Mit einer Digitalen Agenda wollte die Bundesregierung das ändern. Doch die Ergebnisse sind überschaubar. Statt in Sachen Digitalisierung aufzuholen, ist Deutschland sogar zurückgefallen, wie der jüngste Report des Schweizer World Competitiveness Center zeigt. Demnach ist Deutschland bei der Digitalen Wettbewerbsfähigkeit von Rang 15 auf Platz 17 zurückgefallen. Die Spitzenplätze belegen Singapur, Schweden, die USA, Finnland und Dänemark. „Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland“, schimpft Thomas Knüwer, Gründer der digitalen Strategieberatung kpunktnull.

Wo hakt es besonders?

Der schleppende Breitbandausbau ist beispielhaft. Digitalberater Knüwer klagt, er müsse sich seit zehn Jahren im Zentrum von Düsseldorf mit einer 25-Mbit-Datenleitung begnügen. Kürzlich wurde der Anschluss von der Deutschen Telekom auf IP-Telefonie umgestellt. „Jetzt bekomme ich sogar ein Drittel weniger Bandbreite“, sagt Knüwer. „Das ist ein Treppenwitz, der typisch ist für Deutschland.“ Denn tatsächlich ist er kein Einzelfall. Gerade einmal 6,6 Prozent aller Haushalte haben Zugang zu einem schnellen Glasfaseranschluss, auf dem Land sind es sogar nur 1,4 Prozent. Damit liegt Deutschland im OECD-Vergleich auf Platz 28 von 32. „Wir brauchen eine leistungsfähigere Breitband-Infrastruktur, sonst droht der Industriestandort abgehängt zu werden“, sagt Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Industrie. Eigentlich sollte das Förderprogramm von Verkehrsminister Alexander Dobrindt den Breitbandausbau voranbringen, vier Milliarden Euro stehen dafür zur Verfügung. Bis 2018 soll dadurch jeder Haushalt Zugang zu einem schnellen Internetanschluss haben. Allerdings hat die Bundesregierung mit schnell 50-Megabit-Anschlüssen definiert, doch die reichen schon bald nicht mehr aus. „Heute würde niemand mehr auf die Idee kommen, 50 Megabit als Ziel festzulegen“, räumt inzwischen sogar Dobrindt ein. Nötig seien Gigabit-Leitungen. Die sind aber ohne Glasfaser nicht möglich. Nun rächt sich eine Entscheidung, die die Deutsche Telekom mit Billigung der Bundesregierung getroffen hat: Beim Breitbandausbau werden vor allem alte Kupferkabel mit der sogenannten Vectoring-Technik schneller gemacht. „Etwa 84 Prozent der Anschlüsse im ländlichen Raum sind nicht zukunftsfähig“, warnt inzwischen auch das Bundeswirtschaftsministerium.

Warum bringen die Digitalisierungsinitiativen so wenig?

Inzwischen wird zwar ständig über die digitale Transformation gesprochen und verschiedene Programme sollen den technologischen Wandel fördern. Trotzdem gibt es immer noch ein Mentalitätsproblem. „Digitalisierung wird in Verteidigung bestehender Strukturen oft als Gefahr verstanden, weniger als Chance“, sagt Michael Wieser, Partner beim Schweizer Investor Helvetia Venture Fund und davor lange für den halbstaatlichen High-Tech-Gründerfonds tätig. Das zeigt auch der gerade vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichte Monitoring-Report Wirtschaft Digital. 29 Prozent der gewerblichen Unternehmen sagten, eine Digitalisierung im eigenen Hause sei nicht nötig. In Verkehr und Logistik finden sogar 52 Prozent die Digitalisierung überflüssig, auch bei Energieversorgern und im Gesundheitswesen ist es etwa die Hälfte.

Unternehmen, die auf Digitalisierung setzen, tun dies oft zur Kostensenkungen (47 Prozent), neue Geschäftsmodelle wurden dadurch nur bei 28 Prozent der Firmen entwickelt. „Wir haben zu wenige Know-how-Träger, die wissen, wie wir digitale Geschäftsmodelle mit einer zugehörigen Plattform-Ökonomie aufbauen“, sagt Tobias Kollmann, Professor für Entrepreneurship und Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft beim Bundeswirtschaftsministerium. Unternehmen wie Airbnb, Uber, Amazon oder Apple bieten solche digitalen Plattformen an, auf denen sie die Anbieter von Produkten mit Kunden zusammenbringen und dafür selbst Gebühren kassieren. Deutsche Anbieter spielen dabei kaum ein Rolle. Kein Wunder: 62 Prozent der Firmenchefs hierzulande gaben in einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom an, noch nie vom Begriff Plattform-Ökonomie gehört zu haben. Auch Digitalberater Knüwer beklagt die fehlende Medienkompetenz von Führungsfiguren aus Politik und Wirtschaft, die in einer „analogen Filterblase“ leben. Die digitale Ignoranz deutscher Manager zeigt sich an vielen Stellen. So ist beispielsweise nur ein Lenker eines DAX-Konzerns auf Twitter aktiv: SAP-Chef Bill McDermott – ein US-Amerikaner.

Kann Deutschland den Rückstand noch aufholen?

Die erste Halbzeit der Digitalisierung ist verloren, sagen Politiker hierzulande gern. Doch ein Comeback in der zweiten Hälfte wird schwierig. Für die Entwicklung von Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz sind große Datenmengen nötig, um Computer in Bild-, oder Spracherkennung zu trainieren. Doch dabei können deutsche Unternehmen mit Konkurrenten wie Google oder Facebook nicht mithalten. Zudem erklärten im Monitoring-Report 79 Prozent der Unternehmen, künstliche Intelligenz sei „nicht relevant“. Big Data und Industrie 4.0 haben für zwei Drittel der Firmen keine Bedeutung.

„Wir müssen jetzt handeln, wollen wir nicht als die Generation in die Geschichte eingehen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland von der Pole Position aus an die Wand gefahren hat“, sagt Knüwer. Er fordert eine Glasfaseroffensive, eine Gesetz zur Förderung von Wagniskapital und Programmierunterricht an allen Schulen. „Wir müssen die Aus- und Weiterbildung für das Thema Digitalisierung massiv nach vorne bringen“, sagt auch Kollmann. Von Digitalkunde an den Schulen bis zu E-Business und Unternehmertum an Hochschulen.

Welche Rolle spielen Start-ups?

Es macht zumindest Hoffnung, dass inzwischen mehr talentierte Hochschulabsolventen lieber Start-ups gründet, statt die sichere Konzernkarriere einzuschlagen. „Das Ansehen von Unternehmern hat in den letzten zehn Jahren gewonnen“, sagt Waltraud Wolf, Geschäftsführerin der BBB Bürgschaftsbank, die gerade den neuen Gründerindex veröffentlicht hat. Zudem investiert die erste Gründergeneration inzwischen verstärkt selbst in neue Start-ups. „Berlin ist auf einem guten Weg“, sagt Wolf. Allerdings brauche diese Entwicklung Zeit. „Das Silicon Valley ist auch nicht von heute auf morgen entstanden“, sagt Studienautor Anselm Mattes von DIW Econ.

Ein Problem dabei sei allerdings die relative Größe Deutschlands: Viele Gründer würden erst einmal versuchen, den hiesigen Markt zu erobern. Start-ups aus Ländern wie Schweden, Israel oder Estland müssen dagegen von Anfang an ein Produkt für den Weltmarkt entwickeln. Daher kommen die wenigen international erfolgreichen europäischen Digitalentwicklungen wie Spotify oder Skype auch eher aus solchen kleineren Ländern. Eine Ausnahme ist hierzulande Oliver Samwer, der mit Rocket Internet seine E-Commerce-Modelle auch so schnell wie möglich in viele Märkte bringt. Ob die nächsten ganz visionären Ideen aus dem Hause Rocket Internet kommen, ist allerdings fraglich. „Von uns werden sie keine fliegenden Autos sehen“, hat Samwer kürzlich auf der Hauptversammlung gesagt.

Kann ein Digitalminister helfen?

Ein Problem sind auch die sich überlappenden politischen Zuständigkeiten. So wurde die Digitale Agenda von Wirtschafts-, Innen-, und Verkehrsministerium entwickelt. Bei Fragen wie dem Umgang mit Facebook in der Diskussion um unzulässige Kommentare, hat der Justizminister ein eigenes Gesetz entwickelt. Eine weitergehende steuerliche Förderung von Start-ups und Investoren durch das versprochene Venture-Capital-Gesetz scheiterte am Finanzminister. Daher wird der Ruf nach einem eigenen Digitalministerium lauter, gerade hat sich auch Dobrindt dafür ausgesprochen.

„Das hat gar keinen Sinn“, widersprach Zypries auf dem Digitalgipfel in Ludwigshafen. Nach mehr als 20-jähriger Erfahrung in der Bundesverwaltung sei sie überzeugt: „Digitalminister klingt super. Aber wenn man es abklopft an der Realität des Verwaltungshandelns, dann ist es nicht zielführend.“ Doch auch Experten wie Kollmann und Knüwer befürworten ein eigenes Internetministerium. „Lange Zeit hielt ich das für unnötig, weil es Bürokratie mit sich bringt“, sagt Knüwer. „Inzwischen sehe ich es aber als einzige Möglichkeit, vielleicht ein kleines bisschen Digitalität in die technophobe Bundesregierung zu tragen.“

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar