Wirtschaft : Knapper Stoff

Deutschland ist abhängig von Öl- und Gasimporten. Bei vielen anderen Rohstoffen sieht es nicht besser aus

Bernd Hops

Berlin - Als der Hurrikan „Katrina“ im vergangenen Jahr in den USA wütete, zerstörte er große Teile der Stadt New Orleans, legte die Ölförderung in der Region lahm – und machte nebenbei durch die Überschwemmungen mehr als 70 000 Tonnen Zink für Monate unbrauchbar. Das Metall wurde in Lagerhäusern für seine Abnehmer aus der Industrie aufbewahrt. Und die könnten die verunreinigten Vorräte gut gebrauchen. Denn derzeit wird weltweit mehr Zink verbraucht, als aus der Erde geholt und in Raffinerien verarbeitet werden kann. Wie schnell man bei der Abhängigkeit von wenigen Lieferanten unter Druck gesetzt werden kann, hat Russland jetzt bei der Ukraine demonstriert.

Doch der Wettbewerb um viele andere Rohstoffe ist mindestens genauso scharf – und die Versorgungslage häufig noch unsicherer. Coltan etwa – ein Metall, das wichtig für Handychips ist – wird vor allem im vom Bürgerkrieg zerrissenen Zentralafrika gefördert. Gerade die Hochtechnologie braucht immer mehr seltene Rohstoffe.

„Bei metallischen Rohstoffen sind wir fast in jedem Fall zu 100 Prozent importabhängig – und fast immer ist der Hauptlieferant nicht aus der EU“, sagt Rohstoffexperte Heiko Willems vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Oft ist die Förderung zudem auf wenige Länder konzentriert (siehe Tabelle). Nur bei einigen Rohstoffen – Kalisalz, Steinsalz, Kaolin und Braunkohle – gehört Deutschland zu den führenden Weltproduzenten und bei Baustoffen wie Steine oder Erden ist Deutschland Selbstversorger. Der deutschen Wirtschaft ist die schwierige Situation im Zuge der in den vergangenen Jahren stark steigenden Rohstoffpreise – nicht nur beim Öl – bewusst geworden. 2005 wurde beim BDI eigens eine Arbeitsgruppe für internationale Rohstofffragen ins Leben gerufen, die mit dem Bundeswirtschaftsministerium und anderen Behörden eng zusammenarbeitet.

Der Wettbewerb wächst zusehends. Wolfram zum Beispiel werde vor allem in Russland und China abgebaut, sagt Sandra Maeding vom BDI. „Das ist kritisch, weil auch der Eigenbedarf der Förderländer wächst.“ Etwas entspannt werden kann die Lage bei einzelnen Rohstoffen durch Recycling. Bei Stahl, Kupfer und Aluminium gehe das zum Beispiel gut, sagen die BDI-Experten. „Und beim Recyceln steht Deutschland gut da.“ Doch selbst um Schrott wird der internationale Wettbewerb härter. Auch hier ziehe die Nachfrage von aufstrebenden Ländern wie Indien und China an, registriert man beim BDI. Darüber hinaus seien bei Stahl- und Metallschrotten in einigen Ländern Handelsverzerrungen durch Importsubventionen oder Exportbeschränkungen zu beobachten.

Doch ein Endzeitszenario wie beim Erdöl, dessen Vorräte in einigen Jahrzehnten erschöpft sein werden, sehen Experten nicht. „Aus rein geologischer Sicht ist eine Verknappung bei metallischen Rohstoffen nicht zu erwarten“, sagt Peter Buchholz von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Der eigentliche Knackpunkt sei die technische Verfügbarkeit – also was ist zu heutigen Bedingungen aus den aktuell bekannten Lagerstätten zu holen. Vor 20 Jahren wurde die Lebensdauer der Reserven zum Beispiel bei Kupfer auf 40 bis 50 Jahre geschätzt. Diese Spanne hat sich bis heute nicht verringert, obwohl in der Zwischenzeit das Metall abgebaut und in der Industrie eingesetzt wurde. „Letztlich ist diese Zeit nur ein Maßstab dafür, wie stark Exploration betrieben werden muss“, sagt Rohstoffexperte Buchholz.

Da in den vergangenen Jahren durch das starke Wirtschaftswachstum weltweit, vor allem aber in China, der Rohstoffbedarf gestiegen ist, springen jetzt auch die Investitionen in die Ausbeutung der Vorkommen und in Raffinerien wieder an. Lagen sie für metallische Rohstoffe im Jahr 2002 bei lediglich zwei Milliarden Dollar, sind es im vergangenen Jahr nach Branchenschätzungen fünf Milliarden Dollar gewesen. Doch werden neue Vorkommen gefunden, dauert es drei bis acht Jahre, bis die Rohstoffe daraus auf den Markt gelangen.

Zu wirklichen Knappheiten bei einzelnen Rohstoffen ist es trotzdem bisher noch nicht gekommen. „Letztlich wurde das durch den Faktor Preis geregelt“, sagte BGR-Experte Buchholz. Die Notierung für Kupfer ist seit 2001 auf etwa das Zweieinhalbfache gestiegen. Gleichzeitig sanken die Vorräte auf ein Drittel. Eine tatsächliche Verknappung gab es nach Buchholz’ Beobachtungen allerdings bei Stahl- und Kupferschrott. Ursache sei hier vor allem die chinesische Nachfrage gewesen. „Die Chinesen haben auch stark in Europa eingekauft“, sagt der Experte.

Die Nachfrage nach Rohstoffen treibt die Bergbauunternehmen mittlerweile auf die hohe See. Sie folgen damit ihren Kollegen aus der Ölwirtschaft. Manganknollen werden auf ihre Abbaufähigkeit untersucht, ebenso Erzschlämme. Selbst Gold könnte demnächst nicht nur aus gesunkenen Schiffen vom Meeresboden geholt werden.

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