Wirtschaft : Pack die Sonne in den Tank

Bio ist auch bei Treibstoffen gefragt. Die Forschung arbeitet an effizienteren Produkten

Bernd Hops[Stefan Kaiser],Anselm Waldermann

In der Natur waren Jahrmillionen nötig, um Pflanzen unter großem Druck der Gesteinsschichten in Erdöl zu verwandeln. Heute erledigen das Fabriken in kürzester Zeit. Nach EU-Vorgabe sollten die Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen 2005 einen Anteil von gut zwei Prozent am Gesamtverbrauch erreichen – Deutschland hat das Ziel bereits übererfüllt –, bis 2010 sollen es 5,75 Prozent werden.

Bis vor kurzem sahen die Ziele akademisch aus. Angesichts der steigenden Ölpreise wächst der Druck, schneller alle Möglichkeiten zu nutzen, um Erdöl zu ersetzen. „Eigentlich hatten wir gedacht, dass wir uns erst im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts intensiv mit Alternativen zu fossilen Kraftstoffen beschäftigen müssten. Nun zwingen uns die aktuellen Entwicklungen, dies vorzuziehen“, sagt Franz-Josef Paefgen, Forschungsbeauftragter von VW.

Derzeit hat der Biodiesel unter den Biokraftstoffen in Deutschland quasi eine Monopolstellung, weil die Produktion technisch am fortgeschrittensten ist. Daneben gibt es Bioethanol, das Benzin beigemischt wird. Weitere Biokraftstoffe sind in der Entwicklung.

Für den Staatshaushalt bedeutet der steigende Biodieselabsatz weniger Steuereinnahmen. „Klar ist, dass die bisher positive Entwicklung nur dank der Steuerbefreiung der Biokraftstoffe möglich war“, sagte ein Sprecher des Verkehrsministeriums dem Tagesspiegel. Jetzt müsse darauf geachtet werden, dass es keine Überförderung oder Dauersubventionierung gebe, sehr wohl aber genügend Anreize für ein weiter steigendes Angebot von Biokraftstoffen. Das Finanzministerium arbeitet an einem Gesetzentwurf zur Besteuerung von Biodiesel. Im März werde er voraussichtlich ins Kabinett eingebracht, sagte ein Ministeriumssprecher. Umstritten ist der Steuersatz. Das Finanzministerium will ihn möglichst oben ansetzen, das Umweltministerium den bisherigen Vorteil weitgehend verteidigen. „Wir haben nicht vor, einen Referentenentwurf des Finanzministeriums automatisch zu übernehmen“, sagte Umweltstaatssekretär Michael Müller (SPD) kürzlich.

Auch um Bioethanol beginnt eine Steuerdiskussion. Der Alkohol wird in Deutschland aus Zuckerrüben oder auch Getreide gewonnen, in tropischen Ländern aus Zuckerrohr. In den USA herrscht in der Branche derzeit geradezu Goldgräberstimmung. Autos wurden entwickelt, die den Kraftstoff fast rein vertragen. Nur 15 Prozent Benzin müssen beigemischt werden. „Dadurch ist Bioethanol ein eigenes Produkt. Das könnte steuerpolitisch einen anderen Weg als bei Biodiesel rechtfertigen“, sagt Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD. Er habe deshalb große Sympathien für Forderungen nach Steuerbefreiung. Schließlich ließe sich der Kraftstoff in Deutschland mit simplen Mitteln herstellen.

Die Biodieselbranche hat sich schon länger auf die Debatte vorbereitet. „Es war von vornherein klar, dass wir mit einer Besteuerung rechnen mussten“, sagt Petra Sprick, Geschäftsführerin des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). Vor allem für die kleinen mittelständischen Unternehmen sei der bisher geplante Steuersatz von zehn Prozent „schon ein bisschen hoch“. Im vergangenen Jahr ist die Biodiesel-Herstellung in Deutschland explodiert, die Anlagen wurden stark erweitert (siehe Grafik). „Viele Planungen liegen jetzt erst mal auf Eis“, sagt Sprick.

Davon abgesehen ist das Potenzial von Biodiesel stark begrenzt. Das Umweltbundesamt (UBA) schätzt, dass etwa zwei Prozent des Dieselbedarfs durch Biodiesel aus heimischem Rapsanbau ersetzt werden könnten. „Das ist eine Menge, die unsere Probleme nicht löst“, sagt UBA-Experte Axel Friedrich. Außerdem: „Nicht überall, wo Bio draufsteht, kommt auch Bio raus.“ Der Raps bereitet der Umwelt große Probleme, etwa durch die Versauerung der Böden und den Einsatz von Dünger und Pestiziden. Zukunftschancen sieht das Umweltbundesamt eher für synthetische Kraftstoffe, die aus Biomasse wie Holz oder Stroh gewonnen werden („Biomass to Liquid“ oder „verflüssigte Biomasse“, kurz BTL). „Von der Biomasse Holz ist mehr vorhanden als von der Biomasse Raps“, sagt Friedrich.

Das Besondere bei BTL ist, dass nicht einzelne Teile einer Pflanze verwendet werden – wie zum Beispiel beim Raps die Blüten. Vielmehr wird bei BTL die gesamte Energie einer Pflanze genutzt: Vom Stängel bis zum letzten Blatt. Schließlich verwandeln Pflanzen Sonnenlicht mittels Photosynthese in chemische Energie – und die speichern sie in jedem Teil des Organismus. „Wenn wir diese gesamte Energie nutzen, haben wir eine drei- bis sechsmal größere Ausbeute je Hektar als bei Rapsöl“, erklärt Matthias Rudloff von der sächsischen Herstellerfirma Choren (siehe Artikel unten).

Der britische Ölkonzern BP ist zurückhaltend. „Wir halten BTL durchaus für attraktiv. Es ist eine Option für die Zukunft“, sagt Günter Strempel, der Direktor der zu BP gehörenden Aral-Forschung. Mit der Einschränkung: „Wenn es sich wirtschaftlich realisieren lässt.“ Die Biomasse sei schwierig zu handhaben. In Deutschland werde stark auf BTL gesetzt, sagte Strempel, weil es hier historisch bedingt einen großen Vorsprung gebe, international weniger. Auch in Europa fehle die klare Festlegung. „Dieser Flickenteppich muss aufgelöst und der Forschung eine klare Richtung gegeben werden“, fordert Strempel – und „keine nationalen Alleingänge bei der Besteuerung“.

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