Pyrotechnik für Silvester : Schuften für den großen Knall

Die Bremerhavener Firma Comet Feuerwerk erwirtschaftet in nur drei Tagen rund 95 Prozent des Jahresumsatzes - das bedeutet Stress zum Jahresende.

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An Silvester wird es wieder laut und bunt. Illegales Feuerwerk kann allerdings mitunter sogar lebensbedrohlich sein.
An Silvester wird es wieder laut und bunt. Illegales Feuerwerk kann allerdings mitunter sogar lebensbedrohlich sein.Foto: dpa

„Beim Silvesterfeuerwerk bin ich eher der Typ ‚Adrenalin-Junkie’“, sagt Richard Eickel. „Es muss schon was am Himmel stattfinden.“ Natürlich nur mit hauseigener Ware, denn der 51-Jährige ist Geschäftsführer der Bremerhavener Firma Comet Feuerwerk, und da kommt ihm kein Fremdprodukt unters Feuerzeug. Das Sortiment ist ja auch groß genug: 3000 verschiedene Artikel vertreibt das zweitgrößte Unternehmen der Branche, alles Importware aus China, von der Knallerbse bis zum „Batterieverbund“ mit 220 Schuss.

Wenn Eickel und seine Lebensgefährtin sich am Silvesterabend traditionell mit Freunden an seinem Hauptwohnsitz im Sauerland treffen, zündelt er als Letzter. „Ich brenne ein paar Highlights ab. Und dann fällt die ganze Anspannung ab.“ Nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen 200 Arbeitskräften. „Die kriechen ein bisschen auf dem Zahnfleisch“, erzählt er bei einem Firmenrundgang.

95 Prozent des Jahresumsatzes in drei Tagen

In einem riesigen Hallenkomplex, 216 Meter lang und 120 Meter breit, stapeln sich überall Kartons mit den importierten Böllern und Raketen. Ein scheinbar heilloses Durcheinander, aber die Männer und Frauen wissen genau, was zu tun ist: Sie müssen für 30 000 Läden in ganz Deutschland jeweils eine individuelle Sendung zusammenstellen. Gabelstapler düsen durch die Gänge, Männer mit gelben Warnwesten kutschieren versandfertige Paletten per Hubwagen zu einem der 18 Ladetore. Hat ein Händler statt ganzer Kartons nur ein paar Einzelartikel bestellt, sammeln Frauen sie zunächst in einer Art Einkaufswagen aus Holz – „Handabpack“ nennt sich das in der Sprache der Cometen.

So ähnlich läuft es auch in vier weiteren Lagern in Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die zum Teil von Speditionen betrieben werden. Lastwagen bringen dann das ganze Knall- und Leuchtgut bis in die hintersten Winkel der Republik, 1,3 Millionen Einzelkartons pro Saison. „Das ist eine große logistische Herausforderung“, sagt Firmenchef Eickel. Ein absolutes Saisongeschäft. Denn nur an den letzten drei Tagen des Jahres darf Comet richtig Geld machen, 95 Prozent des Jahresumsatzes. Der Grund ist die „Erste Verordnung zum Sprengstoffgesetz“: „Pyrotechnische Gegenstände der Kategorie 2 dürfen dem Verbraucher nur in der Zeit vom 29. bis 31. Dezember überlassen werden; ist einer der genannten Tage ein Sonntag, ist ein Überlassen bereits ab 28. Dezember zulässig.“ Kategorie 2 – das sind die üblichen Silvesterfreudenspender. Und da die Läden die explosive Ware vor Verkaufsbeginn nicht beliebig lang horten können, wird sie möglichst erst auf den letzten Drücker angeliefert.

Im Dezember wird es stressig

Das bedeutet Stress. Von Anfang Dezember bis kurz vor Weihnachten wird rund um die Uhr gearbeitet. Die Verpacker schuften im Drei-Schicht-Betrieb sechs Tage am Stück, manchmal auch länger. In der Halle erzählt jemand von einem Kollegen, der mehrere Wochen ohne freien Tag gearbeitet habe. „Das kann nicht sein“, versichert Eickel. „Wir reizen aus, was wir ausreizen dürfen“ – aber mehr auch nicht. Seine Pressesprecherin schickt am nächsten Tag noch extra ein schriftliches Dementi: „Wenn in Ausnahmefällen an sieben Tagen die Woche gearbeitet wird, dann ganz klar nur unter Beachtung von Ausgleichstagen nach den gesetzlichen Vorgaben.“

Der Geschäftsführer der Firma Comet Feuerwerk, Richard Eickel.
Der Geschäftsführer der Firma Comet Feuerwerk, Richard Eickel.Foto: Eckhard Stengel

Dass die Schall- und Rauchwaren rechtzeitig bei den Händlern landen, ist rund 15 Speditionen zu verdanken – und der zentralen Steuerung durch Comet. „Wir schauen jeden Tag: Brennt was an?“, erzählt Eickel. „Wenn bei einem etwas aus dem Ruder läuft, verteilen wir die Aufträge schnell auf andere.“ Etwa dann, wenn ein Lastwagen ausgerechnet an Heiligabend in einen Graben rutscht. Alles schon passiert.

Auch nach Neujahr gibt es noch einiges zu tun. Als Erstes werden die Ladenhüter eingesammelt: Etwa ein Viertel der ausgelieferten Silvesterartikel geht zurück nach Bremerhaven, zur Sichtkontrolle: Ist noch alles in Ordnung für die nächste Verkaufsrunde? Feuerwerkskörper haben ja kein Verfallsdatum.

Rund Tausend Container kommen in Bremerhaven an

Parallel dazu holt die Vertriebsabteilung schon die Aufträge für den nächsten Jahreswechsel herein. Und bei den Herstellern in China muss rechtzeitig die Ware geordert werden. Neues soll auch dabei sein – das macht aber mehr Arbeit: Die zündenden Ideen der Entwickler in Bremerhaven oder China müssen immer erst von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) zugelassen werden.

Im Mai legen dann die ersten Frachter in Bremerhaven an, die auch Pyrotechnik für Comet an Bord haben – bis November oder sogar Anfang Dezember kommen insgesamt rund tausend Container.

Bei Importartikeln aus Fernost denkt man natürlich schnell an Sicherheitsmängel. Aber alles ist laut Eickel zertifiziert und wird mehrfach überprüft. „Wir machen Qualitätskontrollen während der Produktion und Ausgangskontrollen nach Stichprobenplänen.“ Und von jedem eingehenden Container werde auch noch mal eine Stichprobe überprüft. Comet-Experte Horst Krokowski ergänzt, es sei gar nicht so leicht, verpackte Feuerwerkskörper in die Luft zu jagen. „Wir haben das mal mit etlichen Paletten in einem Stahlwerk versucht. Das ging nur mit ganz viel Benzin.“

Verkauf an chinesischen Handelskonzern

Bis 2004 produzierte Comet auch noch selbst, in Erdbunkern, falls doch mal etwas schiefgehen sollte. Zum Sortiment zählte auch Übungsmunition fürs Militär, denn damals gehörte die 1955 gegründete Firma zum Rüstungskonzern Diehl. Aber der verkaufte das Unternehmen Ende 2004 an den Handelskonzern Li & Fung aus Hongkong.

Mit den Chinesen schrumpfte die Belegschaft, und es kam ein neuer Chef: Richard Eickel. Er führte bis dahin einen Kochgeschirrhersteller und wusste: Klappern gehört zum Handwerk. Eickel investierte ins Marketing und ließ jedes Jahr möglichst viele Neuheiten entwickeln. 2008 wurde ein neuer Firmensitz gebaut, mit riesigen Lagerhallen und nur noch einem Erdbunker für Sicherheitskontrollen. 2013, nach einer kurzen Krise mit Kurzarbeit, schluckte Comet den Konkurrenten Keller, außerdem kamen Party- und Spaßartikel dazu: Kostüme, Zauberhüte, Girlanden, alles, was auch an Karneval und Halloween Geld bringt.

75 Millionen Euro Jahresumsatz macht Comet inzwischen, gut doppelt so viel wie bei der Übernahme vor einem Jahrzehnt. Und laut Eickel sind aus den damals „heftigen Verlusten“ bereits seit 2007 schwarze Zahlen geworden. Ein kometenhafter Aufstieg. Deutschlands Marktführer, wie noch bis 2001, sind die Bremerhavener aber nicht wieder geworden, trotz 38 Prozent Marktanteil. Weco ist die Nummer eins.

„Das Geschäft ist überhaupt kein Selbstläufer“, sagt Eickel, und er weiß das auch deshalb, weil er nebenbei noch eine Konzernschwester in England leitet. „Die ganz große Herausforderung in unserem Geschäft ist die Vorfinanzierung.“ Denn die Einzelhandelsketten zahlen erst im neuen Jahr, nach Rückgabe der Retouren. Da tut es gut, einen starken Konzern im Rücken zu haben.

Wer mit einem Feuerwerker über Silvester spricht, muss natürlich auch nach „Brot statt Böller“ fragen: lieber spenden als knallen also? „Viele tun beides“, meint Eickel. Sein Wunsch: wenn schon verzichten, dann „lieber eine Flasche Sekt weniger trinken“. Er hält auch nichts von Verboten aus Rücksicht auf traumatisierte Kriegsflüchtlinge. Die würden schon verstehen, „dass das unsere Tradition ist“.