Wirtschaft : Soziale Abgründe

Viele Chinesen bleiben auf dem Weg in die Moderne zurück – die Spannungen nehmen zu

Harald Maass/Bernd Hops

Westlich von Peking, wo die letzten Wohnblöcke der Stadt einer kargen Berglandschaft weichen, beginnt eine andere Welt. Statt mit Autos fahren die Menschen mit Eselskarren und alten Fahrrädern. Die Dörfer wirken ärmlich. Viele Fenster sind nur mit Papier zugeklebt. Die Menschen tragen zerlumpte Kleidung. „Wir leben kaum besser als die Bettler“, sagt die Bäuerin Cui Mei. Außer einem alten Radio, einigen Holztruhen und einem „Kang“, dem traditionellen beheizbaren Steinbett, ist die ärmliche Wohnküche der Bäuerin Cui leer. „Mit der Landwirtschaft verdienen wir fast nichts mehr“, sagt ihr Sohn Gao Jiangwen. Wie die meisten hier lebt er von Sozialhilfe. 330 Yuan erhält er im Monat für seine dreiköpfige Familie – das sind 33 Euro. Andere im Dorf müssten von 80 Yuan im Monat leben.

Doch den Arbeitern in den Städten geht es nicht besser. Die Durchschnittslöhne liegen oft unter 80 Euro im Monat. Wanderarbeiter stehen zwölf Stunden pro Tag am Fließband, und das sieben Mal die Woche. Es gibt weder Kündigungsschutz noch unabhängige, einflussreiche Gewerkschaften. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schätzt, dass heute 170 Millionen Menschen im Reich der Mitte ohne Job sind.

Und der Druck nimmt auf absehbare Zeit nicht ab. „Jedes Jahr müssen zwölf bis 15 Millionen Menschen zusätzlich integriert werden“, sagt Jürgen Heraeus, Sprecher für China im Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft (APA). „Sollte das Wirtschaftswachstum schwächer werden, nimmt das Problem noch zu.“ Allerdings ist Heraeus insgesamt eher optimistisch. „Die jetzige politische Führung in Peking ist exzellent und frei von altem Parteidenken.“

Die Zentralregierung hat mittlerweile auch erkannt, welche Sprengkraft die wachsenden Unterschiede bergen. „Die Entwicklung im sozialen Bereich hinkt hinterher“, bekannte Ministerpräsident Wen Jinbao jüngst vor dem Volkskongress, dem chinesischen Parlament. Die Menschen beschwerten sich häufig über die Kosten und die Verfügbarkeit von Schulen und medizinischer Behandlung, räumte er ein. Und Ressourcen und Umwelt würden hemmungslos ausgebeutet. Mit Investitionen und Steuersenkungen für die ländlichen Gebiete sollen die größten Probleme nun beseitigt werden.

Während die Menschen in den Städten aber einen bescheidenen Wohlstand erreicht haben, sich größere Wohnungen, Mobiltelefone und Autos leisten können, lebt ein Großteil der 800 Millionen Bauern am Rande des Existenzminimums. Viele Familien sind so arm, dass sie ihre Kinder nicht mehr auf die Schule schicken können. Internen Dokumenten der Regierung zufolge kommt es jedes Jahr zu Hunderten Protesten und Aufständen. Eine Studie von zwei Journalisten, die derzeit für Schlagzeilen sorgt, kommt zu dem Schluss, dass Chinas Regierung für die Misere der Landbevölkerung selbst verantwortlich ist. „Wir haben unglaubliche Armut und unvorstellbares Leid gesehen“, berichtet das Autorenehepaar Chen Guidi und Wu Chuntao. In ihrer Untersuchung berichten sie von Ausbeutung durch lokale Kader, über Wuchersteuern und illegale Landgeschäfte lokaler Behörden. Unter den 50 untersuchten Landkreisen sei kein einziger gewesen, in dem die Gesetze und Bestimmungen befolgt wurden,.

In Weizishui, einem kleinen Weiler in der Nähe des Niang-Niang-Klosters, sind die meisten Häuser leer und halb verfallen. „Die jungen Leute ziehen in die Stadt, um Arbeit zu suchen“, sagt Gao Jiangwen. Der 38-Jährige ist nur deshalb noch im Dorf, weil er krank ist. „Früher haben wir Mais, Hirse und Bohnen angebaut“, berichtet er. Heute rentiere sich auf den kleinen Feldern die Landwirtschaft nicht mehr. Für seinen zwölfjährigen Sohn zahlt er im Jahr 200 Yuan Schulgebühren. Wenn er im nächsten Jahr die teure Mittelschule besucht, weiß Gao nicht, woher er das Geld nehmen soll.

Ende der 70er Jahre, als China mit seinen Wirtschaftsreformen begann, waren die Bauern zunächst die Gewinner. Der damalige Führer Deng Xiaoping zerschlug die Agrargenossenschaften, privatisierte die Landwirtschaft und erhöhte so die Produktion. Nach Jahrzehnten der Mangelwirtschaft hatten die Chinesen erstmals genügend zu essen und die ersten Unternehmer. In Peking verdienten private Gemüsehändler oft mehr als Universitätsprofessoren. Mittlerweile hat sich die Lage umgedreht. Rund 100 Millionen Bauern haben deshalb ihre Felder verlassen, um sich als Wanderarbeiter an der Küste durchzuschlagen. Doch in den Städten sind sie nur Bürger zweiter Klasse. Das so genannte „Hukou“-System, das Chinesen an ihren Geburtsort bindet, sorgt dafür, dass Stadtbewohner in der Ausbildung, Krankenversorgung und der Verteilung von Arbeitsplätzen bevorzugt werden.

Um die Lage der Wanderarbeiter und der Landbevölkerung zu verbessern, müsste Peking seine gesamte Wirtschaftspolitik ändern. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Regierung praktisch alle Investitionen in die Städte gepumpt. Um die Elite in den Städten zufriedenzustellen, wurden moderne Schulen und Universitäten errichtet, Straßen gebaut und Industriegebiete gegründet. Chinas Bauern, die einst Mao Zedong zur Revolution verhalfen, überließ man sich selbst. In Weizishui rechnet niemand damit, dass sich durch den jüngsten Volkskongress in Peking etwas verbessern wird. Die zwei Autostunden entfernte Hauptstadt mit ihren Kaufhäusern und Bürotürmen ist ohnehin eine fremde Welt. Aber: „Wenn mein Sohn groß ist, wird er auch in der Stadt leben“, sagt Gao.

0 Kommentare

Neuester Kommentar