Wirtschaft : Tückischer Schmierfilm auf der Schiene

Die Bahn findet erstaunliche Erklärungen für unpünktliche Züge – In den Bundesländern wächst der Unmut

Carsten Brönstrup/Bernd Hops

Berlin. Wegen der zunehmenden Zugverspätungen in diesem Herbst gerät die Deutsche Bahn immer stärker unter Druck. Die Bahn zahlt schon jetzt hohe Vertragsstrafen und Verkehrspolitiker fordern inzwischen, die Verträge zwischen den Bundesländern und der Bahn auf den Prüfstand zu stellen. Besonders der Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen ist betroffen. Dort ist die Quote pünktlicher Züge „teilweise auf 30 Prozent gesunken“, sagte Lothar Wittenberg, Sprecher des NRW-Verkehrsministeriums, dem Tagesspiegel. Aber auch in einer Reihe weiterer Bundesländer hat sich die Lage zugespitzt. In Sachsen-Anhalt berichtete das Verkehrsministerium: „Es hat sich in den vergangenen Monaten eine negative Tendenz herausgebildet.“ Hier handelt es sich „nicht nur um einen Ausrutscher“.

„Im Herbst und zu Weihnachten ist es immer das Gleiche", sagte Reinhard Pfeiffer, Sprecher des bayrischen Verkehrsministeriums. Und in diesem Jahr sei es besonders schlimm. Er forderte den Bund als Eigentümer der Bahn auf, stärker auf den Konzern Druck auszuüben: „Die Organisation des Betriebs muss verbessert werden.“ Allerdings winkt man beim Bund ab. „Das ist das operative Geschäft der Bahn, da mischen wir uns nicht ein“, sagte ein Sprecher.

Die Länder überweisen viel Geld an die Bahn, damit sie in den Regionen fährt. Vom Bund erhalten sie für den Nahverkehr jedes Jahr fast sieben Milliarden Euro. Regelmäßig werden Vertragsstrafen fällig, weil die Bahn die in den Verträgen geforderte Quote pünktlicher Züge nicht erfüllt. Allein in Bayern muss der Konzern in diesem Jahr „deutlich mehr als zehn Millionen Euro“ zahlen, sagte der dortige Ministeriumssprecher.

Im Vergleich zur Gesamtsumme, die die Länder zahlen, sind die Strafen relativ gering. Verkehrspolitiker von CDU und FDP haben nun die Länder aufgefordert, notfalls die Verträge über die Bestellung von Nahverkehrszügen mit der Bahn zu kündigen. „Bahnchef Mehdorn wird erst reagieren, wenn es ihm an die Finanzen geht. Deshalb sollten die Länder so früh wie möglich aussteigen – nur dann wird die Bahn an ihrer Qualität arbeiten“, sagte Horst Friedrich, verkehrspolitischer Sprecher der FDP im Bundestag. CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer riet den Ländern, von der Bahn „saftige Strafen“ zu kassieren und einzelne Nahverkehrsstrecken an private Bahnunternehmen zu vergeben. „Die Privaten machen es allemal besser, weil sie pünktlicher und zuverlässiger fahren“, sagte er.

Die Kündigung von Verträgen plant allerdings noch kein Land. Auch bei der Bewertung privater Anbieter hält man sich zurück. Wirklich flächendeckend ist noch keiner aktiv, entsprechend schwierig ist die Einschätzung, wie zuverlässig sie wären. In Baden- Württemberg wird eine Kündigung nur für den absoluten Extremfall, wenn sich die Bahn überhaupt nicht bewegt, erwogen. Und in NRW konzentriert man sich darauf, die Bestellergelder als „Faustpfand“ zu sperren: Immerhin handelt es sich um 702 Millionen Euro. „Natürlich müssen wir mit der Bahn auch Gespräche führen, Druck allein reicht nicht aus“, sagte Wittenberg. „Aber das Signal ist wichtig.“ NRW will auch die besonders verärgerten Länder um sich scharren, um so den Druck auf die Bahn zu erhöhen. Aus Hessen habe man bereits sehr positive Reaktionen auf die Initiative erhalten. Auch Bayern sei an einer Teilnahme interessiert.

Mischung aus Laub und Kohlenstaub

Schuld an den Verspätungen im Herbst ist Bahnexperten zufolge Laub auf den Schienen, aber auch technische Probleme mit Loks und zu eng kalkulierte Fahrpläne. Warum die Züge vor allem in NRW verspätet sind, erklärt die Bahn mit der speziell zusammengesetzten Luft in dem Bundesland. „Darin finden sich besonders viele Kohlepartikel. Diese vermischen sich dann auf den Schienen mit dem welken Laub und führen zu einem tückischen Schmierfilm, der das Bremsen der Züge erschwert“, berichtet ein Bahnsprecher. Die Bahn hat zu diesem Phänomen nun eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben.

Aber auch ohne dieses Gutachten weiß die Bahn bereits, dass sie ein massives Problem hat. In einem internen Papier räumt sie ein, dass nur sechs Prozent der Verspätungen auf das Konto von so genannten „externen Störungen“ wie Selbsttötungen oder Unfällen an Bahnübergängen gehen. Der Rest entfällt vor allem auf technische Störungen, auf schlechte Abstimmung im riesigen Bahnsystem und auf Baustellen. „Die Bahn hat ihre Werkstattkapazitäten auf ein Minimum heruntergefahren, so dass sie jetzt mit den Reparaturen nicht nachkommt“, bemängelt Karl-Peter Naumann, Vorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn. „Offenbar hält man es bei der Bahn für einen Zufall, dass jedes Jahr im Oktober die Blätter von den Bäumen fallen“, spottet er.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben