Archäologie : Kultursprung im Sahel

Deutsche Wissenschaftler erforschen die Wurzeln der rätselhaften Nok-Zivilisation.

Michael Zick

Die Straße des Dorfes Garaje Kagora in Zentralnigeria war gesperrt. Exotische Ausländer hatten sie in der ganzen Breite aufgerissen und arbeiteten sich in exakt rechtwinkligen Gruben in den Boden. Ihr Tun war interessant, aber unverständlich. Viele Augen verfolgten die Arbeiten, als Peter Breunig und seine Mitarbeiterin Nicole Rupp im Staub der Dorfstraße nach den Zeugnissen einer frühgeschichtlichen Zivilisation fahndeten, die für die afrikanische Entwicklung prägend gewesen sein könnte: die Nok-Kultur.

Das Problem und die Herausforderung für die beiden Archäologen der Universität Frankfurt am Main: Man weiß so gut wie nichts über diese offenbar weit ausstrahlende Kultur. Wie die Menschen wohnten, was sie aßen, wie ihre Gemeinschaft organisiert war, wen oder was sie verehrten - alles offene Fragen. Handfest sind bislang nur zwei Überraschungen: Die Nok-Leute schufen als Erste südlich der Sahara hohe Kunst und sie produzierten als erste Eisen.

Die Mensch- und Tier-Terrakotten der Nok-Kultur erfreuen sich im Kunsthandel schon seit Jahrzehnten größter Beliebtheit, die Nachfrage schnellte noch in die Höhe, als vor einiger Zeit das Alter der bis zu einen Meter großen Plastiken bekannt wurde: 2500 Jahre. Alle bisherigen Funde stammen aus unkontrollierten Grabungen. Peter Breunig vermeidet den Begriff Raubgrabung, denn zum Raub würden die Fundstücke erst durch den internationalen Handel: "Die bitterarmen Leute in Nigeria, die das ausgraben, empfinden das anders. Es ist ihr Land, sie bekommen Geld für die Figuren, also graben sie." Die Schäden vor Ort nennt der Archäologe allerdings "verheerend für die Wissenschaft". Andererseits helfen die Einheimischen den deutschen Forschern ganz entscheidend, berichtet Breunig: "Die haben uns alle ihre Fundstätten gezeigt."

So konnte das Team um den Frankfurter Archäologen in den letzten drei Jahren so viele Indizien für die geheimnisvolle Nok-Kultur - benannt nach dem ersten Fundplatz der Terrakotten - sammeln, dass ihre überragende Bedeutung für die Geschichte Afrikas außer Frage steht. Breunig hofft nun auf eine langfristige Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Damit bekämen die Wissenschaftler die Möglichkeit, eine überregionale frühgeschichtliche Kultur, vielleicht sogar Hochkultur Afrikas planmäßig zu erforschen.

Auch wenn das zunächst nur ein Steinchen ist, kann damit das große Puzzle der spannenden afrikanischen Geschichte weiter vervollständigt werden. Denn auf dem sogenannten Schwarzen Kontinent lernte die Menschheit ja nicht nur das Laufen, sondern hier züchtete der Mensch die ersten Rinder und formte - lange vor den altorientalischen Kulturzentren - aus Ton die ersten Kochtöpfe. Letzteres ist nicht so banal wie es klingt, denn damit erschloss sich der Mensch neue Nahrungsquellen, etwa Getreide.

Die Ernährung wurde kontinuierlich und sicherer, das hatte positive Auswirkungen auf Gesundheit und Überlebensrate, was wiederum die Bevölkerung anwachsen ließ, mit allen positiven wie negativen Auswirkungen: Zivilisation, Arbeitsteilung, Elitenbildung, soziale Innovationen, Krieg und Kunst.

Um 500 vor Christus fällt die Nok-Kultur in Zentralnigeria vom Himmel, so scheint es nach dem jetzigen Forschungsstand: ausdrucksstarke Menschen- und Tier-Statuetten sind ebenso plötzlich da wie Armreifen und Beilklingen aus Eisen. Kurz zuvor hatten die Nok-Leute noch in der Steinzeit gelebt.

Was diesen Kultursprung ausgelöst hat, weiß Peter Breunig nicht. Da helfen ihm auch die Erkenntnisse seiner bisherigen Grabungen in der mehrere hundert Kilometer entfernten Region um den Tschadsee nicht weiter. Obwohl auch dort um 500 vor Christus "plötzlich" etwas passierte: Ohne erkennbare Anstöße aus der Umwelt bauten die Menschen des Tschadbeckens aus dem Stand heraus große Siedlungen mit starken Wallanlagen und Vorratshaltung für Tausende Bewohner.

Die Zeiten waren offenbar unsicher, die Gesellschaft arbeitsteilig und hierarchisch aufgebaut, vielleicht schon mit einem Herrscher. Nur künstlerisches Schaffen lag den Tschad-Leuten offenbar nicht so sehr am Herzen, über etwas unbeholfene Tier-Terrakotten kamen sie nicht hinaus..

Nach den bisherigen Untersuchungen begann also um etwa 500 vor Christus eine Umbruchphase im Sahel, jener Vegetationszone südlich der Sahara von der Atlantikküste über die heutigen Staaten Mali, Niger und Nigeria bis zum Tschadsee. Diesen großen Sprung können die Wissenschaftler noch nicht so recht deuten. Breunig ist sich jedoch sicher: "Das war ein Big Bang." Und dieser kulturelle Urknall in Westafrika, so der Frankfurter Archäologe, pflanzte sich in der Folgezeit bis nach Südafrika fort, die Sahelzone Westafrikas war der Taktgeber.

Ästhetisches Zeichen der sozialen, ökonomischen und technischen Innovationen dieser Aufbruchszeit sind die Nok-Figuren mit den stets dreieckigen Augen, ausgeprägten Mundpartien und elaborierten Frisuren. Schmucknarben sind ebenso fein ausgeführt wie Waffen, ja sogar Merkmale von Krankheiten. "Weil keine Figur der anderen gleicht, erscheinen sie trotz des einheitlichen Stils individuell", charakterisiert Breunig die Nok-Plastiken.

Das war keine Feierabendbeschäftigung steinzeitlicher Jäger oder Bauern, meint Breunig, sondern "höfische Kunst". Zumindest wurde sie von Experten hergestellt, die sich an einen Stilkanon hielten. Denn Auftraggeber muss ein tonangebender Kopf gewesen sein. Für eine politische oder religiöse Elite spricht auch die weite Verbreitung der Nok-Kunst: Sie streut zwischen 500 vor und 200 nach Christus über 100 000 Quadratkilometer; das entspricht der Größe Portugals.

Die aufgerissene Magistrale des Dorfes Garaje Kagora brachte den Archäologen im Frühling dieses Jahres vielleicht einen Hinweis auf die Bedeutung der Terrakotten. Sie fanden mehrere Statuen im Boden, immer zerbrochen und stets umgeben von faustgroßen Steinen. Eine rituelle Aura des Areals und eine kultische Zerschlagung der Figuren (Götter, Herrscher?) bieten sich als Interpretation an. Dem widersprechen allerdings die zahlreichen anderen Fundplätze, an denen die Forscher Nok-Figuren mitten im Alltag fanden, zwischen Keramikscherben, Mahlsteinen, Relikten von Eisenschmelzöfen und Holzkohleresten.

Nok bleibt rätselhaft.

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