Der Tagesspiegel : Zu viel Ruhe im Spreewald

Claus-Dieter Steyer

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Das war eine auf den ersten Blick überraschende Nachricht in dieser Woche: Der Spreewald liegt bei der Zahl der Übernachtungen von zehn Brandenburger Reisegebieten nur noch auf Platz sechs. Doch der Besucherrückgang lässt sich leicht erklären. Man blicke nur mal auf alte und neue Landkarten: So veröffentlichte das „Handbuch der DDR“ vor genau 25 Jahren die „Urlaubs und Erholungsgebiete“ mit dem Spreewald als grünem Fleck in einer weitgehend weißen Umgebung. Nur Bad Saarow, Bad Freienwalde, Rheinsberg, Templin, Lychen und der Werbellinsee in der Schorfheide tauchten noch als Urlaubsziel auf, der Rest des heutigen Brandenburgs gehörte der Industrie, dem Bergbau, der Landwirtschaft, der NVA, den sowjetischen Truppen und anderen „bewaffneten Organen“.

Heute dagegen zeigen sich große Landstriche deindustrialisiert, mit brachliegenden Feldern und langsam zuwachsenden Militärflächen. Dafür bestimmen andere Symbole die Karte: Thermalbäder in Templin, Belzig, Bad Saarow und Bad Wilsnack, Spaßbäder in Oranienburg, Fürstenwalde, Luckenwalde oder Brandenburg, Europas längste Skaterstrecke im Fläming, Hausboot-Stationen in Fürstenberg, Potsdam und bei Rheinsberg, Radwege quer durchs Land und entlang von Elbe, Oder und Neiße, vier Draisinenstrecken, Museumsparks in Rüdersdorf und Mildenberg und zahllose Hotels für jeden Geschmack. Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig; überall arbeiten professionelle Tourismusmanager; es gibt Angebote für Erholungs-, Aktiv- und Bildungsurlauber.

Nur der Spreewald blieb auf seinem Image als Idylle für geruhsame Kahnfahrten sitzen. Selbst die zweifellos schöne Natur zieht nicht mehr so wie früher. Das liegt weniger an Meldungen vom zurückgehenden Pegel der Spree oder dem Absterben der Erlen. Vielmehr hat auch hier die Konkurrenz zugelegt: Ein Drittel der Brandenburger Landesfläche steht unter Naturschutz, einige Naturparks und sogar der Nationalpark Unteres Odertal ähneln teilweise dem Spreewald.

Doch auf die Veränderungen haben die Spreewälder entweder gar nicht oder viel zu spät reagiert. Lange Zeit stimmten die Zahlen ja. Doch nach dem Abstieg vom Spitzenplatz auf den sechsten Rang müsste es mit der Gelassenheit im Spreewälder Tourismusverband vorbei sein. Der Spreewaldmarathon, die Eröffnung eines Thermalbades in Burg 2005, Radtouren ins benachbarte Polen, Kooperation mit Gästeführern durch das alte Lausitzer Bergbaugebiet oder neue Ideen für die Speisekarten der Gasthäuser sind erste Ansätze. Denn solch paradiesische Zustände wie auf der Landkarte von 1979, als niemand um Gäste werben musste, werden nie wiederkommen.

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