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Prozess um erwürgte Abiturientin aus Berlin : Mutmaßlicher Mörder: "Es war ein Unfall"

Sechs Monate nach dem gewaltsamen Tod der 18-jährigen Hanna K. in Kaulsdorf steht ein 31-Jähriger wegen Sexualmordes vor Gericht. Er bestreitet den Vorwurf.

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Ein Blatt Papier in der Nähe vom S-Bahnhof Wuhletal in Kaulsdorf. Hier war am 16. Mai die Leiche von Hanna K. gefunden worden. Heute begann der Prozess gegen den Mann, der für ihren Tod verantwortlich sein soll.
Ein Blatt Papier in der Nähe vom S-Bahnhof Wuhletal in Kaulsdorf. Hier war am 16. Mai die Leiche von Hanna K. gefunden worden....Foto: Paul Zinken/dpa

Sie hatte gerade ihr Abitur gemeistert. Mit sehr guten Noten. Hanna K. aus Kaulsdorf wollte Medizin studieren, vielleicht später in die Gerichtsmedizin gehen. Sie kam in der Nacht zum 16. Mai von der Party einer Freundin. „Letzter Kindergeburtstag“, so das Motto der Feier. Sie war nur noch wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernt, als ein Fremder über sie herfiel. Nun steht mit David G. der mutmaßliche Mörder vor Gericht. Und widerrief frühere Aussagen.

Schwerfällig erhob sich David G., als die Richter den Prozess eröffneten. Er ist 31 Jahre alt, ein farbloser Mann mit schütterem Haar. Auffällige Jeans, ein gestreiftes Kapuzenshirt. Über Jahre verbrachte er seine Zeit zumeist vor dem Computer mit Kriegs- und Gewaltspielen sowie mit Pornografie. Bis er sich vier Tage nach dem Verbrechen selbst stellte. Er hatte sich auf veröffentlichten Bildern von Überwachungskameras der U-Bahn erkannt. „Ohne diese Aufnahmen hätten wir die Tat niemals aufklären können“, so der Ankläger. Das hatte zu Beginn der Woche schon Polizeipräsident Klaus Kandt gesagt: Der Fall von Hanna K. sei ein Beispiel dafür, wie BVG-Überwachungskameras bei der Verbrechensaufklärung helfen könnten.

David G. aber sieht sich nicht als Verbrecher. „Ich habe ein Menschenleben ausgelöscht, aber es war ein Unfall“, sagte er. Als er die 18-Jährige in der Nähe des Bahnhofs Wuhletal an der Schulter berührte, seien sie gestürzt. „Wir rutschten eine Böschung hinunter. Ich wollte mich dann aufrichten, da muss ich ihren Hals erwischt haben“, erklärte er. Es sei „aus Versehen“ passiert. Keinerlei sexuelle Gedanken hätten eine Rolle gespielt. Ob er die bereits Tote sexuell berührte? „Ich weiß das nicht mehr, Blackout.“

Angeklagter widerruft vorherige Aussagen

Die Staatsanwaltschaft geht von einem Sexualmord aus. Drei Mordmerkmale sieht sie: Befriedigung des Geschlechtstriebs, Heimtücke und Verdeckung einer versuchten Vergewaltigung. Auf Bildern von Überwachungskameras ist zu sehen, wie David G. in dieselbe U-Bahn an der Station Frankfurter Allee stieg. Bereits zu diesem Zeitpunkt habe er beschlossen, „gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an ihr vorzunehmen“, heißt es in der Anklageschrift.

Es war den Aufnahmen zufolge 1.37 Uhr, als Hanna K. am Bahnhof Wuhletal ausstieg. Er habe zunächst ein paar Meter Abstand gehalten, sagte der Angeklagte nun. Die junge Frau habe ihm gefallen. „Ich wollte sie nur kennenlernen, vielleicht nach der Telefonnummer fragen, sexuell wollte ich überhaupt nichts von ihr.“ Weil er „so schüchtern“ sei, habe er sich nicht getraut, sie anzusprechen. Als er ihre Schulter berührte, habe sie das Gleichgewicht verloren. „Aus Versehen“ habe er wohl ihren Hals gedrückt.

Eine Geschichte, die nach Einschätzung von Prozessbeteiligten nicht zu den festgestellten Verletzungen passt. Es müsse ein „längerer, kräftiger Druck“ gewesen sein. David G. hatte das bei der Polizei auch zugegeben. Nachdem er mit sichergestellten DNA-Spuren an der Leiche konfrontiert worden war, gab er sich geständig. Er habe sie „eigentlich vergewaltigen wollen“, sagte er. Er habe sie sich „von hinten gegriffen“, sie im Schwitzkasten gehabt. Weil sie sich wehrte, habe er zugedrückt.

Nun will er davon nichts mehr wissen. Immer gereizter wiederholte der Mann, der nach einem vorläufigen psychiatrischen Gutachten voll schuldfähig ist: „Da hat man mich falsch verstanden.“ Er habe damals zudem unter Druck gestanden. Es blieb den Eltern der Getöteten erspart, die Aussage im Gericht zu verfolgen. Sie sind zwar Nebenkläger, nehmen aber Abstand von einer persönlichen Teilnahme. „Für die Familie ist es ein unfassbarer Schicksalsschlag. Er hat das Mädchen und die ganze Familie zerstört“, sagte der Nebenklage-Anwalt.

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