Prozess um versuchten Totschlag : Rentner gesteht Schüsse auf den Nachbarn

Ein Streit um Lärm endete im Kugelhagel: Ein Rentner schoss auf seinen Nachbarn, der bis heute unter den Folgen leidet. Jetzt steht der 58-jährige wegen versuchten Totschlags vor Gericht.

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Der Rentner wäre am liebsten aufgesprungen. Es regte ihn auf, was der Nachbar berichtete. Dabei ist er, Hans-Jürgen B. aus dem Archibaldweg in Rummelsburg, der schießwütige Täter. „Dass ich den S. töten wollte, kann ich nicht in Abrede stellen“, hatte er vor der Aussage seines Opfers erklärt. Dem klaren Geständnis aber folgte beim Anblick von Matthias S. offenbar die alte Wut. „Vor der Tat war ich ein Opfer, ich wurde in die Verzweiflung getrieben“, ließ der 58-jährige B. am Montag von seiner Anwältin verlesen.

Ein Streit unter Nachbarn, an dessen Ende eine Szene wie in einem Wildwestfilm stand. Frührentner B. war am 27. März mit einer geladenen „Tokarew“ aus seiner illegalen Sammlung ins Treppenhaus geschlichen. Er wusste, dass der 41-jährige S. aus der Wohnung nebenan mit Kampfhund Joker von der abendlichen Gassi-Runde kommen würde. „Ich sah ihn nicht, dann knallte es, ich brach zusammen, kroch aus dem Haus“, beschrieb S. den Angriff des Nachbarn. Ein Auto stoppte. Der 49-jährige Fahrer und dessen 16-jährige Tochter hatten sofort erkannt, dass er in Not war. B. stand nur etwa fünf Meter entfernt, feuerte weiter. Vater und Tochter erlitten Schockzustände. .

Der füllige Angeklagte mit einem Oberlippenbart bis zum Kinn verschränkte die Arme, als S. über die kurze Zeit in dem Mietshaus berichtete. Von Anfang an sei ihm B. unsympathisch gewesen. Bei der ersten Begegnung habe B. in Unterhemd und Schlabberhose auf dem Balkon gestanden und sich über „Kanaken, Lesben und Zecken“ ausgelassen. Das sei im Sommer 2011 gewesen. Damals war S. zu seiner Freundin und damit in Nachbarschaft zu B. gezogen. Vor Gericht erklärten beide Männer, sie hätten nur in Ruhe leben wollen. Doch Rücksicht nahmen sie in der Zeit Tür an Tür wohl wenig.

Der Lärm sei unerträglich gewesen, stöhnte der Angeklagte. Hundegebell, viel zu laute Musik, nervende Brüllereien zwischen dem jungen Paar, klappende Türen, Beleidigungen und sogar Bedrohungen im Hausflur. „Es war wirklich die Hölle“, beklagte der Rentner. S. habe ihm „eins in die Fresse“ angekündigt für den Fall, dass er sich weiterhin über dröhnende Bässe bis 22 Uhr beschweren sollte. „Bei mir wurden Angst und Hilflosigkeit immer größer.“ Irgendwann habe er das Haus nur noch mit Pistole verlassen.

Der arbeitslose S. und seine damalige Freundin fühlten sich belästigt, gegängelt. Für sie war B. ein unleidlicher Nachbar, der ständig das Ohr an der Wand hatte und wegen jeder Kleinigkeit klingelte. „Fettbacke“ schimpfte S., ein Mann mit kantigem Gesicht und breiten Schultern. Er war allerdings bereits Wochen vor den Schüssen in die Wagenburg gezogen. Er kam nur in Haus, um sich um Joker zu kümmern. „Hass und Angst bei B. hätten sich doch beruhigen müssen“, sagte die damalige Freundin des Opfers. „Man hätte vernünftig reden müssen“, blickte S. zurück. Er kämpft bis heute mit den Folgen der lebensgefährlichen Verletzung. Der Prozess geht am 4. Oktober weiter.

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