Prozess : Verletzte Familienehre

Vorwurf Mordversuch: Zwei arabischstämmige Brüder und deren Freund stehen vor Gericht. Sie sollen ihre Schwester geschlagen und deren Freund in eine Falle gelockt haben.

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Die 16-jährige Schwester geschlagen, deren 19-jährigen Freund hinterhältig in eine Falle gelockt und attackiert: Es soll ein Anschlag aus vermeintlich verletzter Familienehre, ein versuchter „Ehrenmord“ gewesen sein, um den es seit Mittwoch vor einer Jugendstrafkammer geht. Zwei arabischstämmige Brüder, 23 und 18 Jahre alt, und ein 24-jähriger Freund der beiden sitzen auf der Anklagebank. Doch bereits am ersten Tag zeichnete sich ab, dass viele Fragen zumindest im Prozess offenbleiben werden. Das Opfer jedenfalls will lieber schweigen.

Die Schwester war eine Beziehung eingegangen, die laut Ermittlungen vor allem der älteste Bruder nicht akzeptieren wollte. Laut Anklage habe er diese als „Verletzung der Familienehre zutiefst missbilligt“. Mohamad M. soll die 16-Jährige in der Nacht zum 11. November 2010 in der Reinickendorfer Wohnung der Eltern angegriffen haben. Mit Schlägen und Tritten habe er das Mädchen traktiert und unter Todesdrohungen gezwungen, ihren Freund anzurufen. Sie sollte Ghassan Al-D. zum Gesundbrunnencenter bestellen. Mohamad M. habe seiner Schwester angekündigt, Al-D. zu töten.

Kurz darauf standen sie sich gegenüber. „Absprachegemäß traten und schlugen die drei Angeschuldigten in wechselnder Beteiligung auf den Geschädigten ein“, sagte die Anklägerin. Der ältere Bruder soll ein Messer gezogen haben. Er habe „mehrfach in Tötungsabsicht“ in Richtung des Opfers gestochen. „Du wirst heute sterben, du hast es verdient, das ist die Ehre, kein Spaß“, soll einer der beiden Mitangeklagten gebrüllt haben.

Ein Zeuge griff ein, heißt es in der Anklage. Der Mann aber war nicht zufällig vor Ort. „Ich bin ein Freund der Familie M.“ So stellte sich der 40-Jährige im Prozess vor. Der Vater der Brüder hatte ihn in jener Nacht angerufen. „Zu Hause ist ein Problem aufgetaucht“, habe er geklagt. „Er hörte sich sehr, sehr besorgt an.“ Der Freund der Familie machte sich auf den Weg. „Der Vater wollte nicht, dass die Sache ausufert“, berichtete nun der Zeuge. In der Nähe eines Taxistandes sah er dann, wie Al-D. geschlagen und getreten wurde. „Ich ging dazwischen“, sagte er. „Sie benutzten nur Hände und Füße.“ Al-D. erlitt laut Anklage vier oberflächliche Hautverletzungen und Schürfwunden.

Auch die 16-jährige Schwester war in der Nähe des Tatortes. Sie soll kurz nach dem Vorfall von Polizisten in ein Frauenhaus gebracht worden sein. Von ihrem Freund trennte sie sich nicht. „Ich heirate keinen anderen Mann“, sagte sie ihren Eltern. So jedenfalls berichtete es der Zeuge und „Freund der Familie“. Sie setzte sich nach seinen Angaben durch: „Sie gelten inzwischen als verlobt, haben eine Wohnung, die Ehe wird vorbereitet.“ Alles sei jetzt in Ordnung.

Nicht für die Justiz. Die mutmaßlichen Täter sitzen seit jener Nacht in Haft. Kurz vor dem Prozess aber haben sie je 600 Euro an das Opfer gezahlt. „Zum Ausgleich der entstandenen Folgen“, heißt es in einer Vereinbarung. Von einer Entschuldigung ist darin die Rede. Wofür sie das Geld aber genau zahlten, blieb in dem Schreiben offen. Und im Prozess schwiegen sie. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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