Schule : Bullige Front und Heckantrieb

Chrysler 300C knüpft mit leistungsstarkem HEMI-V8 und attraktivem Design an alte Markentraditionen an

Ingo von Dahlern

So flott hatten wir uns dieses bullige Auto beim besten Willen nicht vorgestellt. Ein kurzer Tritt aufs Gaspedal und schon schoss es voran, ließ die Tachonadel nach gerade einmal 6,4 Sekunden die Tempo-100-Marke passieren und legte weiter kräftig Tempo zu, so dass man aufpassen musste, nicht das auf französischen Autobahnen geltende Tempolimit von 130 km/h zu überschreiten. Denn erst bei Tempo 250 regelt die Maschine sanft ab. Das sind Sportwagenwerte, wie man sie von einem Auto mit dieser Optik überhaupt nicht erwartet. Mit seinem geradezu provozierend massigen Grill und der fast vertikalen bulligen Front, die in ihren Proportionen ein wenig an einen klassischen Bentley erinnert, kommt der Chrysler 300C offensichtlich aus einer ganz anderen Welt als das bisherige Spitzenmodell 300M mit dem ausgeprägten Cab-Forward-Design und einer betont dynamischen Silhouette.

Aber es ist nicht allein die geradezu vor Kraft strotzende Optik mit vergleichsweise langer Motorhaube, großen Rädern und kurzen Überhängen, mit der Chryslers neue Top-Limousine all das ausdrückt, was die aktuelle S-Klasse von Mercedes mit ihrer im Unterschied zu der Vorgänger-Generation geradezu zierlichen Linie unterdrückt, mit der Chrysler eine Wende bei seinem Top-Modell einläutet. Denn auch die Technik unterm Blech des 1,9-Tonners, der mit einer Länge von 5,02 Meter und einem Radstand von 3,05 Meter nur jeweils drei Zentimeter kürzer als das Mercedes-Top-Modell ist und dieses mit 1,88 Meter Breite und 1,48 Meter Höhe sogar um zwei oder drei Zentimeter übertrifft, bedeutet eine Rückkehr zu einem lange vernachlässigten Konstruktionsprinzip – dem klassischen Hinterradantrieb nämlich, wie ihn Mercedes-Benz bei seinen großen Limousinen nie verlassen hat, ebenso wie auch BMW. Nur Audi geht hier andere Wege, setzt dann allerdings bei den Top-Modellen auf die beste aller Lösungen und treibt alle vier Räder an.

Moderne Elektronik macht’s möglich

Chrysler begründet seine Rückkehr zum Hinterradantrieb mit den enormen Fortschritten vor allem auch der Elektronik. Denn die habe so moderne Assistenzsysteme wie das Antiblockiersystem (ABS), die Traktionskontrolle und vor allem die Fahrdynamikregelung ESP (Electronic Stability Program) hervorgebracht, die aus jenen typisch amerikanischen Heckschleudern, wie wir sie aus zahlreichen Verfolgungsjagden in amerikanischen Filmen kennen, längst auch unter schwierigen Straßen- und Wetterbedingungen sicher beherrschbare Fahrzeuge gemacht habe. Hinzu kämen die enormen Fortschritte bei der Reifentechnologie.

Man setzt aber nicht nur auf leistungsfähige Reifen und hoch entwickelte Elektronik, sondern hat auch bei der Konstruktion des Fahrwerks des 300C enormen Aufwand getrieben. Das gilt sowohl für die Vorderachse mit ihrer Trapezlenker-Konstruktion als auch für die Hinterachse mit ihrer sehr aufwändigen Fünflenker-Einzelradaufhängung mit Querstabilsatoren, Schraubenfedern und Niveauregulierung, die auf einem besonderen Fahrschemel montiert ist. Eine Konstruktion, die man durchaus europäisch nennen darf, wobei die Versionen für Märkte außerhalb Nordamerikas eine spezielle Abstimmung von Fahrwerk und Lenkung für das Fahren mit höheren Geschwindigkeiten erhalten.

Das Ergebnis kann rundum überzeugen. Wir haben bislang keinen großen heckgetriebenen Amerikaner in der Hand gehabt, der sich so europäisch gibt, wie der neue Chrysler 300C. Besonders deutlich wurde das auf typisch französischen Mittelgebirgsstraßen mit vielen die Sicht behindernden Kuppen und mit ungewohnten Radien und Neigungen überraschenden Kurven. Hier zeigte sich der große Chrysler auch einer etwas flotteren Fahrweise rundum gewachsen und überzeugte nicht nur durch sein gut beherrschbares sicheres Fahrverhalten, sondern auf schlechten Wegstrecken auch durch seinen hohen Fahrkomfort. Und wenn man sich erst einmal mit den beachtlichen Dimensionen dieses Autos vertraut gemacht hat, dann lässt es sich auch sehr gut im dichten Stadtverkehr bewegen und zeigt sich überraschend handlich.

Nicht nur beim Fahrwerk knüpft Chrysler an alte Traditionen an. Denn mit dem Spitzentriebwerk, neben dem noch ein 3,5-Liter-V6 mit 183 kW (249 PS) zur Wahl steht, baut man eine Brücke zu den klassischen kraftstrotzenden Muscle-Cars der Fünfziger, in denen der Chrysler 300 mit seinem 221 kW (300 PS) leistenden 5,4-l-V8 mit halbkugelförmigen (hemisphärischen) Brennräumen, der deshalb HEMI-V8 genannt wurde, für Aufsehen sorgte. Denn auch der 5,7-l-V8 des 300 C ist ein HEMI-Motor, der für moderne Chrysler-Pkw neue Maßstäbe bei Leistung und Drehmoment setzt. denn er holt aus seinen acht Zylindern, die übrigens nur zwei Ventile aber auch zwei Zündkerzen pro Zylinder haben, 250 kW (340 PS) heraus und liefert mit 525 Nm bei 4000/min ein geradezu bulliges Drehmoment. Kein Wunder also, dass dieses Auto mit seiner auf einer Mercedes-Konstruktion basierenden Fünfgang-Automatik mit Tiptronic-Funktion, die man bei Chrysler AutoStick-System nennt, so agil ist.

Doch das neue Top-Triebwerk ist nicht nur kraftvoll, sondern zugleich auch sehr kultiviert. Denn es verrichtet seine Arbeit kaum hör- und spürbar mit minimaler Geräuschentwicklung und minimalen Vibrationen. Und es ist im Unterschied zu vielen Sprit schluckenden Säufern amerikanischer Prägung auch ein vergleichsweise sparsames Aggregat. Denn sein Durchschnittsverbrauch liegt unter 12,0 Liter/100 km. Dazu trägt auch bei, dass Chrysler bei diesem Motor erst mal bei einem nordamerikanischen Serienauto auf eine Zylinderabschaltung setzt, die den V8 immer dann als Vierzylinder arbeiten lässt, wenn die Leistungsanforderungen gering sind. Für europäische Käufer wichtig ist zudem, dass dieser Motor bei den Emissionen die Norm EU4 erfüllt.

Wenn der 300C mit flüsterndem Triebwerk über die Straßen gleitet, dann wird man auch bei rauem Pflaster im Innenraum weder durch irgendwelches Klappern noch durch andere Geräusche gestört. Zum Wohlfühlen trägt außerdem bei, dass nicht nur für Fahrer und Beifahrer, sondern vor allem auch im Fond das Platzangebot ausgesprochen großzügig ist. Das gilt auch für den 504 l großen Kofferraum, der dank asymmetrisch geteilter vorklappbarer Rückbank variabel ist. Man sitzt nicht nur bequem hinter dem griffigen und in zwei Ebenen verstellbaren Vierspeichen-Lenkrad mit seinem Schildpatt-Segment oben, sondern hat auch ordentlichen Seitenhalt auf dem elektrisch verstellbaren beheizbaren Fahrersitz. Und solide und seriös wirken sowohl die großen Rundinstrumente vor dem Fahrer als auch die Mittelkonsole im Alu-Look, auch wenn sie aus Kunststoff besteht. Und mit aufwändigem Navigations-System mit großem Farbdisplay und DVD-Laufwerk, integriertem Radio mit Sechsfach-CD-Wechsler, und MP3-Player, Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Tempomat, Parkpilot, Xenonlicht und kompletter aktiver und passiver Sicherheitsausstattung zeigt sich der 300C sehr gut ausgestattet. Allerdings stören einige typisch amerikanische kleine Verarbeitungsmängel, wie die innen unsauberen kleinen Verstellgriffe an den Lüftungsgittern vorn oder das billig wirkende Gitter für die Fondraumbelüftung oder die doch recht primitive Kofferraumauskleidung. Mängel allerdings, die sich schnell abstellen lassen dürften.

Im Herbst auch als Kombi

Insgesamt stellt der 300C, der in der zweiten Junihälfte auf den deutschen Markt kommt, erstmals eine glaubwürdige amerikanische Alternative zu europäischen Oberklassemodellen dar. Das gilt auch für den Preis von 49 950 Euro für den 5.7 Hemi. Besonders attraktiv allerdings ist der 3.5 V6 mit Vierventiltechnik, der bis auf das Navigationssystem und die hochwertige Lederausstattung fast all das bietet wie das Spitzenmodell. Und sein ebenfalls EU4 erfüllender Motor mit dreistufigem Schaltsaugrohr und Viergang-Automatik bietet mit seinen 183 kW (249 PS), 340 Nm Drehmoment bei 3800/min, 11,1 l/100 km als Durchschnittsverbrauch, knapp neun Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 und maximal 219 km/h sehr ordentliche Fahrleistungen zu einem mit 38 600 Euro für ein Auto dieser Größe mehr als attraktiven Preis. Ein großer Amerikaner mit interessanten Europäischen Genen, der auch in Deutschland Chancen haben dürfte, wozu sicher auch die gegen Jahresende zu erwartende Kombiversion 300C Touring beitragen dürfte.

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