Schule : Mit dem Setra begann der moderne Omnibusbau

Am 26. Januar jährt sich der Geburtstag von Otto Kässbohrer zum 100. Mal

Ingo von Dahlern

Sie gehören zu unserem Straßenbild ebenso selbstverständlich dazu wie die Personenwagen, Motorräder, Lieferwagen und schweren Trucks – Omnibusse. Das gilt sowohl für die Fahrzeuge, die im Nah- und Regionalverkehr eingesetzt werden als auch die besonders aufwändigen und komfortablen Reisebusse, die – allen spektakulären Unfällen zum Trotz – in der Gesamtstatistik zu den sichersten Verkehrsmitteln gehören. Das liegt nicht zuletzt daran, dass moderne Omnibusse technisch sehr fortschrittliche Fahrzeuge mit einer Vielzahl elektronischer Sicherheits- und Assistenzsysteme sind – was allerdings nicht völlig ausschließt, dass die Fahrer am Lenker der Busse immer wieder einmal versagen, und das manchmal so gründlich, dass auch die raffiniertesten Sicherheitssysteme das nicht mehr ausgleichen können.

Die Geschichte der modernen Omnibusse, wie sie heute auf unseren Straßen rollen, begann in Deutschland und Europa mit der Vorstellung des ersten Setra Omnibusses vom Typ S 8 im April des Jahres 1951 – also vor mehr als einem halben Jahrhundert. Entwickelt wurde der Setra – die Bezeichnung steht für „Selbsttragend“ und damit für eine im Omnibusbau in Europa damals ganz neuartige Konstruktionsweise – bei den Karl Kässbohrer-Werken in Ulm, einem damals noch vergleichsweise kleinen Omnibushersteller, der sich mit der Konstruktion des Setra geradezu an die Spitze katapultierte.

Und hinter dem Projekt stand ein Mann, der übermorgen seinen 100. Geburtstag hätte feiern können – Otto Kässbohrer, der geradezu legendäre und von vielen Omnibusunternehmer im In- und Ausland hochgeschätzte Ulmer Omnibuskonstrukteur. Denn mit dem Setra machte er aus einem Fahrzeug, das bis dahin normalerweise auf Lastwagen-Fahrgestellen aufgebaut wurde, ein modernes Personenbeförderungsmittel mit einem Komfortniveau, wie man es von großen Personenwagen gewohnt war. Denn mit der selbstragenden Omnibuskarosserie konnte man sich endlich von jenen Konstruktionen lösen, die vergleichsweise enge Bauräume, Leiterrahmen und nutzlastorientrierte Achsaufhängungen boten – es war eine Revolution für den Omnibusbau.

Und es sollte nicht der einzige Meilenstein bleiben, den Otto Kässbohrer im Omnibusbau setzte. Denn Kässbohrer stellte auch den ersten Gelenkomnibus Europas für den Linienbusbetrieb vor. Allerdings keine selbsttragende Konstruktion, sondern noch ein klassisches MAN-Fahrgestell. 1955 überraschte Kässbohrer in Frankfurt mit dem Modell einer Einzelradaufhängung mit Luftfederung für Omnibusse. 1964 erfolgte erstmals im Omnibusbau bei Setra der Einbau einer verschleißfreien Dauerbremse – des so genannten Voith-Retarders. Die 1967 vorgestellte Baureihe hatte dann erstmals Einzelradaufhängung. Und ein knappes Jahrzehnt später wurde in Setra-Omnibussen das Antiblockiersystem (ABS) als Serienausstattung eingeführt. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Wer war dieser so kreative Mann, der aus einer der wohl berühmtesten Ulmer Familien stammt. In dem soeben zum 100. Geburtstag erschienenen von Dieter Mutard herausgegeben Band „Großes aus kleinen Anfängen“ (DWM Verlag Ulm, 115 S., 19,80 Euro) kann man sie nachlesen, die bewegte und von technischem Pioniergeist ebenso wie einem hohem sozialen Engagement geprägte Lebensgeschichte von Otto Kässbohrer, der beim Omnibusbau zu den ganz Großen gehört.

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