E-Mail als Literatur : Kreationsfieber

Jürg Laederach erobert die Blogosphäre.

Michael Braun

Die Versuche mehren sich, E-Mails zu einer substanziellen Literaturgattung zu nobilitieren. Was bei den Pariser Surrealisten das „automatische Schreiben“ war, soll nun auch dem digitalen Brief zugesprochen werden: Improvisationsenergie, Spontaneität, sprachliches Feuerwerk. Was bisher dabei herauskam, war allerdings nur die Beschleunigung der Schrift unter Abschaffung der stilistischen Selbstkorrektur.

Wenn es aber einen Autor der literarischen Spontanintervention gibt, der über die Unfertigkeit von Mail-Exaltationen hinaus gelangt, dann der Basler Sprachabenteurer Jürg Laederach. Schon seine assoziativ mäandernden Sprachkunstwerke in Buchform (etwa die „69 Arten, den Blues zu spielen“ von 1984) waren Sabotageakte am linearen Erzählen.

Wer die Verfertigung literaturfähiger Sätze beim freien Reden so beherrscht wie Laederach, der kann auch aus einer Ansammlung von E-Mails Funken schlagen. Nachdem sich Laederach im Februar 2002 mit seinem jüngeren Kollegen Michel Mettler in einem Studio des Schweizer Radios DRS zu einem Diskurs über Jazz getroffen hatte, entwickelte sich ein reger Wechsel von Alltags-Mitschriften. Mettler verlegte sich dabei auf die Funktion des Stichwortgebers, der Motive und Verbalreize wie Köder auslegte, um Laederachs Satzhervorbringungskunst zu befeuern. So entstand eine Dokumentation Laederachscher Stegreifliteratur, die zwischen Erde und Himmel wenig auslässt – aber sich vor allem auf die manische Archivierung von Jazz-Stücken und auf sarkastische Einkreisungen gesundheitlicher und helvetischer Übelstände konzentriert.

Man fürchtet zunächst, dass auch ein „Linguistiker“ wie Laederach, der „die Schrauben und Muttern von Sprachen und Sätzen“ sehr gut kennt, im Privatistischen landet. Denn nicht immer überträgt sich beim Namedropping musikalischer Geheimtipps jenes „Kreationsfieber“, das Mettler in seinem brillanten Nachwort dem Depeschenschreiber attestiert. Viele Mails verzeichnen selbstironisch das ratlose Herumhantieren des Sammlers, der mit abstürzenden Festplatten, dysfunktionalen CD-Brennern oder PC-Laufwerken zu kämpfen hat.

Richtig in Fahrt gerät Laederach erst da, wo er die Grenzen des Jazz-Diskurses nach allen nur denkbaren Richtungen hin überschreitet. Zwischen dem Protokollieren der musikalischen Selbstbeglückungen wirft er mit scharfen Sottisen um sich, die eine namentlich genannte Schweizer Kritikerin wie einen gewissen „Warzel Scheich Ranicki“ treffen. Zu den stärksten Partien gehören Slapstick-Darstellungen – etwa die Suche des Autors nach probaten Kugelschreibern in einer Aargauer Papeterie oder die überraschende Psychografie einer ganzen Region: „Jawohl, am Basispunkt der aargauischen Seenplatte befindet sich die höchstmögliche Konzentration an Depressionshormonen.“ Michael Braun

Jürg Laederach:

Depeschen nach

Mailland. Mit einen Nachwort von

Michael Mettler.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 192 Seiten, 17,80 €.

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