Hörbücher : Treibgut vom Tage

Jens Sparschuh lauscht nächtlichen Telefongeschichten.

Jens Sparschuh

Als die Radiopioniere akustisches Neuland betraten, spielten ihre ersten Hörspiele oft in U-Booten, in Kellern, in Bergwerksstollen oder an anderen finsteren Orten, das heißt, dort, wo man die Protagonisten im Allgemeinen ebenso wenig sehen kann, wie man die Schauspieler sieht, die aus dem dunklen Radiokasten sprechen. Man hielt das für angemessen. Diese aus heutiger Sicht naive Suche nach einer Kohärenz von möglichen Sujets für das Hörspiel und den tatsächlichen Rezeptionsbedingungen kann man für dramaturgisches Schamanentum halten. Immerhin, es war ein Versuch, sich mit der Spezifik des Mediums Radio auseinanderzusetzen.

Daran musste ich denken, als ich Michael Köhlmeiers „Nachts um eins am Telefon“ (Goya-Lit/Jumbo 2007) hörte. Dass dieses Hörbuch auf so beglückende Art gelungen ist, liegt zum einen ganz sicher am Autor selbst. Köhlmeier, Jahrgang 1949, der neben Romanen und Erzählungen insbesondere mit seinen Bearbeitungen klassischer Stoffe der Antike bekannt wurde, ist ein brillanter Erzähler. Nein, brillant ist das falsche Wort: Köhlmeier brilliert nicht. Das hat er gar nicht nötig. Mit traumwandlerischer Sicherheit findet er genau den richtigen Ton. Kein künstliches Simplifizieren, keine aufgetakelten Satzfregatten werden da losgeschickt – es ist eine schlichte und deshalb so eindringliche Prosa. Und vor allem: Es sind gute Geschichten, die er zu erzählen hat. Auch wenn diese Erzählungen zuerst in Buchform erschienen sind, dank des souveränen Vorlesers (Michael Köhlmeier!) entfalten sie ihre zarte Schönheit erst im Hörbuch ganz.

Der besondere Glücksgriff bei diesem Hörbuch besteht aber vielleicht einfach darin, dass Köhlmeier (siehe oben: die Radiopioniere!) konsequent diese eine dunkle Stunde umkreist, nachts um eins am Telefon, die Sammelstelle für alles, was als Treibgut vom Tage und von längst vergangenen Tagen übrig geblieben ist. Hier kann man hören, wie hoch die Latte beim Hörbuch liegt.

Bei der überbordenden Fülle von Neuerscheinungen würde ich nämlich ganz vorsichtig behaupten: Nicht allen Büchern tut man einen Gefallen, sie auch als Hörbuch erscheinen zu lassen. Ein Hörbuch legt unbarmherzig Schwächen eines Textes frei. Anders als beim Lesen kann man zum Beispiel nicht so einfach 08/15-Landschaftsbetrachtungen oder Schulfunkdialoge gnädig überblättern, um dann beim nächsten Absatz mit frischem Mut wieder einzusetzen. Diese Navigationsmöglichkeit entfällt hier. Auch die Schnellvorlauftaste hilft da nicht weiter, ständig tappen wir im Dunkeln.

Zur Orientierung auf dem großen, unübersichtlichen Hörbuchmarkt gibt es seit Neuestem im Printmedium das zweimonatlich erscheinende Magazin „hörBücher“. Vor mir liegen die ersten beiden Nummern, Hochglanz. Fast wäre mir ein Malheur passiert und ich hätte die bunten Hefte der blauen Tonne überantwortet – sie erinnern doch sehr stark an TV-Programmzeitschriften. Da Hörbücher inzwischen ein Massenpublikum finden, glaubt man vielleicht, dem irgendwie Rechnung tragen zu müssen.

Auch die beiden Zitate der beiden blonden Schauspielerinnen, die großformatig die Cover zieren – „Ich tauche gerne in Geschichten ein“ und „Ich mache nur Sachen, die mir Spaß bringen“ –, verlockten mich wenig. Sehr zu Unrecht! Ein Blick ins Innere lohnt. Übersichtlich werden in unterschiedlichen Rubriken Novitäten präsentiert und bewertet. Blättert man sich durch die vielen Seiten, entfährt einem dann aber doch hin und wieder ein verzagtes: „… alles so schön bunt hier.“

Immer öfter wird für Hörbücher damit geworben, der Schauspieler oder die Schauspielerin sei aus zahlreichen Film- und Fernsehrollen bekannt. Und neuerdings ist es in Mode gekommen, dass bekannte TV-Kriminalkommissarinnen Hörbücher lesen. Sicher, sie verkörpern auf ihre Weise sehr attraktiv das gute alte Erfolgsduo Sex & Crime. Die Crux ist nur: Damit holt man sich auch den ganzen schwachsinnigen Buntebilderkram mit ins Haus, dem man doch eigentlich – setzt man abends die schwarzen Kopfhörer auf – für ein paar Stunden glücklich entfliehen wollte.

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