Jurjews KLASSIKER : Heimat bist du großer Söhne

Oleg Jurjew schaut nach Österreich und begeistert sich für Theodor Kramer

Oleg Jurjew

Ende der 70er Jahre kaufte ich mir – ganz zufällig! – ein Buch (nicht zufällig konnte man in der Sowjetunion zumeist nur schlechte Bücher kaufen: ein Gesetz der Mangelwirtschaft). Es liegt auch heute vor mir: „Aus der Gegenwartspoesie Österreichs“, Moskau 1975. Fünf Lyriker: Der Quoten-Kommunist und Majakowski-Übersetzer Hugo Huppert, Erich Fried, Ingeborg Bachmann, Paul Celan. Und ein gewisser Theodor Kramer, von dem ich damals noch nicht gehört hatte.

Ausgerechnet die Gedichte dieses Unbekannten erwiesen sich als die besten des ganzen Buches, sein Werk schien für die Übersetzung besser geeignet zu sein als Frieds Witzeln, Bachmanns Beleidigtsein und Celans tragische Trunkenheit. Aber wer war daran schuld: der Dichter oder der Nachdichter?

Mehr als 25 Jahre sind vergangen. Mein Deutsch ist gereift, habe ich beschlossen. Nicht ohne Vorsicht schaute ich endlich auf die linke Seite der zweisprachigen Anthologie: Und, oh Glück! der deutsche Kramer war genauso schön wie der russische. Verzeihung, der österreichische!, denn was konnte österreichischer, zwischenzeitösterreichischer, restösterreichischer sein als er? Ein jüdischer Arztsohn,Sozial-Demokrat, Bordell- und Kneipengänger, mit 12 000 Gedichten ein Held der lyrischen Arbeit. Seine Gestalt weckt bei mir fast familiäre Gefühle: Russen sind Österreichern nicht unähnlich, besonders, was Trinken, Witzeln und Sich-Beleidigt-Fühlen betrifft.

1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn als Sohn des Gemeindearztes Doktor Max Kramer und Babetta Kramer, geb. Doctor, geboren, wurde Theodor aufs Gymnasium nach Wien geschickt. 1915 marschierte der junge Student der Exportakademie mit dem k.u.k.-Heer nach Wolhynien, um jüdische Arztsöhne auf der anderen Seite zu beschießen. Sein erstes Buch „Die Gaunerzinke“ (1928), machte ihn berühmt. Und verhasst. „Hofpoet der Demokratie“ nannte ihn Alfred Rosenberg, der Nazi-Ideologe. Einen „jüdischen Jargon“ schrieb ihm die christlich-soziale Kritik zu. Nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich ging Kramer nach England, wo er als Diener arbeitete, von Almosen lebte und schließlich Bibliothekar wurde. Erst 1957 kehrte er nach Wien zurück. Die Ehrenpension des österreichischen Bundespräsidenten durfte der kranke Dichter nur drei Monate lang genießen: Er starb im April 1958. Heute steht Kramer in allen Lehrbüchern, sein 50. Todestag ist in Österreich Anlass zu einem Staatsakt. Und – oder dennoch – sein Werk wird immer lebendiger, etwas unerwartet, wenn man die Machart seiner Gedichte bedenkt.

Kramer wurde seinerzeit als ein proletarischer Kipling und sozialistischer François Villon empfunden, der die gute alte Verstechnik mit neuen Inhalten vereinbarte: eine (sozial-)demokratische Trotzreaktion gegen den „groß- und kleinbürgerlichen Modernismus“. Heute sollte dies nur noch von historischem Interesse sein. Aber seine Geschichten aus der längst versunkenen Welt der Huren und Lumpenproletarier, seine verketteten Reime sind immer noch geheimnisvoll dreidimensional!

Was Theodor Kramer vor den Schemata des „sozial-demokratischen Realismus“ rettet, ist die zutiefst mimetische Natur seiner Poesie. Er erzählt nicht nur „stellvertretend, im Namen von...“ (Stichwort: Rollengedichte). Nein, jedes Mal, also 12 000 Male, versucht er das zu werden, was er sprechen lässt. Nicht nur Menschen, auch Gegenstände, Tiere, Naturerscheinungen – die ganze Welt. So groß war der Lebenshunger dieses gebrechlichen und nicht besonders gut aussehenden Mannes. Dieser Anspruch, seine großartige lyrische Dreistigkeit, hat nichts gemein mit einem braven, sozial-engagierten Verserzählen.

Er wusste das und machte daraus keinen Hehl: Manchmal am hellichten Tag kann es einem geschehn, / dass nicht um einen die Dinge wie Dinge mehr stehn, / dass man sich eins fühlt so jäh, dass der Herzschlag fast hält, / eins für Sekunden, gefalln aus der Zeit, mit der Welt. // Eins mit dem Feldweg, auf den aus der Haustür man tritt, / eins mit dem Korn, mit den Raden, der Sense, dem Schnitt, / eins mit der Glut, die die knisternden Grannen verbrennt,/ eins mit dem Staub, der im Windstoß das Gleis entlangrennt ...

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