Literatur : Die heilige Großmutter

Jacek Dehnel spiegelt in "Lala" das 20. Jahrhundert. Lala ist junges Mädchen und hilflose Alte zugleich

Olga Martynova

Der 1980 in Danzig geborene Jacek Dehnel ist eine der schillerndsten Figuren der jungen polnischen Literatur. Sein Gedichtband „Zywoty równolegle“ (Parallele Leben) war das letzte Buch, das der 2004 gestorbene Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz lobte. Gerne nimmt Dehnel den Tonfall eines Fin-de-Siècle-Dandys an, datiert seine Verse hundert Jahre zurück und unterstreicht damit ihre klassizistische Manier. Als Moderator eines Kulturmagazins im Fernsehen erscheint er in Gehrock und Melone. Aber: Seine Auffälligkeit ist keine bloße Selbstinszenierung, sondern die ihm eigene Lebensweise. Auch sein Debütroman „Lala“ ist eine Liebeserklärung an die Ästhetik der klassischen Moderne.

„Lala“ ist ein Versuch, das Wunder des Übergangs eines Lebens in eine andere Dimension zu begreifen. Während sich die alte Lala an der Schwelle des Todes befindet und ihr Enkelsohn sie wäscht und füttert, ist er zugleich damit beschäftigt, einen Roman über sie zu schreiben. „Und so – wie Julek immer sagte – wurde peu à peu Lala geboren“, heißt es im Roman über die Geburt der Protagonistin. Genauso peu à peu wird „Lala“ geboren: ein flott konstruierter Roman, der wie ein Kaleidoskop zusammengesetzt ist. Alle Zeiten und alle Geschichten sind gleichzeitig präsent. Deshalb ist die Hauptfigur zur gleichen Zeit ein schönes Mädchen (eigentlich Helena, aber wegen ihrer Schönheit nennen sie alle Lala – die Puppe), eine eigenartige Frau und eine hilflose Alte. Manche Geschichten werden mehrmals wiederholt, um diesen alchemistischen Prozess als natürlich darzustellen und einen erzählerischen Realismus vorzutäuschen.

Lala hat Glück, dass ihr Enkelsohn ihr genauso begeistert zuhört, wie sie ihre Geschichten erzählt. Und nachdem ihr Gedächtnis sie im Stich gelassen hat, übernimmt er mühelos die Rolle des Erzählers, weil er alles fast auswendig kann. Großmutter Lala ist die große Ikone seiner Kindheit, „im goldenen Glanz, mit Steinen besetzt“. Der goldene Hintergrund der Ikonen bezeichnet bekanntlich die andere, bessere Welt, aus der die Heiligen auf die Beter im irdischen Jammertal schauen. Auch Lala ist für ihren Enkelsohn solch eine überirdische Erscheinung. Sie hat die Persönlichkeit ihres fleißigen Biografen geprägt und damit den Stil, mit dem er ihre Vita behandelt.

Dehnels Erzählstrom macht sich breit und schreckt vor literarischen Zitaten und Anspielungen nicht zurück. Kunstwerke und Musikstücke spielen eine wichtige Rolle. All das bedeutet nicht, dass die Helden des Romans eine von jedem Alltag abgegrenzte Welt bewohnen. Nein, sie sind den beiden Weltkriegen ausgesetzt, der russischen Revolution, der kommunistischen Diktatur im Nachkriegspolen; auch gegen die privaten Katastrophen, gegen Krankheiten, Armut und böse Menschen sind sie nicht gefeit. Nachdem sich die Handlung von den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bis in unsere Zeit erstreckt, ist die Versuchung groß, sie als Familiengeschichte zu interpretieren, die eine große Zeitgeschichte spiegelt. Doch es ist viel eher die untypische Geschichte einer untypischen Frau, erzählt von einem für alles Untypische sensibilisierten Erzähler.

Dieser Erzähler behandelt alle historischen Schmerzpunkte des polnischen Nationalbewusstseins mit untypischer Eleganz und Leichtigkeit. Sie ist wohl von der schönen Lala geliehen – egal ob es sich um den Katholizismus (Lala ist ein ziemlicher Freigeist), die Russen (Lalas Vater ist Russe), die Juden (Lala ist philosemitisch) oder die Deutschen handelt (während des Krieges hatte Lala das Glück, dass die in ihrem Haus einquartierten Deutschen sich anständig benommen hatten). Der Erzähler sieht all diese Dinge wie in einem Zauberspiegel, so wie Perseus die schreckliche Gorgo, deren Anblick sonst jeden in Stein verwandelte, im Schild der Göttin Athene sah.

Aber bei allem Ästhetizismus – und das ist das wunderbare Paradoxon dieses Romans – ist er nicht nur ein schillerndes Märchen, er spiegelt das 20. Jahrhundert ungetrübt von nationalen oder sozialen Komplexen und Abrechnungen in der Subjektivität der schönen Lala, die immer „mehr Glück als Verstand hatte“.

Jacek Dehnel: Lala. Roman. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Rowohlt, Berlin 2008. 351 Seiten, 19,90 EUR.

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