Der Tagesspiegel : Mit den Wellen rechnen

Nicht jedes Seebeben löst einen Tsunami aus. Im Potsdamer Geoforschungszentrum entsteht ein System, das frühzeitig und zuverlässig vor der Flut warnen soll

Arvid Kaiser

Potsdam - Ostermontag um 18 Uhr arbeitet eigentlich niemand im Geoforschungszentrum (GFZ) auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Doch wenn auf der anderen Seite des Planeten, vor der indonesischen Insel Nias, die Erde bebt, meldet das Institut dies trotzdem schon kurz darauf auf seiner Internetseite. Die Arbeit erledigt sich von allein: durch „Geofon“, das Bebenmessnetz des GFZ. Die Daten verschiedener Messstationen werden automatisch nach Potsdam gefunkt und ausgewertet.

„Unser System hat auch eine Reihe unserer Mitarbeiter alarmiert“, sagt Jörn Lauterjung vom wissenschaftlichen Vorstand des GFZ. Sofort begannen die Forscher damit, die Daten auszuwerten. Die Erschütterung war ein Nachbeben des großen Erdstoßes, der am 26. Dezember den Tod bringenden Tsunami im Indischen Ozean auslöste. Die Stärke des aktuellen Bebens wurde von Geofon auf 6,5 geschätzt, später auf mindestens 8,5 korrigiert – eines der weltweit stärksten Beben der letzten hundert Jahre.

Rund um den Indischen Ozean riefen die Regierungen Tsunami-Alarm aus, ließen Sirenen heulen. Hunderttausende, denen die Erinnerung an die Katastrophe vor drei Monaten noch in den Gliedern steckte, flohen panisch ins Landesinnere oder in den nächsten Tempel. Doch es war ein Fehlalarm, wie sich nach einigen Stunden herausstellte. Lauterjung arbeitet daran, dass solche Szenen bald der Vergangenheit angehören.

Mitte März erst war Lauterjung mit einer Delegation in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, wo Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) mit ihrem indonesischen Kollegen Kadiman Kusmayanto am 14. März vereinbarte, dass das GFZ als Teil der von Deutschland versprochenen Fluthilfe ein Tsunami-Frühwarnsystem aufbaut. Es soll in Zukunft verhindern, dass die Menschen an den Küsten unvorbereitet von einer Riesenwelle getroffen werden – aber auch, dass sie von falschem Alarm in Panik versetzt werden.

„Gäbe es unser Warnsystem schon, wäre am Montag kein Tsunami-Alarm losgegangen“, sagt Lauterjung. Die Erde habe sich offenbar nur seitlich verschoben und nicht nach oben. Deshalb sei keine Flutwelle entstanden. „Wenn man nur die Stärke des Bebens nimmt, war die Warnung sicher gerechtfertigt“, sagt Lauterjung. Doch ob ein Tsunami entsteht und welche Küsten er bedroht, könne man nur auf dem Meer erkennen.

Dies sollen bei dem GFZ-Warnsystem Druckmessgeräte am Meeresboden und Bojen mit Funkkontakt zu Satelliten ermöglichen. Eine solche Boje probiert das GFZ schon seit drei Jahren aus. In der Nordsee vor Sylt misst sie den exakten Seegang. Tsunamis kommen dort zwar nicht vor, doch wenn es einen gäbe, könnte der Unterschied zur normalen Wellenbewegung sofort gemessen werden – obwohl die Riesenwelle auf hoher See mit bloßem Auge gar nicht zu sehen wäre. In diesen Tsunami-Warnbojen sieht Lauterjung den entscheidenden technologischen Vorteil des GFZ gegenüber dem von Amerikanern und Japanern seit den 40er Jahren betriebenen Warnsystem für den Pazifik auf Hawaii. Das könne nur Beben, aber keine Tsunamis erkennen. In Japan werde deshalb vorsichtshalber bei jedem Beben mit einer Stärke über 7,5 Alarm gegeben – meistens falscher.

Im GFZ-System soll am Computer auch simuliert werden, wann die Welle mit welcher Wucht an welchem Ort ankommt, wenn die Bojen und Pegelmesser an den Küsten eine Tsunami-Gefahr melden. Ob es funktioniert, kann frühestens in drei Jahren geprüft werden, wenn das Messnetz fertig ist.

Das Herzstück des neuen Warnsystems aber hat das GFZ schon: die Bebenerkennung durch Geofon. Die Potsdamer Forscher sind stolz darauf, das Beben vom 26. Dezember schon nach zwölf Minuten veröffentlicht zu haben – noch bevor die Welle die Küste von Sumatra erreichte. Als erster Schritt zum Warnsystem sind rund um den Indischen Ozean mehrere neue Messstationen mit Internet-Anschluss geplant. „Wir müssen mit den Stationen dichter ran ans Beben, dann können wir auch schon nach zwei Minuten warnen“, sagt Lauterjung.

Auch darüber, wie die Warnung „in die letzte Fischerhütte“ kommt, macht sich Lauterjung Gedanken. Per SMS könne man die Warnung leicht automatisch versenden – dazu müssten die Fischer aber alle ein Handy besitzen. Lauterjung hält die Lautsprecher der Moscheen für eine gute Lösung in Indonesien. „Die gibt es dort wirklich an jeder Ecke.“ Diese Entscheidung will er aber den lokalen Partnern überlassen. Schließlich müssen die das System auch alleine weiterbetreiben, wenn das deutsche Projekt in fünf Jahren endet.

In den nächsten Monaten muss das GFZ zusammen mit verschiedenen Partnerorganisationen entscheiden, wer welche Aufgabe übernimmt. „Das Technische geht jetzt erst los. Bisher war das im Wesentlichen politische Arbeit“, sagt Lauterjung. Jetzt, da es eine schriftliche Vereinbarung gibt, könne man anfangen. Im Oktober soll das deutsche Forschungsschiff „Sonne“ die ersten Messbojen vor Sumatra aussetzen – und die kleinen Inseln vor der Küste genau vermessen, damit das Datenmaterial in Potsdam präzise genug ist, um den Verlauf eines Tsunamis zuverlässig simulieren zu können.

Das GFZ im Internet:

www.geoforschungszentrum.de

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