Immobilien : Ein Zufluchtsort für Opfer von häuslicher Gewalt

ANDREAS LOHSE

Der Verein "Frauenzimmer" vermietet seit zehn Jahren Zimmer an mißhandelte FrauenVON ANDREAS LOHSE Was um Himmels Willen ist denn eine Zufluchtswohnung?" mag fragen, werin "geordneten Verhältnissen" lebt, glücklich ist allein, alsPaar oder mit Familie.Zwar hört man gelegentlich, daß es jenseits derGrenzen des eigenen trauten Heims hier und dort schon mal Krach gibt, vielleichtauch mit einem für alle Beteiligten schmerzhaften Gerangel um Kinder undMöbel.Doch was ist, wenn der männliche Part seine Partnerin brutal mißhandelt? Die Kinder tyrannisiert? Die Frau einschließt? Ihr jeglichen Kontakt nach draußen verbietet? Sie vergewaltigt? Sie wieder und wieder verprügelt? Dann benötigen die Opfer professionelle Hilfe. Von "häuslicher Gewalt" - so die schlicht lautende Vokabel im Fachjargon - ist Schätzungen des Senats zufolge jede siebente Frau betroffen.Nach Auskunft eines Polizeisprechers registrierte man 1995 in Berlin insgesamt 3222 Fälle "vorsätzlicher Körperverletzung gegen weibliche Personen"; darin enthalten sind allerdings auch 989 Angriffe gegen Frauen in der Öffentlichkeit.Wieviele Frauen also tatsächlich hinter verschlossenen Türen mißhandelt werden, die sich dann aus Scham sowie Angst vor dem Täter nicht an die Polizei wenden, ist naturgemäß unbekannt. Eine Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt ist der Verein"Frauenzimmer" in Schöneberg.Die fünf hier beschäftigten Sozialarbeiterinnen bieten mißhandelten Frauen vorübergehend Zuflucht und helfen ihnen, neuen Lebensmut zu gewinnen.Von 48 berlinweit vorhandenen Zufluchtswohnungen betreut "Frauenzimmer" immerhin fünf, in denen - organisiert als Wohngemeinschaften - bis zu 21 Frauen nebst Kindern Unterschlupf finden können. Der Bedarf indes ist wesentlich höher: Im vergangenen Jahr konnten gerade einmal zehnProzent der mißhandelten Frauen aufgenommen werden, die bei dem Verein Zuflucht suchten, mithin 33 von 314.Durchschnittlich dauerees "zwischen zwei Wochen und drei Jahre", bis die Hilfesuchendenin eine eigene Wohnung ziehen.Statistisch gesehen wohnten 1995 insgesamt54 Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren bei "Frauenzimmer"- nebst ihren 49 Kindern. Der Senat finanziert Frauenzufluchtswohnungenlediglich "nach Fehlbedarf", das heißt, er trägt - anders alsbei Frauenhäusern - nur die Kosten für Personal, Sachmittel und das Büro.Die Mieten für die Wohnungen müssen selbst erwirtschaftet werden: Je nach Zimmergröße zahlt jede Frau eine Miete von 400 bis 500 Mark pro Monat."Wir vermieten an volljährige Frauen mit und ohne Kinder, unabhängig von der Nationalität", betont Katrin Stegmüller, seit nunmehr sechs Jahren in dem Projekt tätig. Je nach Zimmergröße muß eine Monatsmiete von 400 bis 500 Mark bezahlt werden Gleichwohl gibt es Einschränkungen: Die Unterbringung von akut Drogen- und Alkoholabhängigen oder psychisch Kranken "würdeunsere Kapazitäten sprengen." Sie werden an andere fachbezogene Einrichtungen vermittelt.Auch Frauen, so die Sozialarbeiterin, "bei denen zu befürchten ist, daß sie nach der Trennung von der gewälttätigen Bezugsperson verfolgt und - teilweise - sogar mit dem Leben bedroht werden", können zum Schutz der Mitbewohnerinnen in den Wohngemeinschaften von "Frauenzimmer" keine Zuflucht finden.Anlaufstelle sei in diesem Fall eines der sechs Berliner Frauenhäuser. "In der Regel kommen die Frauen aus Situationen, in der sie Mißhandlungen oft über einen langen Zeitraum ertragen haben," weiß Katrin Stegmüller.Somit ist über die reine Unterbringung in einer Wohnung hinaus Beratung und Unterstützung "in persönlicher, rechtlicher und finanzieller Hinsicht" nötig.Damit nicht genug: Erst dann, wenn mit professioneller Hilfe die erlittenen Mißhandlungen "reflektiert und verarbeitet" sind, ist wieder Platz für eine neue Perspektive.Manche lernt somit erst wieder unter Obhut ihrer Sozialarbeiterin, sichin der Gesellschaft zurechtzufinden - bis zu guter Letzt gemeinsam der Auszugaus der Zufluchtswohnung in eine eigene organisiert werden kann. Eine Arbeit,die allerdings durch die Kürzungen des Senats empfindlich erschwert wird.Schon 1995 kam ein Projekt zur Kinderbetreuung mangels Finanzen über diePlanungsphase nicht hinaus.Dem steht gegenüber, daß "noch nie zuvor so viele Frauen mit einer so großen Zahl an Kindern bei uns" gewohnthaben."Entsprechend schmerzlich" sei die Streichung des Kinderprojektesgewesen. Trotz der hohen - auch psychischen - Belastung der Mitarbeiterinnenwurde Anfang des Jahres von Seiten des Senats zudem eine Personalstellegesperrt; bei gleichzeitiger Kürzung der Gehälter zum April dieses Jahres.Darüber hinaus erledigen die fünf Profis neben ihrer sozialen Arbeit sämtliche Verwaltungstätigkeiten nebst Buchhaltung und Personalabrechnung.Zudem bemühe man sich aus Kostengründen, die Wohnungen weitestgehend ohne die Hilfe teurer Handwerker instand zu halten und kleinere Schäden selbst zu reparieren.Allerdings führe dies "unweigerlich zu einer Mehrbelastung", da gleichzeitig die "Beratungsarbeit für Frauen natürlich nicht darunterleiden darf".Der Wunschzettel für die Zukunft ist kurz, praktischund naheliegend: "Zu unserer Entlastung zusätzlich eine halbe Verwaltungsstelle." Und manchmal "eine Vereinfachung der Antragsverfahren im Umgang mit dem Senat." Gleichwohl und trotz mancher Sorgen wurde dieser Tage erstmals gefeiert: "Frauenzimmer e.V." ist jetzt zehn Jahre alt. Kontakt: Frauenzimmer e.V., Ebersstraße 32, 10827 Berlin-Schöneberg (nahe U-Bahnhof Innsbrucker Platz), Tel.787 50 15, montags bis freitags 10-13 Uhr.

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