Immobilien : Schaustelle Berlin

ANDREAS LOHSE

Fassadenkunst per Bus mit Heinz KuzdasVON ANDREAS LOHSE Wer offenen Auges durch Berlin wandert und gelegentlich auch mal nach oben schaut, stößt allenthalben auf optische Hindernisse: Fassaden, wie der letzte Krieg sie hinterließ, Brandwände, mithin baupolizeilich vorgeschriebene Mauern, meist pure Tristesse und grau in grau.Die Form folgt der Funktion.Doch dazwischen, hin und wieder - kleine Überraschungen: kunstvoll gestaltete Gemälde, mal Phantasiegebilde aus Form und Farbe - wie die "Kleinen Monster" in Hellersdorf -, dann wieder realistische Abbilder mit klaren Linien, Fluchten und Perspektiven - wie die von Säulen getragene Fassade in der Steglitzer Lepsiusstraße -, bis hin zu haushohen optischen Täuschungen wie die Fassade als Vorhang am U-Bahnhof Möckernbrücke. Etwa 250 Wandbilder gebe es in Berlin, meint der Weltkunstbummler Heinz Kuzdas, andere zählten gar 500.Seine Favoriten bannte Kuzdas auf Filmmaterial.Er fotografierte sie in Berlin, Los Angeles und Mexiko-Stadt und führte die Ergebnisse seiner Auswahl von "Mural Art", Fassadenkunst, in Ausstellungen zusammen. Wichtige Anstöße bekam "Mural Art" Anfang des Jahrhunderts aus Mexiko, beeinflußt vor allem von der Revolution der dort Unterdrückten, die ihr Leid und den Traum vom Sieg als Nachricht an die Wände strichen.In Amerika entstanden in den 30er Jahren mittels eines Förderprogramms zwischen New York und Los Angeles 2500 Wandbilder.Nach Deutschland, wissen Chronisten, kam die Kunst der Fassadenmalerei - nachdem sie zur Jahrhundertwende in der Hauptstadt schon einmal blühte - über Bremen wieder nach Berlin.Förderprogramme des Senats ermöglichten vor allem in den 80er Jahren ihre Renaissance. Doch nicht nur das Bestehende zu dokumentieren, hat sich Kuzdas zur Aufgabe gemacht, auch Neues zu schaffen, ist seine Absicht.Und das Bild "Globales Schachspiel" in der Lietzenburger Straße eines der Ergebnisse: Als "ein Zusammenspiel von Kunst, Kulturen und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen", beschreibt er dieses, so von ihm genannte "visuelle Symbol einer Städtepartnerschaft".Entstanden ist es in Zusammenarbeit zweier Künstler aus L.A.mit zehn jugendlichen Berliner Graffity-Sprayern.In Planung ist derzeit das zweite städtepartnerschaftliche Symbol, zu erschaffen von Künstlern aus Mexiko."Berlin könnte Weltstadt der Fassadenmalerei werden", meint Kuzdas, und sucht zur Umsetzung dieses Wunsches nach Hausbesitzern, in deren Eigentum sich Gebäude mit bemalbaren Wänden finden.Die Fassaden müßte man zunächst zwar häufig gegen Kälte isolieren, doch dann könnten sie, gleichsam als letzter Schliff, bemalt werden.Haltbarkeit: etwa 20 Jahre. Dieses Alter hat zwischenzeitlich auch der von Ben Wargin und anderen Künstlern entworfene "Weltbaum" erreicht, ein Gemälde nahe dem S-Bahnhof Tiergarten.Doch ging die Zeit daran nicht spurlos vorbei: Eine Restaurierung täte not, ist indes nicht einfach, weil der Hausbesitzer, an dessen Immobilie das Werk prangt, die Wand zunächst isolieren wolle, so Heinz Kuzdas.Was aus dem Bild werde, sei ungewiß. Gewiß allerdings ist, daß diese Kunst - für den Besucher kostenfrei - ausschließlich von privaten Initiatoren und Sponsoren zu leben scheint.Eine direkte Förderung durch Senatsmittel findet kaum noch statt, ermittelten Mitarbeiter des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK).Ihren Recherchen zufolge kamen zwischen 1990 und 1995 "umgerechnet auf einen Bezirk durchschnittlich 1,3 Kunst-am-Bau-Maßnahmen alle fünf Jahre".Grund: Der Senat gebe seine finanziellen Engpässe an die Bezirke weiter, die wiederum müßten sich ständig mit unterfinanzierten Bauvorhaben herumschlagen."In der Regel wird Soziales gegen Kulturelles ausgespielt" und weil "Kunst Nebensache zu sein scheint, ist dann dafür kein Geld mehr da", obwohl einer Senatsanweisung zufolge "Ausgaben für Kunst am Bau im Verhältnis zu den Gesamtkosten aller Baumaßnahmen zur Verfügung gestellt" werden, heißt es beim BBK. In Los Angeles ist man weiter: Ein Verein namens "SPARC - Social Public Art Ressource Center" kümmert sich um Kunst und Künstler, vergibt Aufträge zur Gestaltung und Restaurierung.Nach amerikanischem oder auch französischem Beispiel - dort ist es die Stadt Lyon, die sich gegenüber der Wandkunst aufgeschlossen zeigt - benötige auch Berlin "ein aktives Büro zur Bündelung von Interessen, als Wegbereiter für mehr öffentliche Kunst im Stadtraum", ruft Heinz Kuzdas auf."Mit seinen unzähligen Brandmauern hätte Berlin die Möglichkeit, sich mit Kunst statt Werbung an den Fassaden in eine einzigartige Open-Air-Galerie zu verwandeln." Fassadenkunst per Bus mit Heinz Kuzdas
Im August, jeweils freitags drei Stunden.Anmeldung über die Schaustellen Hotline 018 05-67 14 03.Abfahrt: Info-Box am Leipziger Platz um 17 Uhr 30, Preis: 35 Mark, ermäßigt 26 Mark.Kontakt zu Heinz Kuzdas: t 791 39 10, Fax 79 70 02 44.

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