• Nachbarschaft

    Andreas Tölke vom Verein Be An Angel e.V. hat gemeinsam mit Geflüchteten aus Syrien, Pakistan und Afghanistan das Restaurant „Kreuzberger Himmel“ eröffnet. Es soll ein Ort der Begegnung sein, aber auf den Flüchtlingsbonus wird nicht gesetzt: Im Kreuzberger Himmel gibt es schlichtweg fantastische syrische Küche, getreu dem Motto „Koche so wie für deinen besten Freund in Syrien.“

    Wie ist die Idee entstanden, ein Restaurant mit Geflüchteten zu betreiben? Vor über zwei Jahren hat Be An Angel e.V. angefangen, Flüchtlinge zu unterstützen – Anlass war die Situation vor dem Lageso, als dort tausende Menschen obdachlos und ohne Versorgung vegetierten. Wir haben die Menschen so schnell es ging bei Freunden und Freunden von Freunden untergebracht und selbst Leute aufgenommen. Darüber haben wir die andere Seite der Gastfreundschaft kennen gelernt: Syrer, die uns bekocht haben, Afghanen, die gebacken haben, Pakistanis, die uns immer wieder die Teller vollgepackt haben. In Deutschland ist Dienstleistung Dienst und Leistung, beides eher negativ besetzt. Die Menschen aus den genannten Ländern zelebrieren Gastfreundschaft – auch als Profis. Von der Kirchengemeide St. Bonifatius sind wir eingeladen worden, uns um den Kreuzberger Himmel zu bewerben und tatsächlich haben wir den Zuschlag erhalten. Die Intention der Kirchengemeinde war es, nicht einfach ein kommerzielles Restaurant zu eröffnen, sondern einer nachhaltigen Initivative Raum zu bieten. So arbeiten bei uns jetzt acht Mitarbeiter aus drei Ländern, die insgesamt fünf Sprachen sprechen. Wir hoffen, bald einen Mittagstisch für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche aus der Umgebung einrichten zu können, getreu unserem Motto: Miteinander statt gegeneinander.

    Gab es auch eine politische Motivation hinter dem Projekt? „Flüchtlinge“ als Thema findet zumeist in der Politik und bei entsetzlichen Verbrechen statt. Das der größte Teil der hier Angekommenen sich nach Kräften bemüht, heimisch zu werden, wird oft ausgeblendet. Der Kreuzberger Himmel ist Ort der Begegnung. Bei 1,5 Millionen Geflüchteter sind die persönlichen Kontakte mit Geflüchteten eher unwahrscheinlich; das heißt, die meisten, die über Flüchtlinge reden, kennen eigentlich keinen. Auch das ist eine Intention vom Team: Kommt, sprecht mir uns, lernt uns kennen. Und zwar als ganz normale Menschen. Ein anderes Thema, das uns bewegt: Angeblich sind die Unterstützer müde. Wir haben aber unfassbar viel Unterstützung für den Kreuzberger Himmel erfahren: Von Privatpersonen, aber auch von Firmen, die uns spontan und ohne zu zögern unterstützt haben und unterstützen. Nur ihnen ist zu verdanken, dass der Kreuzberger Himmel wunderschön geworden ist. Flüchtlingshilfe muss nicht mit einem Teddybär im Arm daher kommen. Wenn wir wollen, dass die Menschen Teil unserer Wirklichkeit werden, dann bitte auch der ganzen Wirklichkeit.

    Wer arbeitet alles im Kreuzberger Himmel? Nour, einer unserer Köche, ist seit über zwei Jahren in Berlin. Er lebt mit seiner Frau und vier Kindern leider noch in einem Heim, das noch dazu im Grunewald liegt, weshalb er nach Schichtende um 22:00 eine Stunde unterwegs ist. Er war Küchenchef in Damaskus und hat sich am arabischen Frühling beteiligt, der ja auch in Syrien seinen Niederschlag gefunden hat. Deshalb steht er auf den schwarzen Listen des Dikators Assad, sein Bruder wurde vom Terrorregime ermordet, seine Eltern sind tot. Darüber spricht er nicht. Mit seiner Frau und damals drei Kindern ist er über die Türkei, dann mit dem Schlauchboot nach Griechenland und dann über die Balkanroute geflohen. Die Geschichten unserer anderen Mitarbeiter sind ähnlich: Oda Bashi kam über Ungarn, ist mit 19 Jahren dort verhaftet und misshandelt worden und war im Gefängniss. In Syrien war er Augenzeuge, wie sein bester Freund auf der Straße erschossen wurde. Dia, ein weiterer Mitarbeiter, schweigt über die Anreise. Das, was man an seinem Gesichtsausdruck ablesen kann, wenn das Thema auf die Flucht kommt, ist erschütternd.

    Der Kreuzberger Himmel ist ja noch sehr jung, aber wie ist bisher die Resonanz? Die Resonaz ist großartig! Die Gäste sind überrascht von der Vielfalt und der Qualität der Gerichte. Für unsere Weine aus Deutschland und dem Libanon erhalten wir viel Lob. Wir haben ganz langsam gestartet: Das Team musste sich finden, die Karte musste erarbeitet werden. Im Dezember gab es ein paar Testläufe für geladene Gäste. Es geht uns nicht darum, ein Restaurant mit „Flüchtlingsbonus“ zu machen, sondern eines mit feiner syrischer Küche. Keiner aus dem Team kann die Vokabel „Flüchtling“ mehr hören: Nach mehr als zwei Jahren fühlen sie sich in Deutschland heimisch. Die Feuerprobe mit über sechzig Gästen, die zu drei verschiedenen Firmenfeiern eingeladen waren, hat das Team souverän gemeistert. Und die erste Restaurantkritik hat nicht an Lorbeeren gespart. Fazit: Wir sind auf dem richtigen Weg. Foto: Mujo Photography

    Der Kreuzberger Himmel hat von  Mittwoch bis Sonntag ab 17 Uhr geöffnet, Montag und Dienstag geschlossen. Yorckstraße 89, U-Bahnhof Mehringdamm, hier können Sie schon mal einen Blick in die Speisekarte werfen. Und wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

es gibt sie noch, die berühmten Freiräume, die Xhain in Innen- und Außenwahrnehmung prägen. Das wohl größte urbane Experiment der Stadt ist der Holzmarkt: Dort, wo früher einmal die legendäre Bar 25 stand, wird mittlerweile nicht nur wild gefeiert. 230 Menschen arbeiten auf dem Holzmarkt: in der Bäckerei „Backpfeife“, im Restaurant „Katerschmaus“ (zugegebenermaßen eher im hochpreisigen Segment angesiedelt), in einer Kita und einem Dorfcafé – denn der Holzmarkt versteht sich als Mikrokosmos, als „Dorf“ von und für Hedonisten, die mittlerweile erwachsen genug sind, um ihre Vision wirtschaftlich nachhaltig zu betreiben.

Dass es ein Projekt wie den Holzmarkt überhaupt gibt, sorgt weltweit für Erstaunen: Es grenzt in Zeiten von Wohnraummangel und Gentrifizierung an ein Wunder, dass Bauland mitten im Stadtzentrum an eine kleine Genossenschaft vergeben wird, während anderswo auf Rendite getrimmte Büro- und Wohntürme entstehen. Auch auf dem Holzmarktgelände sollte ursprünglich ein „Mediaspree“-Hochhaus gebaut werden; die Genossenschaft bekam eine Chance, weil sich die Xhainer*innen gegen Mediaspree wehrten und einen Bürgerentscheid durchsetzten. Statt eines weiteren Stücks zugebauten Spreeufers gibt es jetzt einen Uferweg mit Bänken und einen Marktplatz, offen für jede*n. Denn das Projekt orientiert sich am Gemeinwohl: „Die Nutzung interessiert uns, nicht die Immobilie“, sagte Juval Diezinger, einer der beiden Vorstände der Holzmarkt-Genossenschaft, meinem Kollegen Ralf Schönball.

Und auch das gibt es in Kreuzberg: Einen Club, der (noch) nicht von Verdrängung bedroht ist, sondern einfach so Geld braucht. Nach gerade mal zweieinhalb Jahren droht dem „Jonny Knüppel“ das Aus. Dabei ist der Club, ebenso wie das Holzmarktgelände, mehr als nur ein Club: Neben den Dancefloors gibt es Fahrrad- und Künstlerwerkstätten sowie kuriose Bauten, alles selbst gebaut, irgendwie. „Einfach mal machen“, hieß die Devise, erzählte Mitbetreiber Johannes Heereman meinem Kollegen Andreas Hartmann. Jonny Knüppel ist auch eine Utopie: Man will ohne Hierarchien auskommen, ohne Chefs, ohne kommerzielle Absichten, auch das eine Parallele zum Holzmarkt. Seit Herbst 2017 ist das Jonny Knüppel geschlossen, aktuell wird umgebaut: Im letzten Sommer brannte ein Kabel durch, ein Container kokelte, Feuerwehr und Polizei rückten an. Jetzt liegen diverse Lärm- und Brandschutzauflagen vor, an einer Brandschutzmauer bauen die Betreiber*innen bereits. Um alle Auflagen erfüllen zu können, braucht der Club mindestens 60.000 Euro, besser wären 100.000, die man jetzt über eine Crowdfunding-Kampagne zusammen bekommen will.

Doch nicht nur die Finanzierung des Umbaus macht dem Team Sorgen: Das Jonny Knüppel befindet sich auf der Lohmühleninsel, in illustrer Nachbarschaft zu Badeschiff, Club der Visionäre und Freischwimmer. Die Lage an der Mündung des Landwehrkanals in die Spree ist lukrativ, den Großteil des Geländes habe ein Investor aufgekauft, der Mietverträge nur noch für zwei Jahre verlängert, erzählt Jakob Turtur vom Jonny Knüppel-Team; er glaubt, der neue Eigentümer habe Interesse daran, „Teil von Mediaspree“ zu werden. „Vielleicht war es am Ende nur ein naiver Versuch, einen besonderen Ort zu schaffen“, sagt Turtur. „Vielleicht werden wir irgendwann sagen: Es war schön, aber das war es jetzt.“ Hoffen wir mal, dass es nicht soweit kommt, und uns das wilde, freie Kreuzberg erhalten bleibt.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Eines der schönsten Dinge an Xhain ist ja, dass man für jede Stimmungslage die richtige Bar findet – und dass immer noch neue hinzu kommen. Wer an einem düsteren Winterabend eine stilvolle, aber nicht protzige Kneipe sucht, die weder zu leer noch zu voll ist, weder überstylet noch langweilig, nonchalant, aber nicht ranzig, dem sei der Rote Raabe ans Herz gelegt. Seit August 2016 gibt es die Bar an der Ecke Kottbusser Straße und Fraenkelufer, deren großzügige Fensterfronten einen Top-Ausblick auf die Kottbusser Brücke bieten.

Ein wenig schummrig ist es, wie sich das für Kreuzberger Kneipen gehört, auf jedem der schlichten Holztische erhellt dafür eine Kerze die Szenerie, die zügig vom sehr freundlichen Personal ausgewechselt wird, wenn sie herunterzubrennen droht. Die Musik hält sich sowohl stilistisch als auch lautstärketechnisch auf dem Level „unaufdringlich“, tiefschürfende Gespräche, zu denen die gedämpfte Beleuchtung einlädt, sind deshalb ohne Hindernisse möglich. Hervorzuheben ist die Kunst der Barkeeper*innen, die ihr Handwerk verstehen und auch Sonderwünsche gerne erfüllen. Außerdem ist der Rabe ein Grund mehr, sich auf den Sommer zu freuen: Dann kann man seine Drinks nämlich im Mini-Biergarten vor der Tür genießen, dem Ufer noch ein Stückchen näher. So. bis Do. 17 – 2 Uhr, Fr. und Sa. 17 – 3 Uhr.

#MeinKreuzberg