• PascalMeiser_Protestaktion

    Unter Nachbarn

    Pascal Meiser, 42, engagiert sich seit seiner Studienzeit politisch. Er ist Bezirksvorsitzender der Linken und kandidiert bei der Bundestagswahl für das Direktmandat.

    Das Xhainer Direktmandat war seit vier Bundestagswahlen fest in der Hand der Grünen – nachdem Hans-Christian Ströbele dieses Jahr nicht erneut antritt, müssen Sie sich gegen Canan Bayram behaupten. Rechnen Sie sich gute Chancen aus?

    Als Linke lagen wir im Bezirk bei den Parteienstimmen ja schon bei der letzten Bundestagswahl auf Platz 1, entsprechend rechnen wir uns jetzt natürlich gute Chancen auf das Direktmandat aus. Unser Bezirk ist ein linker Bezirk und ich finde, das soll auch so bleiben. Bei mir kann man sich in jedem Fall darauf verlassen, dass unser Bezirk auch in rauer werdenden Zeiten eine verlässliche linke Stimme im Bundestag hat.

    Allein im ersten Halbjahr 2017 gab es 65 Neueintritte bei der Linken im Bezirk. Liegt das an Ihnen?

    Viel wichtiger als einzelne Personen ist doch, dass Die Linke im Gegensatz zu den anderen Parteien ein klares Profil hat, bei dem man weiß, woran man ist. Viele, gerade junge Menschen kommen zu uns, weil wir klare Kante gegen den drohenden Rechtsruck in unserem Land zeigen. Und weil wir konsequent an der Seite derjenigen stehen, die sich gegen die explodierenden Mieten wehren.

    Sie setzen sich für den Erhalt der „Kadterschmiede“ ein, die als Rückzugsort gewaltbereiter Autonomer in der Rigaer Straße gilt. Könnte Ihnen diese Haltung nach den Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg politisch schaden?

    Die Ereignisse rund um den G20-Gipfel waren in jeder Hinsicht erschreckend, sowohl was die inakzeptablen Ausschreitungen angeht als auch mit Blick auf das extrem eskalative Vorgehen der Polizei. Mit der Situation bei uns in der Rigaer Straße hat das jedoch wenig zu tun. Wir setzen uns schon seit langem dafür ein, dass es zu einer Befriedung der Gegend kommt. Das geht allerdings nur mit einem umfassenden Dialog mit allen Beteiligten und nicht mit einer monatelangen Belagerung des ganzen Friedrichshainer Nordkiezes durch die Polizei.

    Welche Themen aus dem Bezirk nehmen Sie mit in den Bundestag, falls Sie das Mandat holen?

    Ich will im Bundestag zur Stimme derjenigen werden, deren Anliegen sonst kaum wahrgenommen werden. Derjenigen, die sich gegen explodierende Mieten wehren. Derjenigen, die in unseren beiden Krankenhäusern für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen. Wie auch derjenigen, die sich zu Recht nicht damit abfinden wollen, dass jeder Fünfte bei uns in Armut lebt, während gleichzeitig die Zahl der Millionäre und Milliardäre steigt. Und ich glaube, auch die friedenspolitische Tradition unseres Bezirks wäre bei mir in guten Händen: Für Kriegseinsätze, Aufrüstung und Waffenexporte werde ich jedenfalls ganz sicher nicht die Hand heben.

    In Ihrem Bewerbungsschreiben um Wählerstimmen bieten Sie Ihren Xhainer Nachbarn ein persönliches Treffen an. Klingelt Ihr Telefon seither pausenlos?

    Die Zahl der Menschen, die sich bei mir mit Ihren Anliegen melden, nimmt in der Tat beständig zu. So war das Angebot ja auch gemeint: Wer zu mir Kontakt aufnehmen will, soll mich auch möglichst unkompliziert erreichen können. Noch können mein Team und ich das bewältigen. Aber ich muss gestehen: Ab und an gönne ich mir auch immer noch ein wenig Ruhe und schalte das Handy einfach aus.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

Fangen wir ausnahmsweise mal mit guten Nachrichten an, schließlich sind ab heute Sommerferien: Im Gentrifizierungskrimi um das Café Filou gibt es endgültig ein Happy End. Betreiber Daniel Spülbeck und seine Frau Nadja Wagner haben unter der Moderation von Hans-Christian Ströbele (Grüne) einen neuen Mietvertrag mit dem Eigentümer des Hauses in der Reichenberger Straße 86 unterzeichnet, wie Ströbele auf seiner Homepage mitteilt.

Kurze Zusammenfassung, falls Sie das Drama verpasst haben (die lange Variante können Sie bei Zeit Online nachlesen): Nachdem die britischen Investoren Charles Skinner und David Evans der Bäckerei zunächst gekündigt hatten, protestierten Nachbarn und Unterstützer wochenlang vor dem Haus und sammelten Unterschriften. Sogar die BVV machte mobil und erklärte im Februar (einstimmig, von der Linken bis zur CDU) ihre Unterstützung für den Verbleib der Bäckerei und forderte die Eigentümer auf, die Kündigung zurückzunehmen. Der Protest hatte aber auch dunkle Seiten: Linksextreme beschmierten die Hauswände mit teils rassistischen Parolen („Auslander-Bonzen raus“ [sic!]). Zu leiden hatte auch das im benachbarten Neubau (der ebenfalls Skinner und Evans gehört) untergebrachte Restaurant „Vertikal“, das aufgrund seiner gehobenen Klasse einigen Linken im Bezirk als Feindbild gilt: Mehrfach wurden die Scheiben eingeworfen, Betreiberin Claire d’Orsay beschimpft und sogar angegriffen. Die selbsternannten Milieuretter übersahen dabei völlig, das d`Orsay ebenfalls nur Mieterin ist und mit der drohenden Verdrängung des Filous herzlich wenig zu tun hatte.

Das Filou war ein Paradebeispiel für die verhärteten Fronten im Berliner Häuserkampf – aber auch dafür, wie wirksam (friedlicher!) Protest sein kann. Der neue Gewerbevertrag ist nun äußerst mieterfreundlich: Er verlängert sich automatisch alle fünf Jahre, wenn nicht außerordentliche Kündigungsgründe vorliegen, ansonsten kann nur der Mieter selbst kündigen. Die Miete kann zwar steigen, aber nur „moderat und angemessen“. Fun fact: Die Idee zu diesen Regelungen kam weder von Spülbeck und Wagner noch den Grünen, sondern von Investor Skinner selbst, der sich als „Socialist“ bezeichnet und mit dem Vertrag einen neuen Standard zum besseren Schutz von Gewerbetreibenden setzen will.

Ein fairer Vertrag für Kleingewerbler, den sich Hauseigentümer, Mieter und Politiker zusammen überlegt haben und von dem alle profitieren – so versöhnlich kann Kreuzberg eben auch sein. Übrigens: Am Samstag kann das Filou jetzt sein zwanzigjähriges Bestehen feiern; mehr dazu in den Events.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Viel trinken ist ja gesund, vor allem im Sommer. Ganz normales stilles Wasser ist in abgefüllter Form aber ziemlich teuer – die Neuköllner Initiative „A Tip: Tap“ will deshalb jetzt mit dem Projekt „Refill Berlin“  Trinkwasser in der ganzen Stadt kostenlos zugänglich machen. Wer eine leere Flasche dabei hat, kann in Cafés, Restaurants und Geschäften gratis Wasser nachfüllen. Das ist nicht nur gesund und kostensparend, sondern auch gut für die Umwelt, schließlich wird so jede Menge Plastikmüll vermieden (lediglich Flaschensammler dürften weniger erfreut sein). Das Projekt ist weltweit bereits in vielen Städten erprobt, in Deutschland ist Hamburg Vorreiter. Unterstützt wird „Refill Berlin“ von den Berliner Wasserbetrieben, die auch die blauen Aufkleber verteilen, die eine Zapfstelle kennzeichnen. Natürlich gibt es in Xhain schon diverse Anlaufstellen, zum Beispiel den Multilayerladen in der Adalbertstraße 4 oder das Keirin Cycle Culture Café in der Oberbaumstraße 5, sowie zahlreiche Trinkwasserbrunnen in Parks. Alle „Tankstellen“ im Bezirk und ganz Berlin kann man sich hier ansehen.

#MeinKreuzberg