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    Unter Nachbarn

    Lucia Jay von Seldeneck kennt Berlin wie kaum eine andere: Gemeinsam mit der Fotografin Verena Eidel stellt sie in dem Blog „Salon 111“ Berliner*innen und deren Lieblingsorte vor.

    Letzte Woche ist Euer Newsletter gestartet – warum sollte man den unbedingt abonnieren?

    Eigentlich ist das ja eine ganz egoistische Sache: Wir machen den Newsletter, weil es uns Spaß macht, die Menschen kennenzulernen, die hier in Berlin etwas anpacken – und wir so die Möglichkeit haben, durch ein Schlüsselloch in ihre Welt zu gucken! Aber wir freuen uns natürlich auch, wenn über den Newsletter ein kleiner Funken überspringt und hin und wieder jemand von diesen Begegnungen inspiriert wird. Eigentlich ist es ja vielmehr ein Aufruf: Macht euch auch auf und entdeckt dieses Berlin – es ist schließlich immer für eine Überraschung zu haben.

    Angefangen habt Ihr mit den Büchern „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, auch Personen vorzustellen?

    Auf unseren Touren durch Berlin haben wir ziemlich schnell gemerkt, dass hinter den besonderen Orten meistens auch ganz besondere Menschen stecken. Menschen, die an ihren Kiez glauben oder sich für ein Thema stark machen, wie zum Beispiel Klavierhelmut, der sein Klavier meist zur Kottbusser Brücke rollt und dort spielt, oder Jutta Weitz, die das Prinzip Zwischenraumnutzung für Berlin erfunden hat, oder Ralf Steeg, der die Spree retten möchte – also alles Menschen, die etwas mit Leidenschaft anpacken, ihr Ding machen und so Berlin auf ihre Weise mit gestalten.

    In welchem Bezirk findet Ihr die spannendsten Berlinerinnen und Berliner?

    Das ist schwer zu sagen. Es gibt ja auch Menschen, die in vielen Bezirken unterwegs sind, wie zum Beispiel Sebastian Morsch, der Berlin-Geräusche-Sammler, oder Britt Kanja auf ihren Rollschuhen oder Irmela Mensah-Schramm, die unterwegs ist , um Nazi-Aufkleber und rechte Tags zu entfernen. Aber spannend ist auch, dass uns die Berliner wiederrum ihre Lieblingsorte verraten – und wir so von ganz neuen Ecken in der Stadt hören!

    Eine Bitte um einen Experten-Tipp: Du lebst in Kreuzberg – was ist Dein ganz persönlicher Lieblingsort im Kiez?

    Für mich sind die besonderen Orte in der Stadt die Orte, die überraschen können. Die Reichenberger Straße ist so ein Beispiel, sie erzählt ihre Geschichte auf eine ganz besondere Art. Läuft man sie entlang, entdeckt man immer wieder im Gehweg einbetonierte Werkzeuge: Zangen, Schraubenschlüssel, Zahnräder und sogar eine Klaviertastatur. Hinweise, welche Läden und Werkstätten hier früher einmal waren – Hinweise für die Ewigkeit. Ach ja, und ein Ort, der einfach durch wahre Treue und Beständigkeit besticht: Die Juke-Box in der Ankerklause!

    Kannst Du noch unbeschwert durch die Stadt gehen, ohne sofort überall Orte und Menschen zu sehen, die Du porträtieren möchtest?

    Eher im Gegenteil: Seit wir mit den Orten angefangen haben, sind uns so Antennen gewachsen, die es viel spannender machen, durch die Stadt zu laufen. Zum Beispiel haben wir gerade erst die schiefe Bank auf dem Gendarmenmarkt entdeckt. Was für eine Freude!

    Alle 111 Berliner*innen, die Seldeneck und Eidelstett porträtiert haben, können Sie hier bewundern und dort auch gleich den Newsletter vom „Salon 111“ bestellen.

    Foto: Verena Eidel

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Nele Jensch tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

es tut mir leid, aber da müssen wir jetzt durch: Während es im Newsletter vom Kollegen Felix Hackenbruch vergangene Woche ausnahmsweise nur ganz am Rande um das Reizthema Gentrifizierung ging, ist es diese Woche wieder umso präsenter. Fangen wir gleich beim Eingemachten an: Die Rigaer Straße kommt nicht zur Ruhe, in der Nacht von Freitag auf Samstag lieferten sich Randalierer erneut eine regelrechte Schlacht mit der Polizei. Vermummte bauten Barrikaden und zündeten diverse Gegenstände (Mülltonnen, ein Dixiklo, Autoreifen, Baustellenabsperrungen) sowie Autos an. Als die Polizei versuchte, einen Weg für die Feuerwehr frei zu räumen, warfen die Randalierer Pflastersteine, Flaschen und Pyrotechnik, es wurden polizeifeindliche Sprüche skandiert, vier Beamte wurden verletzt.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) twitterte am Sonntag in einer Pressemitteilung: „Diese Aktionen schädigen diejenigen, die hier vorgeblich verteidigt werden sollen. Sie verbreiten Angst bei jenen, die dem Grunde nach solidarisch mit dem politischen Protest sind bzw. waren.“ Dem ist wenig hinzuzufügen – die Autonomen scheinen alles zu versuchen, um auch noch die letzten Sympathien zu verspielen, die ihnen geblieben sind. Dennoch setzt die Bezirksregierung weiter auf Dialog, vor allem deshalb, weil nicht alle Gentrifizierungskritiker gewaltbereite Autonome sind: „Wir müssen das Sympathisanten-Umfeld vom gewaltbereiten Kern der linksautonomen Szene trennen“, schrieb SPD-Innenpolitiker Tom Schreiber Ende Mai in einem Zehn-Punkte-Papier zur „Befriedung“ der Rigaer Straße.

Die Suche nach einer Lösung gestaltet sich schwierig – kurzfristige Abhilfe soll die Asphaltierung der Straße gegen die Steinwürfe auf Polizisten schaffen, die Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) spontan in einem Tweet angeregt hatte. Kritik kam promt aus der Opposition: „Pflastersteine wegzunehmen wird keine Chaoten vertreiben“, sagte CDU-Generalsekretär Stefan Evers. Umgekehrt sei es richtig: „Wo die Chaoten vertrieben sind, da fliegen auch keine Pflastersteine.“ Das dürfte allerdings schwierig werden in der Rigaer Straße, in der eigene Regeln zu herrschen scheinen.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Nele Jenschs Tipp für Sie

Brunch oder Dinner am Paul-Lincke-Ufer sind im Sommer eigentlich immer schön, aber im noch jungen Restaurant „La Lucha“ kann man sich dabei so richtig wie im Urlaub fühlen. Dafür sorgen neben dem Kanalblick und den pastellig orange-rosa gestrichenen Bierbankgarnituren die exquisite mexikanische Küche und die freundlichen, größtenteils südamerikanischen Angestellten. Neben modern gepimpten Klassikern wie Burritos und Tacos kommen auch Ceviche-Fans auf ihre Kosten, und zum Dessert kann man mit knusprigen Churros sündigen, zu denen eine Chilli-Muleto-Schokoladen-Sauce serviert wird.

„Lucha“ ist übrigens das spanische Wort für Kampf, was die Latinos aber nicht so verbissen sehen wie die Deutschen: Für sie ist „lucha“ ein positiver Ausdruck ihrer Antriebskraft, ihre Träume zu verwirklichen. Und so lässt Geschäftsführer Max Paarlberg jetzt die Fernweh-Träume der Kreuzberger wahr werden, zumindest kulinarisch. „Das La Lucha ist mein persönlicher Kampf, die mexikanische Küche, Drinks und Kultur nach Berlin zu bringen“, sagt Paarlberg. „Für alles, das man liebt, muss man kämpfen.“ Auch wenn man keinen Hunger hat, lohnt es sich übrigens, für die Drinks vorbei zu kommen, die jeder Cocktailbar Ehre machen würden, ganz besonders der Mojito! Zu Stoßzeiten sollte man definitiv reservieren, was auch online problemlos geht. Viva La Lucha!

„La Lucha“, Paul-Lincke-Ufer 41, Mittwoch – Samstag 18 – 23 Uhr, Sonntag 18 – 22 Uhr.

#MeinKreuzberg