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    Unter Nachbarn

    Eric Jahnke (28) ist begeisterter Boulderer und wohnt seit einem halben Jahr  im Boxhagener Kiez in Friedrichshain.

    Was machst du? Seit einigen Jahren ist Bouldern quasi mein Lebensmittelpunkt. Ich arbeite seit etwa zwei Jahren als Assistent der Geschäftsleitung in der Boulderhalle Ostbloc in Rummelsburg. Dabei bin ich eine Art „Junge für Alles“ und unter anderem für das Schrauben der Routen und den Personalplan zuständig. Außerdem gebe ich Trainerstunden.

    Was genau ist Bouldern eigentlich? Bouldern ist Klettern in Absprunghöhe ohne Sicherung, eine Art Extremsport über Matten. Man munkelt, Bouldern sei von Hippies erfunden worden, als sie zu bekifft zum Klettern waren. Aber eigentlich ist Bouldern eine Sportart, die alles abverlangt: Technik, Körperspannung, Reaktionsvermögen, Kraft, Balance – und dabei ist Bouldern meistens viel athletischer, technischer und dynamischer als die große Schwester Klettern.

    Wie bist du zum Bouldern gekommen? Meine Mutter ist Kletterin und hat mich schon mit acht Jahren mit an die Wand genommen – damals fand ich das aber eher langweilig. In der Uni habe ich dann wieder angefangen, und plötzlich hat es unglaublich viel Spaß gemacht. Ich mag vor allem das Gefühl, dass in dem einen Moment nur ich und der Boulder, also die Route, existiere. Gerade dynamische Züge, bei denen man einfach so losspringt, geben auch ein unglaubliches Gefühl der Freiheit.

    Wie bist du in Friedrichshain gelandet? Ich habe kurioserweise meinen jetzigen Vermieter im Ostbloc kennen gelernt. Ich habe ihm eine Trainerstunde gegeben und irgendwie sind wir dabei ins Gespräch gekommen; ich habe gerade eine Wohnung gesucht und er hat mir dann eine in einem seiner Häuser vermittelt. Friedrichshain ist eine schöne Ecke, ich mag vor allem meinen täglichen Weg zu Arbeit: Erst durch den Kiez und dann die Rummelsburger Bucht entlang. Außerdem finde ich super, dass es hier so viele verschiedene Essensmöglichkeiten gibt.

    Was gefällt dir weniger am Kiez?  Mich nerven manchmal die betrunkenen Touristen aus den unzähligen Hostels; dass ich mich oft erst durch eine Menschenmenge kämpfen muss, wenn ich nach Hause will. Wenn ich dann noch weißes Kletterchalk im Gesicht kleben habe, schauen die Touristen oft auch seltsam und haben dann wahrscheinlich so ihre eigenen Theorien.

    Die Boulderhalle Ostbloc liegt direkt an der Rummelsburger Bucht in Lichtenberg. Am 2. Dezember findet der jährliche „Jeder-Mensch-Wettkampf“ statt, der Eintritt ist für Besucher*innen kostenlos.

    Foto: Fabian Fischer, mehr von Fabian auch in der Kiezkamera.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-n.jensch@tagesspiegel.de

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von Madlen Haarbach tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Friedrichshain-Kreuzberg,

der Senat hat vergangene Woche die Null-Toleranz-Politik gegen Drogen im Görlitzer Park wieder aufgehoben. Konsument*innen dürfen hier nun bis zu 15 Gramm Cannabis besitzen und konsumieren, ohne sich strafbar zu machen. Die CDU, deren Innensenator Frank Henkel die harte Linie erfunden hatte, zeigte sich wie erwartet erbost: Die Berliner CDU-Vorsitzende Monika Grütters nannte die Aufhebung der Null-Toleranz-Politik „beschämend und verantwortungslos“, die „laxe Haltung gegenüber Cannabis“ sei eine Kapitulation vor kriminellen Drogendealer*innen (morgenpost.de).

Streit gibt es auch nach wie vor um eine Ausstellung über Drogendealer*innen, wie mein Kollege Robert Klages an dieser Stelle bereits vor zwei Wochen berichtete. Die Ausstellung „Andere Welten“, die einen Einblick in das Leben und vor allem die Notlage von Dealer*innen geben soll, eröffnet zwar erst am 21. November – wird jedoch jetzt schon heiß diskutiert (tagesspiegel.de). Auch bei der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vergangene Woche war die Ausstellung Thema. Der CDU-Bezirksverordnete Timor Husein forderte in seinem Antrag „Drogendealer sind immer Straftäter – auch in Friedrichshain-Kreuzberg“ das Bezirksamt dazu auf, die finanzielle Unterstützung von 500€ für die Ausstellung zurückzufordern. Außerdem solle eine parallele Ausstellung geplant werden, die zeigt, „welche Straftaten die Drogendealer im Görlitzer Park bereits begangen haben und welche Auswirkungen das auf ihre Opfer hatte“.

Die zuständige Bezirksstadträtin Clara Hermann (Grüne) verwies auf die Freiheit der Kunst und erläuterte, dass, entgegen der Äußerungen Huseins, nicht etwa Drogenkonsum heroisiert, sondern vielmehr auf das Schicksal der betroffenen Drogendealer*innen und auch erlebte Rassismuserfahrungen hingewiesen werden solle: „Man muss zwischen den Drogen und den Menschen unterscheiden.“ Reza Amiri (Linke) pflichtete ihr bei und erläuterte, dass es um Empathie gegenüber dem Schicksal der Menschen ginge – und nicht um Empathie gegenüber dem Drogenhandel. Michael Heihsel (FDP) kritisierte den Antrag Huseins, da es nicht die Aufgabe der Politik sei, sich in die Kunst einzumischen – aber übte zugleich auch Kritik an der Ausstellung selbst. Die Formulierungen im dazu gehörigen Flyer seien „verharmlosend und ignorant“, sie würden die Vorurteile eher noch bestärken. Die AfD-Verordnete Sybille Schmidt versuchte im Anschluss, ihr Pamphlet über die immer negativen Auswirkungen von Drogenkonsum und die Notwendigkeit der Abschiebung sämtlicher Drogendealer*innen vorzutragen – ihr Redebeitrag eskalierte allerdings in einer Schreiorgie, die ihr im Nachklang einen Ordnungsruf von Seiten der BVV-Vorsteherin Kristine Jaath (Grüne) einbrachte.

Was bleibt? Semilegaler Drogenkonsum und eine hitzige Debatte über eine Ausstellung, die in erster Linie zu Toleranz und Empathie aufrufen will – bislang aber offenbar eher das Gegenteil erreicht. Dass sich derartige Debatten in Friedrichshain-Kreuzberg nicht nur auf das Thema Drogenkonsum beschränken, lesen Sie auch weiter unten in den Meldungen. Und dass man im Görli mehr tun kann, als semilegal Drogen konsumieren, sehen Sie in der Kiezkamera. Nun aber erst einmal zum Sport.

Madlen Haarbach ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Obwohl sie einen Großteil ihrer Zeit in Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs ist, ist sie sonst meist im Neukölln-Newsletter anzutreffen. Über Kritik, Anregungen, Hinweise und Tipps freut sie sich auf Twitter oder per E-Mail

Madlen Haarbachs Tipp für Sie

Kinofilme in Wohnzimmerathmosphäre anschauen? Geht, und zwar im Ladenkino B-Ware in der Gärtnerstr. 19, Friedrichshain. Das kleine, gemütliche Off-Kino zeigt ganztägig ein abwechslungsreiches Filmprogramm, vom Klassiker über Kinderfilme hin zu ausgefallenen Independent-Filmen – hier wird jeder Filmfan glücklich. Das Beste: Die meisten Filme laufen in Originalsprache mit Untertiteln, die Eintrittspreise eignen sich auch für Filmfans mit kleinem Budget. Tipp: Pünktlich da sein, vor allem Sonntags. Pro-Tipp: Nach der Kinoflatrate mit Viereck-Augen-Garantie fragen.

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