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    Unter Nachbarn

    Enno Hurlin ist selbstständiger Designer und lebt schon eine ganze Weile mit Familie in Steglitz.

    Was mir gefällt: Die Lage zwischen viel Grün im Südwesten und viel Stadt Richtung Nordost. Und eigentlich ist die Ostsee auch nicht so weit.

    Was mich stört: Warum werden so viele gefällte Straßenbäume nicht ersetzt? Besuch aus dem Ausland ist begeistert von unseren grünen Straßen. Steglitz-Zehlendorf ist Schlusslicht bei der Sanierung von Straßen und Schulen, das ist einfach beschämend skandalös.

    Was ich empfehle: Den Botanischen Garten, obwohl auch hier Brachen entstehen, weil das Geld fehlt. Hingehen und mit der Kratzdistel drohen …

    Foto: Annemarie Kühnen-Hurlin

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-b.buchholz@tagesspiegel.de

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von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

kennen Sie den: Läuft ein angetrunkener Mann aufs Eis und beginnt wie wild ein Loch zum Eisangeln zu schlagen. „Hier gibt es keine Fische“, tönt eine blecherne Stimme von oben. Der Mann sieht niemanden, glaubt an eine Einbildung und hackt weiter. Wieder sagt die Stimme: „Hier gibt es keine Fische!“ Er hält inne, schaut nach oben und fragt: „Gott, bis du das?“ – „Nein, ich bin der Sprecher des Eisstadions.“ Die 250 Menschen in der Alten Dorfkirche hatten gestern Vormittag sehr viel zu lachen – Eckart von Hirschhausen und die Paulusgemeinde hatten zu einem Benefizvortrag für den Erhalt des 250 Jahre alten Kirchleins eingeladen. Der Andrang war groß, viele Menschen hatten keine Karte mehr ergattern können. Drinnen ging es rund, es sei eine besondere Veranstaltung für ihn, sagte der in Zehlendorf aufgewachsene von Hirschhausen: Sein Zahnarzt sitze in der ersten Reihe und auch seine Chorleiterin aus Jugendtagen sei gekommen – das seien zwei Dinge fürs Leben: Plomben und Singen.

Luther habe für etwas gestanden: „Und Sie, was ist Ihr kleiner Luther?“, fragte von Hirschhausen sein Publikum. Und dann geschah etwas, dass ich noch nie in einer Kirche erlebt hatte: In den Reihen standen Menschen auf und erklärten den Anwesenden, wofür sie sich einsetzen würden, wofür sie einstehen. Es brodelte und murmelte in dem alten Gemäuer, die „Gemeinde“ kam mit sich selber ins Gespräch. Die Alte Dorfkirche sei ein Lebensort, ein Ort der Gemeinschaft, sagte der Kabarettist, und das solle sie auch in den nächsten 250 Jahren sein. Alle Erlöse – von der Eintrittskarte bis zum verkauften Buch – kommen der Sanierung der Kirche zugute. Nach der Veranstaltung bildete sich eine lange Schlange vor dem Büchertisch, neue Bücher mussten eilig angeliefert werden. Werter Eckart von Hirschhausen, mancher Erfolg fühlt sich wohl beim Signieren wie eine Strafe an.

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer – seit Kindesbeinen läuft er in Steglitz und Zehlendorf herum. 2011 gründete er „ß“, eine Zeitschrift für Politik und Kultur im Berliner Südwesten. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-b.buchholz@tagesspiegel.de

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Boris Buchholz' Tipp für Sie

Tappten Sie schon mal richtig im Dunklen? Ich meine stockfinsterste Schwärze, Sie sehen nichts. In einer dauerilluminierten Stadt wie Berlin ist es seltenes Erlebnis, die eigene Hand wirklich nicht mehr vor Augen sehen zu können. Das, was für blinde Menschen Alltag ist, können Sie im Rahmen des Kirchentags bis morgen noch im Dunkelcafé im Tempodrom erleben. Also, erst die zwei Euro für Speis und Trank bezahlen, Handy tief in die Tasche, dann die Dunkelbrille aufsetzen – nun müssen Sie Ihren Gastgeberinnen und Gastgebern vertrauen. Wurden Sie von Jugendlichen der Evangelischen Jugend Steglitz in Empfang genommen, leiten Sie jetzt blinde Bewohner des Blindenhilfswerks in der Steglitzer Rothenburgstraße durch die Lichtschleuse in den eigentlichen Caféraum. Es wird gekichert und gemurmelt, ah, der Stuhl ist gefunden, der Tisch erfühlt. Vertrauen Sie ruhig weiter und beißen Sie in die Speisen, die Ihnen gereicht werden – ein seltsames Gefühl, wenn die Augen nicht eine Vorerfahrung kommunizieren können. Vielleicht riechen Sie dafür etwas länger an diesem oder jenen Lebensmittel. Trinken dürfen Sie auch. Und keine Angst: Das geschulte und höchst erfahrene Personal hilft Ihnen sofort, wenn Sie gegen das Glas gestoßen sind oder die Entfernung zwischen Teller und Mund falsch eingeschätzt haben.

Etwa zwanzig Minuten dauert der Cafébesuch – ein tiefer Gong kündigt an, dass Sie jetzt wieder aus dem Raum geleitet werden. Juliane Eichhorst vom Blindenhilfswerk erzählt mir, dass die Blinden auch einen Namen für ihre im Dunklen unbeholfenen, verlegen kichernden und hilflosen Besucher hätten: „Sehlinge“. Nun dann, liebe Muggel und Sehlinge, die Einladung zum Einfühlen in eine andere Welt steht bis Samstag, das Café hat seine Schleusentür von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Immer zwanzig Personen können das Café besuchen, bringen Sie also etwas Zeit mit. Und vielleicht bleiben Sie auch noch länger (wenn Sie es schon einmal aus dem Bezirk herausgeschafft haben): Genug zu erleben gibt es im Zentrum Jugend des Kirchentags im Tempodrom am Anhalter Bahnhof auf jeden Fall.

Lokaltipp:

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