• Nachbarschaft

    Detlef Philipp, 68, stammt aus einer Druckerfamilie und ist überzeugter Steglitzer. Wir lernten uns beim Stammtisch der Facebook-Gruppe Steglitz-Zehlendorf kennen.

    Herr Philipp, wie haben Sie es geschafft, dass Ihre Kinder den gleichen Beruf wie Sie ergriffen haben? Vorweg: Ich bin direkt am Ostbahnhof und der Oberbaum-Brücke aufgewachsen, erst habe ich Forstfacharbeiter gelernt, danach musste ich in der DDR zum Militärdienst – und dann hatte ich keine Lust mehr auf Wald, Sand und Einsamkeit. Meine Großmutter, sie arbeitete beim Verlag „Junge Welt“, riet mir: „Geh zur Druckerei vom ‚Neuen Deutschland‘, die suchen immer Leute. Ist Laut, ist dreckig, immer Schichtarbeit, aber wird auch gut bezahlt.“ 1983 habe ich nach politischen Auseinandersetzungen die Druckerei und im Sommer 1989 mit meiner Familie die DDR verlassen.

    Sie arbeiteten dann im Norden der Stadt bei Möller Druck. Ja, ich hätte auch bei Springer oder Ullstein arbeiten können, doch Zeitungen wollte ich nicht mehr drucken. Möller Druck hatte ein offenes Ohr für die Sorgen der Mitarbeiter. Es galt, meine beiden ältesten Söhne (inzwischen hatte ich vier Kinder) nach der Übersiedlung beruflich zu versorgen – meinen Jungs war „Druckerei“ kein Fremdwort und so fing der eine als Druckerlehrling und der andere im Versand bei Möller an. Später kam mein dritter Sohn dazu, als Buchbinder. Auch meine Tochter arbeitete erst für die Druckerei – heute ist sie die einzige, die nicht mehr in dem Betrieb ist. Denn meine Frau ist auch bei uns.

    Wie kommt es, dass Sie sich dennoch im Süden, in Lichterfelde, niedergelassen haben? Das war Zufall, eine Wohnung wurde frei. Der Bezirk war mir absolut fremd, außer Wannsee und Krumme Lanke kannte ich gar nichts. Das änderte sich schnell. Neugierig, mit der Kamera bewaffnet, durchstreifte ich den Bezirk und lernte ihn schnell zu lieben.

    Wenn Sie einer Facebook-Bekanntschaft den Südwesten Berlins schmackhaft machen würden, mit welchem Highlight würden Sie werben? Mit dem breiten Lebensangebot: Von der Gaslaterne mit Kopfsteinpflaster in wenigen Schritten zum Trubel und der typischen Berliner Hektik der Schloßstraße, unser Ku’damm des Südwestens. Vom Kaufpalast bis zum kleinen Tante-Emma-Laden, vom Botanischen Garten bis zum Pferdehof und von der Bulette bis zu Asia-Food. Ein paar Schritte nur… und Du bist auf dem Dorf mit Ruhe und Entspannung pur, als ob ein Schalter umgelegt wurde.

    Sie sind doch ein echter Berliner: Worüber haben Sie das letzte Mal gewundert? Da fragt mich ein Typ mit Karte und Rucksack: „Entschuldigen Sie, wie komme ich am schnellsten zum Potsdamer Platz?“ Und das genau vor dem S-Bahnhof Botanischer Garten! Ich habe den angesehen… „Gehen Sie die Treppe runter und wenn Sie sich nicht verlaufen, nehmen sie die S-Bahn…“ Das gilt für ganz Berlin: Erst meckern, das schafft Luft, und dann erklären, das schafft Friede.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@extern.tagesspiegel.de

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von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

ich habe eben länger in einigen Nachschlagewerken gestöbert: Dass Zehlendorf in der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1242 freundlich „Cedelendorp“ hieß, hatte ich schon einmal gehört. Neu war mir, dass sich aus dem Wort für „Gehöft“ (Dorp) auch das Verb „dorfen“ ableitet – und das heißt: „einen Besuch abstatten“. Steglitz bedeutet, das scheint sehr einleuchtend, „Ort, wo es Stieglitze gibt“. Aber wer sich damit zufrieden gibt, hat das Lexikon zu früh zugeklappt. Denn ein Stieglitz ist nicht nur der hübsche Vogel des Jahres 2016, er steht für „Ausdauer“, „Fruchtbarkeit“ und „Beharrlichkeit“. Und weil er auch gerne Disteln frisst, ist er zugleich ein christliches Symbol für das Leiden von Jesus.

Was es also heißt, Steglitz-Zehlendorfer zu sein? Wir sind anscheinend fruchtbar, ausdauernd und hübsch, sind für Besuch offen und feiern gerne – ich finde, da kann man nur wenig meckern. Und für alle (noch) Nicht-Südwester deute ich die Etymologie des Bezirks ganz klar so: Kommen Sie uns besuchen (dorfen)! Ob Sie sich die Domäne Dahlem (Gehöfte) oder eine der vielen Kirchen – zum Beispiel Nikolskoe – (Disteln) ansehen, auf der Weidelandschaft oder im Grunewald die Natur genießen (Stieglitz) oder auf der Suche nach einer Bereicherung für Ihren Kleiderschrank die Schloßstraße beehren (Ausdauer) – seien Sie herzlich willkommen!

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer – von Kindesbeinen an lief er in Steglitz und Zehlendorf umher. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@extern.tagesspiegel.de.

Boris Buchholz' Tipp für Sie

Ab der kommenden Woche ist das Mittelmeer Thema im Griechischen Kulturzentrum der Hellenischen Gemeinde in Steglitz. Mit der Ausstellung „100 Gesichter des Mittelmeers / #MEDfacesSteglitz“ soll an die zehntausenden Menschen erinnert werden, die bei ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer umgekommen sind. Die Verantwortlichen des Kunstprojekts „Faces of the Mediterranean“, es wird von der katalanischen Organisation „Stop mare mortum“ getragen, gehen davon aus, dass das Meer zwischen Europa und Afrika zum Grab von über 35.000 Menschen geworden ist. Das Ziel der Künstler ist es, für jeden einzelnen Toten ein Bild zu schaffen.

Eva Daskalaki, die Koordinatorin des Griechischen Kulturzentrums, sagt, „es ist eine dramatische Situation, immer noch fliehen jeden Tag Menschen“, jeden Tag würden Menschen sterben. Italien und Griechenland seien als Anrainer direkt betroffen, „wir können nicht inaktiv bleiben, wir müssen etwas tun“, auch in Berlin. Es sei das erste Mal, dass in Berlin eine Ausstellung des Projekts „Faces of the Mediterranean“ gezeigt werde. Am Freitag, 23. Februar, wird die Ausstellung um 18 Uhr eröffnet. Im Rahmen der Vernissage wird der Film „Das Meer der Mitte“ von Yorgos Konstantinou gezeigt; im Anschluss findet eine Podiumsdiskussion über die aktuelle Situation der Geflüchteten in Griechenland statt. Bis zum 31. März kann die Ausstellung „100 Gesichter des Mittelmeers“ im Griechischen Kulturzentrum (Mittelstraße 33, 10 bis 20 Uhr, mittwochs 13 bis 20 Uhr) besichtigt werden. Der Eintritt ist frei, der Zugang ist barrierefrei möglich.