• 20170920_09172_susanne-ferger__c_boris_buchholz

    Unter Nachbarn

    Susanne Ferner ist Krankenschwester am Universitätskrankenhaus der Charité Benjamin Franklin. Am Mittwoch stand die Lichterfelderin als Streikposten vor dem Westeingang.

    Arbeiten Sie gerne in Steglitz-Zehlendorf? 1979 habe ich am Benjamin Franklin mit meiner Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, mein Kind ist hier in die Schule gegangen. Ich bin hier gut vernetzt. Ja, ich lebe und arbeite hier gerne.

    Auch im Krankenhaus Benjamin Franklin? Der Geist im Benjamin Franklin innerhalb der Pflege ist gut entwickelt: Ich darf hier denken und ich darf hier sagen, was ich denke. Die Hierarchie ist relativ flach. Ich versuche mit den Ärzten zusammenzuarbeiten – zum Wohle der Patientinnen und Patienten.

    Warum streiken Sie? Die Arbeitsverdichtung und die Rentabilitätspflicht einer Klinik sind so groß geworden und wird zu großen Teilen auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen. Wir haben zu wenig Personal für die Pflege der Patienten. Unser Berufsethos ist sehr hoch: Wir wollen Patienten gut versorgen! Und das geht nicht mehr. Wenn ich jeden Tag mit einem schlechten Gefühl nach Hause gehe, weil Patienten absolut unterversorgt sind, weil ich sie nur fünf Minuten am Tag sehen konnte, dann will ich diesen Zustand nicht hinnehmen.

    Ist das richtig: Sie streiken für mehr Kollegen und nicht für mehr Geld für sich? Das ist richtig. Wenn ich nach dem Dienst nach Hause komme, dann bin ich platt. Dann habe ich keine Power mehr, Geld auszugeben.

    Foto: Boris Buchholz

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute-b.buchholz@tagesspiegel.de

von
bis
Bitte geben Sie hier den Suchbegriff ein!
von Boris Buchholz Tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Steglitz-Zehlendorf,

was war das am vergangenen Freitag für ein Gefühl als ich durch Zehlendorf-Mitte radelte – wie in Mitte oder im Kiez in Kreuzberg! An der einen Kreuzung eine Demonstration, Polizeiwagen vor dem Bürgersaal, eine politische Jugendaktion ein Stückchen weiter und eine spannende Film- und Diskussionsveranstaltung um die Ecke: Der Bereich rund um das Rathaus Zehlendorf war an diesem Nachmittag für alle sichtbar wahrlich das politische Zentrum des Bezirks.

Aber mal langsam in die Pedale getreten: An der Ecke Kirchstraße und Teltower Damm demonstrierten etwa einhundert – zumeist junge – Menschen für einen weltoffenen und vielfältigen Bezirk – und gegen die Ausgrenzungs-Politik der AfD (die tagte im Bürgersaal im Rathaus und würgte dort die Meinungsfreiheit aus dem Saal). Auf dem S-Bahnvorplatz wurde eifrig gewählt: Jugendliche und Kinder nutzten das mobile Wahllokal des Nachbarschaftshauses Wannseebahn, um ihre Stimme bei der U18-Wahl abzugeben (natürlich gibt’s heute die U18-Ergebnisse aus dem Bezirk). Und im Bali-Kino wurde im Rahmen der „Fairen Woche“ der Film „Zartbitter“ gezeigt: Wie fair ist die Schokolade, die wir essen?

Ich habe mich ins Kino gesetzt, durfte den Abend moderieren und mit engagierten Leuten diskutieren. Viele waren Schülerinnen und Schüler – und als es darum ging, was man ganz konkret tun könnte und manch älterer Diskutant darüber sprach, dass die Jungen aktiv werden müssten, habe ich im Saal nachgefragt: Von den Anwesenden unter 18 Jahren arbeiteten die einen in der Klimaretter-AG der Droste-Hülshoff-Schule mit und die anderen engagierten sich in der Schülerfirma „Fair Wear“ der Emil-Molt- und Rudolf-Steiner-Schule. Aufraffen, das hat mir der Freitag gezeigt, müssen sich also nicht hauptsächlich die Jungen (16,6 Prozent der Bevölkerung im Bezirk sind jünger als 18 Jahre), sondern vielmehr wir Älteren.

Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer – seit Kindesbeinen läuft er in Steglitz und Zehlendorf herum. 2011 gründete er „ß“, eine Zeitschrift für Politik und Kultur im Berliner Südwesten. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-b.buchholz@tagesspiegel.de

Sicher und bequem umziehen:

Jetzt kostenlos Umzugsangebote anfordern und bis zu 70% sparen.


Eine Kooperation mit MOVE24

Boris Buchholz' Tipp für Sie

Meine ideale Radroute zur Arbeit hätte heute morgen so ausgesehen: Teltower Damm 42, kurzer Stop mit einem Latte Macchiato, sitzend am Fenster, Blick in die Tageszeitungen. Dann Weiterfahrt zur Ladenstraße 25, ein schöner Espresso mit schaumiger Crema. Der Abschluss meiner Ich-muss-nach-einem-langen-Mittwochabend-wach-werden-Tour wäre in der Schützenstraße 4 gewesen: ein Croissant, ein nettes Gespräch, ein Cappuccino. Das „Coffee Cabana“ in Zehlendorf-Mitte, „Toms Kaffeerösterei“ am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte und „die Kaffenauten“ in Steglitz sind Orte für Genießer – leckere Kaffeespezialitäten, etwas Kleines zu essen und vor allem eine entspannte, nette und jeweils sehr eigene Atmosphäre. Die Künstler an der Kaffeemaschine und in der Küche scheinen das, was sie tun, wirklich zu lieben, es sind inhabergeführte Oasen. Mein Tipp: Genießen Sie Ihren Kaffee in diesen besonderen Orten jenseits der großen Franchise-Unternehmen! Speziell an Tagen nach Sitzungen der BVV können Sie sich morgens kaum etwas Besseres gönnen. (Um die Geschichte rund zu machen: Ich war heute morgen leider doch spät dran und habe es nur geschafft, einen der drei Kaffee-Tempel aufzusuchen. Aber dann kommen die anderen eben morgen dran …)

Lokaltipp:

Zehlendorf auf Twitter