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Schulen in Berlin : Kostenloses Essen mit Nebenwirkungen

Bis Klasse 6 wird das Schulessen bald umsonst sein. Caterer rechnen mit einem sprunghaftem Anstieg der Nachfrage. Aber was bedeutet das für die Schulen?

Damit das Schulessen auch schmeckt, soll die Qualität im Fokus bleiben.
Damit das Schulessen auch schmeckt, soll die Qualität im Fokus bleiben.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Ab Sommer sollen Familien nicht mehr für das Schulessen in Klasse 1 bis 6 zahlen. Was Eltern freut und insbesondere die SPD als Errungenschaft feiert, wirft allerdings einige Fragen auf – nicht nur beim grünen Koalitionspartner und den Caterern, sondern auch bei Rektoren.

„Für viele Schulen wird es schwierig“, mahnt Lydia Sebold vom Grundschulverband: „Wo soll man den Platz hernehmen, wenn mehr Kinder als bisher essen?“, ist eine der Fragen, die sie stellt. Schon jetzt reichten vielerorts die Räumlichkeiten wegen der steigenden Schülerzahlen nicht aus.

Auch in den Horten ändert sich etwas

Die Sorgen der Schulleiter sind umso größer, als dass niemand zu sagen vermag, wie stark die Nachfrage wachsen wird. Zwar gibt es eine Schätzung der Bildungsverwaltung, wonach mit einer 14- prozentigen Steigerung gerechnet wird. Dies allerdings bezieht sich nur auf die Kinder, die neu hinzukommen werden, weil der Hort künftig ohne Bedarfsprüfung allen Erst- und Zweitklässlern offen steht. Wie viele Kinder darüber hinaus zusätzlich zum Essen angemeldet werden – einfach weil es umsonst sein wird – , ist unklar. Nur Rolf Hoppe vom Verband der Caterer wagt eine Prognose: „Wir rechnen damit, dass 60 Prozent mehr Kinder als bisher essen werden“, lautet seine Ansage.

Falls Hoppes Schätzung auch nur annähernd stimmt, könnte die Bildungsverwaltung ein Problem mit dem Nachtragshaushalt bekommen: Dort stehen 25 Millionen Euro bereit, um von August bis Dezember 2019 den Einstieg in das kostenlose Mittagessen zu finanzieren. Allerdings basiert dieser Millionenbetrag angeblich auf besagter 14-Prozent-Schätzung, würde also nicht reichen, falls wesentlich mehr Eltern als bisher zum verlockenden Essensangebot greifen würden.

Neue Catererverträge erst ab Sommer 2020

Die Verwirrung wird komplett angesichts der Tatsache, dass die 25 Millionen Euro nicht nur entfallende Elternbeiträge mitsamt Nachfragesteigerung abdecken sollen, sondern auch eine Qualitätssteigerung. Die Grünen hatten in Form einer „verbindlichen Vereinbarung“ im Haushalt festschreiben lassen, dass „zukünftige Verträge mit den Dienstleistern auf der Grundlage höherer qualitativer Mindeststandards erfolgen müssen“.

Diese Formulierung führt inzwischen zu einiger Ratlosigkeit. Denn Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) hatte dem Bildungsausschuss schriftlich mitgeteilt, dass die 25 Millionen Euro „nicht mit Qualitätsverbesserungen verbunden sind“, wie Hildegard Bentele (CDU) genüsslich twitterte und damit den Protest der grünen Fraktionsvorsitzenden Silke Gebel auslöste, die auf qualitativem Fortschritt beharrt – etwa im Hinblick auf einen höheren Bioanteil. Allerdings ist die Festschreibung im Nachtragshaushalt insofern wertlos, als im Jahr 2019 überhaupt keine neuen Verträge mit Caterern geschlossen werden, sondern erst ab Sommer 2020. Gebel fordert nun stattdessen, dass andere „Stellschrauben gedreht werden“ – etwa über Pilotprojekte.

Auch Oberschüler in Klasse 5 und 6 profitieren

Unabhängig vom Hickhack in der Koalition und von den Bedenken hinsichtlich der Raumnot gibt es aber auch uneingeschränkte Freude – etwa bei den Brennpunktschulen, die endlich alle Kinder mit Essen versorgen können und nicht mehr säumigen Eltern hinterherjagen müssen: „Für mich werden Träume war“, kommentierte eine Lehrerin die neue Lage.

Das kostenlose Schulessen soll nicht nur für Hortkinder gelten, sondern für alle Grundschüler sowie für die Fünft- und Sechstklässler der Oberschulen, erläuterte am Montag die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Maja Lasic.

Die Kostenfreiheit für das Schulessen wirft aber noch eine weitere Frage auf, nämlich die, wie künftig verhindert werden soll, dass vermehrt Essen weggeworfen wird - nach dem Motto: Was nichts kostet, ist nichts wert. Aus den ersten Schulen ist bereits diese Befürchtung zu hören. "Eltern werden das Essen dann einfach für alle Fälle bestellen, auch wenn ihr Kind nur selten in der Schule essen wird", heißt es. Astrid-Sabine Busse vom Interessenverband Berliner Schulleiter hält diese Befürchtung für unbegründet, weil ja es weiterhin eine tägliche Essenabfrage geben werde, um den Bedarf zu ermitteln: "Essen vernichten? Das darf auf keinen Fall passieren", steht für die Leiterin der Grundschule an der Köllnischen Heide fest.

FDP: "Der zweite Schritt vor dem ersten"

Die rot-rot-grüne Koalition mache "wieder den zweiten vor dem ersten Schritt", kommentierte FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf die Einführung des kostenlosen Schulessens. Leider seien nicht einmal alle Berliner Schulen mit einer Mensa ausgestattet: "Statt schlechtes Essen an die Kinder zu verschenken, sollte hier erst einmal in das richtige Equipment und Inventar investiert werden", fordert der Abgeordnete.

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