"Wir verstehen nicht, warum uns Deutschland dieses Hindernis in den Weg legt." Die 14-jährige Türkin Didem T.
Susanne Güsten
Für die Türkei hat das neue Jahr mit Gewalt und Terror begonnen: Mitten in den Feiern zur Jahreswende im Stadtzentrum von Istanbul explodierte in der Neujahrsnacht eine Bombe und verletzte zehn Menschen. Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand.
Ahmet Ibili starb einen spektakulären Tod. Als lebende Fackel stürzte sich der 32-jährige Häftling den Truppen entgegen, die das Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Ümraniye stürmen wollten.
Als Helmut Kohl seine Auslandsreisen noch als Bundeskanzler machte, gehörten ein großer Begleit-Tross, roter Teppich und Nationalhymnen bei der Ankunft im Gastland zum Standardprogramm. Doch diese Zeiten sind vorbei; heutzutage schreitet Kohl nach der Ankunft keine Ehrenformationen mehr ab, sondern taucht lieber unter.
Abdullah Öcalan hat es wieder einmal geschafft. Trotz eines rechtskräftigen Todesurteils, das schon mehr als ein Jahr lang besteht, wird der PKK-Chef auf absehbare Zeit nicht hingerichtet.
Das türkische Parlament hat am späten Freitagabend ein Amnestiegesetz beschlossen, das rund 35 000 der 70 000 Häftlinge in den Gefängnissen des Landes die Freiheit bringen soll. Das Gesetz sieht vor, dass die meisten Todesurteile in Haftstrafen umgewandelt, langjährige Haftstrafen um zehn Jahre reduziert und Strafen unter zehn Jahren in Bewährungsstrafen umgewandelt werden.
Der Europarat hat die Türkei aufgefordert, dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali mindestens einen Häftling zur Gesellschaft zu geben. Die materiellen Haftbedingungen des Rebellenchefs auf Imrali seinen zwar im Wesentlichen nicht zu beanstanden.
"Die Türkei hat gewonnen", bejubelte ein türkisches Massenblatt am Dienstag die von den EU-Außenministern erzielte Einigung auf den Text der EU-Beitrittspartnerschaft für Ankara. "Die Türkei hat bekommen, was sie wollte", titelte eine andere Zeitung: Erleichterung macht sich nach der Brüsseler Einigung im pro-europäischen Lager der Türkei breit, nachdem die lang ersehnte Beitrittspartnerschaft mit der Union in den letzten Wochen fast noch an Streitereien mit Griechenland gescheitert wäre.
"Lügnerinnen", titelt das türkische Boulevardblatt "Takvim" am Montag in seiner Balkenüberschrift. Das Aufmacherfoto zeigte die Bundestagsabgeordneten Monika Brudlewsky (CDU), Angelika Graf (SPD) und Claudia Roth (Grüne), die Bildunterschrift forderte: "Bringt diese Verleumderinnen zum Schweigen!
Als die Polizisten zu aufdringlich werden, verliert Claudia Roth die Contenance. Die Augsburger Grünen-Politikerin sei regelrecht auf die Sicherheitsbeamten losgegangen, berichtet die türkische Presse nach einem Streit zwischen Roth und den Polizisten in der Stadt Diyarbakir im Kurdengebiet.
Gibt es ihn noch, oder wurde er abrasiert? Knapp anderthalb Jahre, nachdem PKK-Chef Abdullah Öcalan am Ende seines Hochverrats-Prozesses auf der türkischen Gefängnisinsel Imrali zum letzten Mal in der Öffentlichkeit gesehen wurde, stellen sich türkische Zeitungen die Frage, ob "Apo" seinen buschigen Schnurrbart noch hat.
Um Leben oder Tod geht es vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof für den Kläger Abdullah Öcalan, um ihre künftigen Beziehungen zu Europa für die beklagte Türkei: Kein Wunder, dass beide Parteien alle rechtlichen Register ziehen. Rechtsgrundlage des Prozesses ist die auch von der Türkei unterzeichnete Europäische Menschenrechtskonvention, auf die sich Öcalan bei seiner Beschwerde beruft.
Monatelang fieberte Ankara der EU-Beitrittspartnerschaft entgegen, die den Weg der Türkei in die Europäische Union vorzeichnen soll - doch kurz bevor das Dokument am Mittwoch in Brüssel vorgelegt wurde, bekam Ministerpräsident Bülent Ecevit noch kalte Füße. Es handele sich dabei nicht um ein "Diktat" der Europäer, sondern nur um einen Wegweiser, wiegelte der türkische Regierungschef nur Stunden vor der Veröffentlichung des Papieres ab - und öffnete sich damit ein Hintertürchen aus den Verpflichtungen, die Ankara mit der Partnerschaft eigentlich eingehen sollte.
Er hatte sich so auf die Heimkehr gefreut. Elf Jahre lang war der Schwarzwälder Carlo Farsang in der ganzen Welt unterwegs gewesen.
Wenn es am Sonntag in türkischen Hotels an die Zimmertüren klopft, wird es in den meisten Fällen nicht der Kellner mit dem Frühstück sein, sondern ein Beamter mit einem Fragebogen. Denn auch die rund 500 000 ausländischen Urlauber im Land sollen an der Volkszählung "Türkei 2000" teilnehmen und Fragen beantworten wie: "Haben Sie zu Hause eine Toilette?
"Mobilmachung für die Menschenrechte" lautet der neue Slogan, mit dem die türkische Regierung ihr Land fit für Europa machen will. Unter diesem Motto waren am Montag im südostanatolischen Tunceli tatsächlich alle auf den Beinen, die etwas zum Thema zu sagen haben: Vertreter von Regierung, Armee, Polizei und Justiz trafen sich dort mit Folteropfern, Menschenrechtsverbänden und Kurdenvertretern.
Das kann ja heiter werden. Die vor einem dreiviertel Jahr vom EU-Gipfel in Helsinki beschlossene "Heranführungsstrategie" für die Türkei hat kaum begonnen, da streiten Athen und Ankara schon darüber und zerren an den Rockschößen der Union.
Wer die Sintflut überlebt hat, das ist bekannt: Noah, seine Frau, seine Söhne mit ihren Frauen und je ein Pärchen von allem Vieh, allen Vögeln und allem Gewürm auf Erden - so überliefert es das Alte Testament. Was die Bibel dagegen nicht beantwortet und die Wissenschaft dafür umso mehr interessiert, das ist die Frage, wer von der Sintflut vernichtet wurde.
"Ein U-Boot des Nato-Staates Türkei ist bei einer Kollision mit einem anderen U-Boot im Mittelmeer schwer beschädigt worden und 57 Meter tief auf den Meeresgrund gesunken. 17 Mann an Bord sind noch am Leben, die anderen sind schon beim Zusammenstoß ertrunken.
Völlig erschöpft sitzt Süngür Saliye am Flughafen von Istanbul, in ihren Armen ihren fiebernden kleinen Sohn. "Keiner kümmert sich um uns", klagt die Frankfurterin, die nach einem Urlaubsaufenthalt in der Türkei eigentlich schon am Vortag nach Deutschland zurückfliegen wollte.
Mancher Türke mag seine Zeitung beim Frühstück in dieser Woche besonders genau studiert haben: "Wie man seine Frau am besten schlägt", versprach ein Blatt zu erklären. "Schlagen sie ihre Frau ganz zärtlich", riet eine andere Zeitung.
Sie wühlten sich bei minus 20 Grad durch den Schnee der Osttürkei und rollten bei mehr als 40 Grad Hitze durch den Staub Zentralanatoliens. Der deutsche Leopard 2 und die Prototypen der anderen Panzer im Wettbewerb um den geplanten Rüstungskauf der türkischen Armee wurden im vergangenen halben Jahr von den Militärs auf Herz und Nieren geprüft.
Jahrelang war von türkischen Politikern immer dieselbe Formel zu hören: Die Türkei sei ein fortschrittliches Land, und ein fortschrittliches Land brauche nun einmal ein Atomkraftwerk. In Akkuyu an der türkischen Südküste wurde das Baugelände für den ersten Atommeiler des Landes ausgewählt, internationale Unternehmen - darunter auch Siemens - beteiligten sich an der 1997 gestarteten Ausschreibung für das Großprojekt, Proteste von Umweltverbänden, Anwohnern und Nachbarstaaten wurden irgnoriert.
Die Zeit drängt. Innerhalb weniger Monate muss Ankara jetzt in Sachen Europa Farbe bekennen: "Bis Ende September will die EU von der Türkei klipp und klar hören, wie die politischen Reformen verwirklicht werden sollen", sagte ein türkischer Regierungsvertreter am Rande des Besuchs von EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen in der türkischen Hauptstadt.