Die Türken lassen sich von ihren Politikern einiges an Unverschämtheiten gefallen, doch das ging jetzt zu weit. "Wir werden diese schamlosen, räuberischen, unmoralischen Plünderer zum Teufel jagen", war nur eine von hunderten solchen Stimmen, die sich nach der Entlassung von Innenminister Sadettin Tantan am Mittwoch in Rekordzahlen auf türkischen Internet-Seiten zu Wort meldeten.
Susanne Güsten
Mit einem Blitzbesuch in Ankara hat eine Abordnung des Bundestags-Menschenrechtsausschusses am Donnerstag versucht, Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und den hungerstreikenden Häftlingen zu initiieren. "Geht aufeinander zu", laute die Botschaft der deutschen Delegation an beide Seiten in dem Konflikt um die Gefängnisreform, sagte die Abgeordnete Monika Brudlewsky (CDU) am Rande der Gespräche.
An der türkischen Riviera hat wohl schon manche Frau ihr Herz verloren, doch mit dem Urlaub endet meist auch die große Liebe. Kaum eine junge Urlauberin folgt so konsequent ihrem Herzen, wie es die 16-jährige Nicole Schmidt tat, die jetzt von der Polizei aus den Armen ihres Liebhabers gerissen wurde.
Mehr als ein Vierteljahr lang hatte Andrea Rohloff in der Untersuchungshaft auf das Urteil des Staatssicherheitsgerichts Izmir gewartet, doch die letzten Stunden wurden ihr noch einmal besonders lang. Schon am frühen Morgen wurde die 18-jährige Berlinerin am Donnerstag aus dem Buca-Gefängnis abgeholt und in das Gerichtsgebäude in Izmir gebracht, doch bis zum Beginn des letzten Verhandlungstermins dauerte es dann noch gut drei Stunden.
Ein Vierteljahr hinter den Gittern eines türkischen Gefängnisses - wie verändert das ein Mädchen aus behütetem Berliner Hause? Andrea Rohloff ist an dieser Erfahrung gewachsen, wie sie selbst meint und wie Menschen aus ihrer Umgebung bestätigen.
Beim Hungerstreik türkischer Häftlinge sind am Montag wieder zwei Gefangene gestorben. Bei der seit 200 Tagen andauernden Protestaktion linksradikaler Häftlinge und ihrer Angehörigen gegen die türkische Gefängnisreform kamen damit bisher 22 Menschen ums Leben.
"Tut mir Leid, ich bin gerade sehr beschäftigt", wimmelte Muhammed Tokcan einen türkischen Reporter ab, der ihn kurz nach Mitternacht am Montag auf seinem Handy erreichte. Tokcan hatte zu diesem Zeitpunkt tatsächlich alle Hände voll zu tun, wie sich später herausstellte, denn er trieb gerade mehr als hundert Gäste und Angestellte eines Istanbuler Luxushotels mit vorgehaltener Waffe in einen fensterlosen Konferenzsaal.
Die Konfrontation zwischen hungerstreikenden Häftlingen und dem Staat in der Türkei weitet sich zu einer gesamtgesellschaftlichen Krise aus. Sechs Monate nach Beginn der Protestaktionen linksradikaler Gefangener fielen dem Konflikt in den vergangenen Tagen erstmals auch mehrere Außenstehende zum Opfer.
Die Türkei muss weiter auf neue Milliardenkredite aus dem Ausland zur Überwindung ihrer schweren Wirtschaftskrise warten. Wirtschaftsminister Kemal Dervis sagte bei der Vorstellung seines Reformprogramms am Samstag in Ankara, ausländische Geldgeber wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank wollten zuerst die Pläne der Regierung zur Lösung der Wirtschaftsprobleme sehen, bevor über Geld gesprochen werden könne.
Die tiefe Wirtschaftskrise der Türkei und die Abwertung der Währung machen das Land in diesen Osterferien spottbillig für deutsche Urlauber, die entsprechend in Rekordzahlen an die türkischen Strände starten. In ihrem Vergnügen an dem günstigen Urlaub sollten Türkei-Touristen aber nicht vergessen, dass des einen Freude auch des anderen Leid ist, und entsprechend einige Vorsicht und Feinfühligkeit walten lassen.
So direkt war die türkische Regierung bisher noch nicht mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise konfrontiert worden. "Die brauche ich jetzt nicht mehr, Herr Ministerpräsident", rief Ahmet Cakmak und knallte Regierungschef Bülent Ecevit seine Registrierkasse vor die Füße.
Wenn es ums Glück geht, schwören die Türken auf eine blaue Glasperle mit weißem Punkt. Andrea Rohloff hat gleich ein ganzes Kettchen dieser Glücksbringer dabei, als sie am Dienstag vor dem Staatssicherheitsgericht im türkischen Izmir erscheint, um sich wegen organisierten Rauschgiftschmuggels zu verantworten.
Die 18-jährige Andrea Rohloff sitzt tief in Schwierigkeiten, doch manch anderen jungen Türkei-Touristen könnte ihr abschreckendes Beispiel noch rechtzeitig davor bewahren, denselben Weg hinter Gitter zu nehmen. Kurz vor Beginn eines erwarteten Rekordansturms deutscher Urlauber auf die türkischen Bade- und Vergnügungszentren wird am Dienstag im westtürkischen Izmir der Prozess gegen die junge Berlinerin eröffnet, die im Januar mit sechs Kilogramm Heroin in der Reisetasche auf dem Flughafen erwischt worden war.
Die Sonne scheint an der türkischen Riviera, und die Touristen kommen - hinter Gitter. Die Saison ist noch nicht einmal richtig in Schwung gekommen, da wanderte am Wochenende bereits der zweite deutsche Urlauber dieses Jahres wegen Drogenschmuggels in Untersuchungshaft: Ein Gericht in Antalya erließ Haftbefehl gegen den 52-jährigen Familienvater Hans Albert Kaiser, in dessen Koffer 18 Kilogramm Heroin gefunden worden sein sollen.
"Almanya cok iyi" ist eine Bemerkung, die Deutsche in der Türkei immer wieder zu hören bekommen: "Deutschland ist sehr gut." Die Begeisterung kommt nicht von ungefähr, denn mit keinem anderen Land der Welt unterhält die Türkei so fruchtbare Beziehungen wie mit Deutschland.
"Alltag in Ankara" hieß das Stück, das am Montag in der türkischen Hauptstadt aufgeführt wurde, und die Darsteller gaben sich alle Mühe. "Wir haben eine sehr produktive Sitzung gehabt", erklärte Ministerpräsident Bülent Ecevit mit krampfhaftem Lächeln nach einer Tagung des Nationalen Sicherheitsrates - als hätte er nicht mit einem Auftritt in demselben Gremium vor einer Woche eine beispiellose Finanzkrise ausgelöst, die sein Land teuer zu stehen kommt.
Den Türken ging es auch vor dem Wirtschaftsdebakel dieser Woche wahrlich schlecht genug. Rund 7500 Mark betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Türken für das gesamte vergangene Jahr.
Ausgerechnet mit einem Verfassungstext bewarfen sich der türkische Staatspräsident und Regierungsmitglieder in der monatlichen Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates. "Sie kennen wohl die Verfassung nicht", schnauzte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer die Kabinettsmitglieder an, die ihm das Recht zu eigenen Untersuchungen der Korruption im Bankenwesen absprechen wollten.
Besonders gereizt hat die Türkei auf die amerikanischen und britischen Luftangriffe auf Irak reagiert. "Wir hoffen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt", sagte Außenminister Ismail Cem, und Premier Bülent Ecevit meldete bei Washington Klärungsbedarf an: Als Nachbarland von Irak hätte die Türkei konsultiert werden müssen.
Die Ukrainer heuern als Seeleute an, die Russen arbeiten auf den Teeplantagen am Schwarzen Meer, die Rumänen strömen in die Bauindustrie der großen Städte: Die Türkei, als Exporteur von Arbeitskräften in den Westen bekannt, wird selbst immer mehr zum Anziehungspunkt für Arbeitnehmer aus Osteuropa, Asien und Afrika. Für die ohnehin hoch verschuldeten türkischen Sozialsysteme stellen die Gastarbeiter ein Problem dar, weil kaum einer von ihnen versichert ist.
Die Skepsis gegenüber dem politischen Kurs der Türkei wächst. Das Europäische Parlament hat sich am Mittwoch zwar für eine "Beitrittspartnerschaft" mit der Türkei und für die Freigabe von EU-Wirtschaftshilfe in Höhe von 177 Millionen Euro ausgesprochen.
Mit Rasierwasser und Zeitungspapier entfachte der türkische Häftling Fethi Ates am Sonntag ein Feuer in seiner Zelle und steckte sich dann selbst in Brand. Mit schweren Verbrennungen wurde er ins Krankenhaus eingeliefert - das jüngste Opfer im Kampf um die türkischen Gefängnisse, der inzwischen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.
Im blauen Trikot trat die kleine Özge in den Ring, im roten Dress kam Mürside aus ihrer Ecke - und dann hagelte es Schwinger und Haken, bis Mürside zu Boden ging. Die Kopfschützer waren viel zu groß, und die Boxerinnen in diesem Kampf erst vier Jahre alt.
Ist es die große Liebe eines ungleichen Paares, der die deutschen Behörden bürokratische Steine in den Weg legen? Oder soll hier nur eine Scheinehe angebahnt werden, von der sich der Bräutigam etwas Geld und die Braut eine Aufenthaltsgenehmigung verspricht?