So richtig hat sich die saisonale Besinnlichkeit noch nicht auf die Theater übertragen. Während man auf Weihnachtsfeiern und -märkten wenigstens versucht, kontemplative Klänge anzustimmen, wartet die freie Bühnenszene bis zum Jahresende mit ziemlich hartem Stoff auf.
Christine Wahl
Zu keiner anderen Jahreszeit sei die Leidenschaft für das Theater so groß wie in den Adventstagen, sagte Kay Wuschek, Intendant des Berliner Theaters an der Parkaue, kürzlich in einem Interview. Nichts funktioniere so hervorragend als kultureller Türöffner wie das Weihnachtsmärchen!
Der Theaterdiscounter reagiert auf das nahende Fest der Liebe mit einer klaren Ansage: „Liebe im Discounter“ nennt sich die programmatische Reihe, mit der der Mitte-Spielort sein Adventsprogramm bestreitet. Großzügig verschleudert werden dabei insbesondere Partnerschaftsmodelle, die sich „von ihren analogen Fesseln befreit“ haben und selbstbewusst „in die Absurdität des digitalen Kerzenscheins“ eingetreten sind.

Duncan Macmillans Stück „Atmen“ handelt von einem Paar aus dem Hipster-Milieu. Die Regisseurin Katie Mitchell macht aus der Ökokomödie an der Berliner Schaubühne nun ein Ereignis: Die Schauspieler erzeugen selbst den Strom, den sie für den Abend brauchen.
Futter fürs Ego: „In der Republik des Glücks“ in den DT-Kammerspielen.
Eigentlich ist das Theater ziemlich schnell dabei, sich Hits und Bestseller aus anderen Disziplinen einzuverleiben. Kaum ein erfolgreicher Romanstoff, der auf der Bühne noch nicht nachgenutzt und so gut wie kein Film, der nicht neu aufgerollt worden wäre.

Neues von Lifestyle-Sarkastikerin Sibylle Berg ist nun am Gorki Theater in Berlin zu sehen: In ihrem Theaterstück „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ zelebriert sie den geistigen Komplett-Amok.

Vom mutigen Scout zur gefragten Macherin: Ricarda Ciontos ist die Seele des Nordwind-Festivals im Hebbel am Ufer.
Werfe dem Theater noch einer vor, den Anschluss an den Zeitgeist verloren zu haben! Tagesaktueller als der Theaterdiscounter kann man in diesen prä-adventlichen Novemberwochen schließlich kaum sein: Geborgenheit üben reloaded heißt der imperativische Untertitel von Malte Schlössers Performance, die auch ansonsten vorweihnachtlich-altruistisches Gedankengut verheißt: „Mit galanter Theorie-Piraterie und dem Neu-Einüben von Gefühlen“, verspricht die Presseabteilung der freien Spielstätte in der Klosterstraße 44 in Mitte, „entgegnen Schlössers Performer der Durchökonomisierung unserer Leben“.

Alles auf Anfang am Maxim-Gorki-Theater. Nach dem "Kirschgarten" kommen jetzt zwei weitere russische Premieren: "Der Russe ist einer, der Birken liebt" und "Schwimmen lernen"
Nicht, dass wir nicht ständig Märchen erzählt bekämen – in Politiker-Statements, Talkshows und durchaus auch auf der einen oder anderen Erwachsenen-Theaterbühne. Von diesen auf uns einprasselnden Fiktionen soll hier allerdings ausnahmsweise mal nicht die Rede sein.
Zwischen Moskau und Ruanda: Werkschau des Dokumentaristen Milo Rau in den Sophiensälen.
Mangelnden Anspruch kann man dem Theater an der Parkaue nicht nachsagen. Walter Benjamin für Grundschüler, dramatische Chaostheorie für Erstklässler: Die Lichtenberger Kinder- und Jugendbühne traut ihren Zuschauern im Zweifelsfall lieber ein bisschen mehr zu als zu wenig.
Die Zeiten, in denen das Publikum sich bequem in seine Sessel lümmeln und die Hamlets oder Emilia Galottis aus sicherer Distanz betrachten konnte, sind längst vorbei. „Interaktivität“ zählt auch im Theater, zumindest in der freien Szene: Eigeninitiativ streift das Publikum durch fiktive Arbeitsämter, bastelt Pappkrönchen oder bildet – angenehmstes Genre-Angebot – eine Partygesellschaft bei Freigetränkausschank.
„Wie funktioniert das Geschäft mit Immobilien im 21. Jahrhundert, und welche Rolle spielt darin die staatliche Wohnungspolitik?

Thriller ohne Thrill: „Der talentierte Mr. Ripley“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.
Der Sonntagabend ist gerettet! Zumindest ab Ende 2014.

Anekdoten aus dem Leben eines Regisseurs: Leander Haußmanns Autobiografie „Buh“.
Glaubt man dem charmanten kleinen Theater unterm Dach, gesellt sich zu den allseits beschworenen Wirtschafts-, Finanz- oder Nachbundestagswahlparteien-Krisen akut noch eine weitere hinzu. Es handelt sich um die Krise des Mannes.
Erstaunlich eigentlich, dass das Theater diesen Stoff erst jetzt entdeckt: Da berichten uns seit Jahren sogenannte Experten des Alltags wie Lkw-Fahrer, Herzchirurgen oder Prostituierte auf der Bühne aus ihrem Job- und Lebensumfeld. Aber die „Expats“ – Fachkräfte, die von international operierenden Unternehmen vorübergehend ins Ausland geschickt werden beziehungsweise eigeninitiativ für ein paar (Berufs-)Jahre ihre Heimat verlassen und zum Beispiel eben hier in Berlin Station machen – stehen als Theaterthemen- Trend erst kurz vor dem Durchbruch.
Die Kiez-Soap ist en vogue. Orte wie das Prime-Time-Theater, die das Geschehen vor der eigenen – in diesem Fall Weddinger – Bühnentür zu lustigen Sitcoms verarbeiten, feiern zu Recht Zuschauererfolge.

In seinem neuen Stück „Glanz und Elend der Kurtisanen“ kreuzt René Pollesch Balzac mit dem Soziologen Richard Sennett. Der Abend in in der Volksbühne wird zum Triumph für Birgit Minichmayr und Martin Wuttke

Tom Kühnels und Jürgen Kuttners „Agonie“ in den Kammerspielen des DT.

Frösche, Slapstick und Intrigen: Marius von Mayenburg inszeniert Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ an der Schaubühne in eigener Übersetzung als wildes Kostümfest.