20 Jahre RBB-Inforadio : "Wir wollen anders sein"

Alle 20 Minuten Nachrichten, dazu Wirtschaft, Sport, Kultur. Am Freitag wird das Inforadio des RBB 20 Jahre alt. Ein Interview mit Redaktionsleiterin Annette Nolting.

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Von Anfang an dabei: Annette Nolting ist seit fünf Jahren Redaktionsleiterin des Inforadio vom RBB. Zuvor hatte sie 15 Jahre lang die Morgensendungen moderiert.
Von Anfang an dabei: Annette Nolting ist seit fünf Jahren Redaktionsleiterin des Inforadio vom RBB. Zuvor hatte sie 15 Jahre lang...Foto: RBB

Frau Nolting, an diesem Freitag wird das RBB-Inforadio 20 Jahre alt. Was war die Ausgangsidee?
Es fing mit einer ganz besonderen Stundenuhr an. Wir waren nicht das erste öffentlich-rechtliche Informationsprogramm, vor uns gab es schon B5 aktuell vom Bayerischen Rundfunk und MDR Info. Anders als bei diesen beiden Sendern gab es bei uns alle 20 Minuten Nachrichten. Und jenseits von Interviews und Hintergrundbeiträgen wollten wir immer auch den Sport haben, die Wirtschaft und die Kultur. Und wir wollten kurze Interviews, die die Top-Themen einordnen. Bei allem Respekt vor dem Deutschlandfunk: Wir wollten anders sein.
Wenn man das mit dem Inforadio des Jahres 2015 vergleicht, dann hat sich also gar nicht so viel geändert.
An der Form nicht, aber an einigen Punkten haben wir immer wieder gearbeitet, um den Hörern eine bessere Orientierung zu geben. Die Hörerforschung hat uns gezeigt, dass viele Menschen das Gefühl haben, die Welt werde immer unübersichtlicher. Und da ist ein Informationsprogramm, das sofort reagieren kann, ein ungemeiner Vorteil.
Aber es hat auch Veränderungen gegeben.
Wir hatten anfangs keine Nachrichtensprecher. Nachrichten sollten nicht ex cathedra verkündet werden. Weil aber viele Hörer nicht mehr zwischen Nachricht und ein weiterführendem Beitrag unterscheiden konnten, sind wir zur klassischen Form mit Nachrichtensprechern zurückgekehrt. Zudem haben wir in unsere regionale Kompetenz investiert, in dem wir unseren Reporterstab vergrößerten. Und wir haben neue Formate entwickelt, wie die langen Reportagen in der „Nahaufnahme“. Ganz aktuell bringen wir unseren Ü-Wagen stark zum Einsatz, um große Themen zu setzen.

Zu den wichtigen Stationen in 20 Jahren Inforadio gehört der Mai 2008, als der RBB den neuen Redaktions- und Sendekomplex von Inforadio eröffnete. Der neue Produktions- und Sendekomplex bietet Platz für vier Sendestudios, zwei Produktionsstudios, zwei Reporterboxen und einen Fernseh-Nachrichtenplatz.
Zu den wichtigen Stationen in 20 Jahren Inforadio gehört der Mai 2008, als der RBB den neuen Redaktions- und Sendekomplex von...Foto: RBB

Also nicht nach dem Motto: Inforadio macht Nachrichten, da muss nichts vorbereitet werden.
Auch das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Um gute Gesprächspartner zu bekommen, oder um Themen noch punktgenauer zu analysieren, bedarf es einer Planung. Das mache ich nicht von heute auf Morgen. Und so ist auch meine Planungsredaktion entstanden.
Was ist für Sie die wichtigste Richtschnur? Wie erkennen Sie, was gut oder schlecht war und was noch besser werden kann?
Ich nehme dazu mal das Thema, dass in diesen Wochen alle Medien beschäftigt: die Flüchtlinge. Sie müssen jeden Tag justieren, was Sie machen und wann es vielleicht zu viel wird. Wir achten darauf, dass unsere Berichterstattung unbedingt ausgewogen und vielschichtig ist, dass es also beispielsweise neben Interviews auch Reportagen gibt.
Ich dachte eher an den Rückkanal vom Hörer zum Sender. Welche Bedeutung haben die sozialen Medien wie Twitter oder Facebook für Sie?
Sie sind immer wichtiger geworden, und wir arbeiten auch damit. Aber wir haben gegenüber den Netzwerken einen ganz entscheidenden Vorteil. Wir können sofort, unmittelbar und hörbar etwas einordnen oder das Gesagte sofort hinterfragen. Das geht auf 140 Zeichen nicht so leicht. Aber zugleich müssen wir natürlich wissen, was twittert ein Politiker eigentlich gerade.
Und was sagt die Höreranalyse über die Zahl der jungen Hörer aus?
Die hat in den letzten Jahren sogar zugenommen. Das freut uns natürlich, auch wenn das Gros der Hörer des Inforadio bei etwas über 50 Jahren liegt. Das ist aber bei allen Informationsangeboten so.
Die Herausforderungen durch das Netz betreffen alle Medien. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Unter anderem dadurch, dass auch wir mobil abrufbar sind. Zum 20. Senderjubiläum bringen wir unsere neue App an den Start, die stark überarbeitet wurde. Wir sind somit überall hörbar. Wer zum Beispiel Sportfan ist, kann die Bundesliga-Konferenz am Wochenende auch über diesen Weg empfangen.

Sie scheinen relativ unbesorgt in die Zukunft zu schauen?
Wenn ich mir keine Gedanken über die Zukunft machen würde, wäre das extrem fahrlässig. Aber im Augenblick mache ich mir keine Sorgen, denn alle Zahlen für den deutschen Radiomarkt sprechen dagegen.
Eine große Programmreform zum Zwanzigsten ist also nicht geplant?
Nein, weil wir kontinuierlich an unserem Programm gearbeitet haben. Das wir an einzelnen Punkten arbeiten, ist der ganz normale Alltag. Das passiert jeden Tag um zehn Uhr in der Redaktionskonferenz, in der wir schauen, wie der Morgen war. Denn der Morgen ist für uns das Wichtigste, wie bei allen Radiosendern.
Sie haben doppelt so viele Hörer am Morgen wie im gesamten Durchschnitt. Mittags flaut es somit deutlich ab. Wie wollen Sie da gegensteuern?
Das probieren wir zwar, aber um ehrlich zu sein, erreichen Sie in einem Informationsprogramm damit nur minimale Zugewinne. Ganz wichtig ist die klassische Drive-Time im Auto auf dem Weg zur Arbeit oder nachmittags nach Hause. Allerdings müssen wir gerade in einer Stadt wie Berlin damit umgehen, dass viele Menschen vom Auto auf den Öffentlichen Nahverkehr oder das Fahrrad umsteigen. Umso wichtiger ist es, dass wir mobil auf Smartphones erreichbar sind. Das soll kein Grund sein, kein Radio zu hören.

Und wie wird jetzt das Jubiläum gefeiert?
Am Freitag reden wir den ganzen Tag über uns, die Freiheit nehmen wir uns. Für den Abend haben wird Politiker eingeladen, die in einer Sondersendung ab 18 Uhr zu Wort kommen. Mit dabei: Renate Künast, Gregor Gysi, Eberhard Diepgen und Matthias Platzeck.
Und welche Geschichten könnten dann erzählt werden?
Vielleicht über unser allererstes Highlight. Als 1995 auf dem SPD-Parteitag in Mannheim Oskar Lafontaine seine furiose Rede hielt und Rudolf Scharping danach nicht mehr Parteivorsitzender war, war das Inforadio live bei der Abstimmung dabei. Das sind Hörmomente, die bleiben. Und die hat es in den letzten zwanzig Jahren immer Mal wieder gegeben. Das pusht auch die Mannschaft und man sagt: Das war gut.

Annette Nolting ist Redaktionsleiterin des Inforadio vom RBB. Das Interview führte Kurt Sagatz.

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