Alte Bilder, neues Sehen : Kann denn Farbe Sünde sein?

Das ZDF koloriert den Ersten Weltkrieg. Das mindert die Authentizität des Materials – und erhöht die Faszination beim Zuschauer. Zwei FU-Historiker beurteilen Guido Knopps neue Tat.

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Verfremdung. Kaiser Wilhelm II. verleiht bei einem Frontbesuch Orden an deutsche Soldaten – Standbild aus einem deutschen Propagandafilm. 2,67 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 8,9 Prozent) verfolgten am Dienstag den ersten Teil der Dokureihe „Weltenbrand“.
Verfremdung. Kaiser Wilhelm II. verleiht bei einem Frontbesuch Orden an deutsche Soldaten – Standbild aus einem deutschen...Foto: ZDF

„Schwarz wird die Sonne, die Erde versinkt. Vom Himmel fallen die heiteren Sterne.“ Die Sage vom ungeheuren Weltenbrand gab dem Auftakt der ZDF-Fernsehreihe zum Ersten Weltkrieg den Titel: „Weltenbrand. Sündenfall“. In dem Film von Christian Frey und Annette von der Heyde (Leitung: Guido Knopp) lodert „das Feuer, das 1914 entfacht wurde“ in flammendem Gelb, die Wiesen sind grün, die Gesichter rosig, die Uniformen feldgrau, khakifarben oder blaugrau. Für den Film wurden die schwarz-weißen Filmdokumente des Jahres 1914 nachträglich koloriert. Ein Sündenfall?

Es entbehrt nicht der Ironie, dass der Erste Weltkrieg heute nachträglich eingefärbt wird, denn in den Jahren vor 1914 haben fast alle Armeen ihre bis dahin bunten Uniformen abgeschafft, die ihre Soldaten zu idealen Zielscheiben für die immer schneller feuernden Waffen machten, allen voran das Maschinengewehr. Aber das Verfahren der nachträglichen Kolorierung ist nicht neu. Schon die 2003 in Großbritannien produzierte sechsteilige Dokumentarfilmserie „World War I in Color“ färbte schwarz-weiße Aufnahmen ein. Auch die 2009 ausgestrahlte französische Dokumentarfilmserie „Apocalypse“ über den Zweiten Weltkrieg bediente sich des Verfahrens. Das löste Debatten aus und wurde als Verfälschung historischen Quellenmaterials kritisiert.

Die nachträgliche Kolorierung von historischen Filmdokumenten ist eine Manipulation von Quellen und mindert deren Authentizität. Für den Historiker ist das ein Tabu. Die professionellen Hüter des Filmerbes, allen voran die Restauratoren, sehen in der nachträglichen Einfärbung von Filmdokumenten erst recht ein Verstoß gegen alle Reinheitsgebote. Die Dokumentarreihe des ZDF ist jedoch keine wissenschaftliche Filmedition, sondern „Histotainment“, das Interesse an Geschichte wecken und ein breites Publikum mit Geschichte informativ unterhalten will. Hier gelten andere Gesetze. Es ist legitim, unter Verwendung historischer Dokumente etwas Neues zu schaffen. Es handelt sich um eine Art Remix. Bei der Bearbeitung des Materials wurde nicht nur die Farbe ergänzt, sondern auch Töne, Geräusche und Musik. Solange die Bearbeitung des Films deutlich wird und die Zuschauer nicht in die Irre geführt werden, ist dies nicht problematisch. Die nachträgliche Kolorierung der Filmdokumente kann durch Einblendungen oder zumindest im Vorspann oder Abspann des Films kenntlich gemacht werden. Kolorierte und originale Filmsequenzen können einander gegenübergestellt werden. All dies geschieht in dem Film „Weltenbrand“ nicht, ganz im Gegensatz zu der britischen Serie „World War I in Color“, in der das Verfahren schon im Titel der Serie, aber auch an ihrem Anfang ausdrücklich und ausführlich thematisiert wird. Nachgestellte Szenen, das „Re-Enactment“, sind von den Filmemachern um Guido Knopp jedoch kenntlich gemacht worden. Der Vorwurf, diese seien von den kolorierten Originalsequenzen nicht mehr zu unterscheiden, ist daher nicht nachvollziehbar.

Die nachträgliche Kolorierung von Schwarz-Weiß-Filmen wird durch die Technologien digitaler Bildbearbeitung ermöglicht. Sie ist Teil des umfassenderen Phänomens der „Modernisierung“ von Filmen im Zuge der medientechnologischen Entwicklung und hat oft auch das Ziel, neue kommerzielle Verwertungen zu erschließen. Ganz neu ist das Phänomen jedoch nicht. Schon während des Ersten Weltkriegs waren die Filmbilder des Kriegs nicht nur in Schwarz-Weiß zu sehen. Es war ein gängigesVerfahren, schwarz-weiße Filme einzufärben und zu „viragieren“, wie die Zeitgenossen sagten. Ein Beispiel hierfür ist der U-BootFilm „Der magische Gürtel“ von 1917, den das Imperial War Museum restauriert hat (www.europafilmtreasures.de).

Die Sehgewohnheiten ändern sich im Laufe der Zeit. Sie werden von den kollektiven Seherfahrungen und der Medientechnologie geprägt. Junge Zuschauer heute sind wenig vertraut mit schwarzweißen Bildern: Die digitale Fotografie ist bunt, Fernsehen und Kinofilme in Farbe. Jede Darstellung historischer Ereignisse ist immer auch Ausdruck der Zeit, in der diese Darstellung entsteht. Das heutige Geschichts-Fernsehen bedient sich der modernen digitalen Technologien und der damit verbundenen Ästhetik, in diesem Fall computergestützter Technologien zur Einfärbung von schwarz-weißen Filmmaterialien. Damit geht ein Verlust an Unversehrtheit und Echtheit einher. Aber es rückt das Geschehen, das noch nicht lange vergangen ist, auch näher an uns heran und erhöht damit seine Faszination. Eine Fernsehreihe zum Ersten Weltkrieg, die die Aufnahmen in Farbe präsentiert, ist auch ein Dokument unserer Zeit und des heutigen Blicks auf die Geschichte. Aber nicht der einzig mögliche. Ein Desiderat bleiben historisch-kritische Editionen der Filme zum Ersten Weltkrieg. Die Filme sollten in voller Länge und wissenschaftlich kommentiert im Internet zugänglich gemacht werden. Dies würde ihren historischen Quellenwert erschließen und dauerhaft sichern.

Anna Bohn ist Dozentin für Filmedition und wissenschaftliche Mitarbeiterin der FU Berlin im EU-Projekt „Cendari“. Ihr Buch „Denkmal Film. Bd. 1: Der Film als Kulturerbe. Bd. II: Kulturlexikon Filmerbe“ erscheint im Herbst.

Oliver Janz ist Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin. Er ist Herausgeber von „1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War“ (www.1914-1918-online.net) und leitet das von der Europäischen Kommission geförderte Projekt „Cendari“ (www.cendari.eu), das die Integration der europäischen Archive des Ersten Weltkriegs in einer virtuellen Forschungsumgebung zum Ziel hat.

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