ARD-Doku über den "Kanzlerspion" : Wer war Günter Guillaume?

Unermüdlich und quasi unsichtbar sei Günter Guillaume gewesen, erinnern sich Zeitzeugen. Die ARD zeigt ein sehenswertes Film-Porträt über den „Kanzlerspion“ und seine Frau.

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Immer in der Nähe von Willy Brandt (r.) blieb der Spion Günter Guillaume.
Immer in der Nähe von Willy Brandt (r.) blieb der Spion Günter Guillaume.Foto: Imago

Großes Kino im Zentrum der Macht? Nein, eher eine Farce: Bundeskanzler Willy Brandt legte die Bleistifte in einer bestimmten Richtung auf die Akten. Ein Trick, um den Agenten in seiner nächsten Umgebung zu ertappen – wie in diesen Spionagethrillern, die Brandt ja auch gesehen habe, erinnert sich dessen damaliger Berater Klaus Harpprecht. Doch der Spion habe sich nicht gerührt, bedauert Harpprecht in der Dokumentation „Der Kanzlerspion“. Die Episode mag ein schönes Beispiel für die Wechselwirkung von Realität und Leinwand-Fiktion sein, vielleicht auch nur eine schöne Legende, retten konnte die Kino-Fachkunde Brandts Kanzlerschaft jedenfalls nicht. Zwei Wochen nach der Verhaftung des DDR-Agenten Günter Guillaume am 24. April 1974 in Bonn trat der Sozialdemokrat zurück.

Seine Frau Christel Boom wurde mit verurteilt

Wer war dieser Guillaume, der damals ein politisches Beben in der Bundesrepublik auslöste, auch wenn noch andere Gründe zu Brandts Sturz geführt hatten? Gabriele Denecke schildert in ihrem 45-minütigen Porträt den Werdegang des 1995 verstorbenen Offiziers des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) – und den seiner Frau Christel Boom, die mit ihm gemeinsam aufgeflogen und verurteilt worden war. Das Agenten-Paar siedelte 1956 in die Bundesrepublik über, eröffnete einen Tabakladen in Frankfurt/Main, gesponsert vom MfS, und diente sich in der hessischen SPD hoch. Guillaume „war so ’ne Betriebsnudel“, erinnert sich Sozialdemokrat Armin Clauss. Einer, der sich um den Kaffee kümmerte und fleißig Protokolle schrieb. Und der die stramm antikommunistische Linie der Hessen-Sozis engagiert vertrat. Über den Abgeordneten und späteren Minister Georg Leber gelangte Guillaume nach der gewonnenen Bundestagswahl 1969 nach Bonn.

Egon Bahr war von Beginn an skeptisch

Vor der Anstellung im Bundeskanzleramt überstand er die aufgrund einer Notiz des skeptischen Egon Bahr veranlassten Sicherheitsüberprüfungen, obwohl der BND längst Hinweise auf eine Agententätigkeit gesammelt hatte. Der Ex-Minister und enge Brandt-Vertraute Bahr zählt im Film ebenso zu den Zeitzeugen wie MfS-Offizier Werner Grossmann und die Journalisten Wibke Bruhns und Hermann Schreiber. Der damalige „Spiegel“-Reporter erklärt, Guillaume habe die Eigenschaft gehabt, sich quasi unsichtbar zu machen. „Er konnte in die Tapete verschwinden."

Auch Pierre Boom, der Sohn des Agenten-Paars, tritt vor die Kamera. Bei der Verhaftung der Eltern war er 17 Jahre alt – und wusste von nichts. Willy Brandt nennt er seinen „politischen Vater“. Dass sein echter Vater an dessen politischem Sturz beteiligt war, habe ihn doppelt erschüttert. Auch einige O-Töne von Guillaume und Christel Boom selbst sind zu hören. Denecke verwendet Ausschnitte eines Films (von miserabler technischer Qualität), den das MfS zu Ehren des 1981 in die DDR abgeschobenen Paars drehen ließ, sowie einige vorwiegend in Grau-Tönen gehaltene Animationen, die in Zeiten weltumspannender Abhörtechniken schön altmodisch wirken.

Keine übertriebene Schlapphut-Romantik

Eine übertriebene Schlapphut-Romantik kann man dem Film aber ebenso wenig vorwerfen wie den Ehrgeiz, die Geschichte neu schreiben zu wollen. Vom Versagen der Behörden ist die Rede. Und von der zweifelhaften Strategie des damaligen Innenministers Hans-Dietrich Genscher, der den Kanzler als Lockvogel einsetzte. Aber auch von der Mitverantwortung Brandts. Er hätte nicht zustimmen müssen, dass Guillaume 1973 mit in den Familien-Urlaub nach Norwegen fuhr. Dort habe der „unermüdliche Kofferträger“ (Bruhns) das einzige Mal Zugang zu geheimen Papieren gehabt. Ob es wahr ist, dass Guillaume längst begonnen hatte, „innerlich die Front zu wechseln“ (Bahr) und kurz vor seiner Verhaftung tatsächlich überlaufen wollte, wie Schreiber behauptet, bleibt offen. Thomas Gehringer

„Der Kanzlerspion“, ARD, Montag, 23 Uhr 30

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