Medien : Big Brother für Intellektuelle

Wie kann man/frau glücklich leben? Was ist Sex? Warum die ständige Eifersucht? Heute fällt die erste Klappe für eine Reality-Show der besonderen Art. Ex-Kommunarde Rainer Langhans und sein Harem aus fünf Frauen gehen für TVBerlin in den Fernseh-Container. Sie wollen die deutschen „Osbournes“ werden.

Silke Bender

Nur eine Zahnbürste, Kleidung und eine „Riesen-Neugier“ nehmen sie mit, wenn sie heute in die einwöchige Kasernierung gehen. Wenn die Tür zugeht und die Kameras an. Doch im Kopf haben sie Gepäck von mehr als 30 Jahren Selbstbespiegelung, Selbstzerfleischung und Sinnsuche: Die fünf Frauen Brigitte, Christa, Jutta, Gisela und Anna und ihr „treuer Pascha“ Rainer Langhans. Seit rund 25 Jahren leben die Lebenskünstler in ihrem selbst ernannten „Harem“ in München-Schwabing. Jetzt wollen sie zum ersten Mal die Schlafzimmertür öffnen – für die Augen der Fernseh-Öffentlichkeit.

Und Leo Kirch wird sich dieselben vor Verwunderung reiben, wenn er sieht, was dann auf seinen einstigen Sendern „TVBerlin“ und „TVMünchen“ vor sich geht. Dort, wo normalerweise zu später Stunde blonde Barbies ihre Brüste ölen, werden ab 14. März die letzten Mohikaner der 68er Bewegung ihr geistiges Gepäck auspacken. Ein großes Bündel aus Lebensfragen wie: Was für Liebesformen kann es jenseits der Zweierbeziehung geben? Gibt es ein wahres Leben im falschen? Wie kann frau lernen, die andere Frau zu lieben? Warum die ständige Eifersucht? Was ist Sex? Und vor allem: Wie kann man/frau glücklich leben?

Ungewohnte Kost für zwei kleine, kommerzielle Stadtsender. Der neue Eigentümer Soravia traut sich was : „Kommune – fünf Frauen und ein Mann“ soll eine Reality-Show der besonderen Art werden. Eine Kreuzung zwischen intellektuellem „Big Brother“ und den deutschen „Osbournes“. „Psycho-Porno“ statt Sexy Clips. „Wir haben noch keine Ahnung, was daraus wird“, gibt Start-Up-Manager Peter Koelbl zu. „Aber wir wollen uns ins Gespräch bringen. Als visionäres Stadtfernsehen.“

Eine Woche lang werden die Protagonisten ab Sonntag unter absoluter Abschottung von der Außenwelt – kein Telefon, kein Fernsehen, keine Bücher – miteinander agieren. 24 Stunden nonstop unter Aufsicht der Kameras. Das Beste wird auf zunächst 10 Folgen zusammen geschnitten, täglich gesendet. Parallel dazu sollen die Zuschauer mit der TV-Kommune chatten können. Den Auftakt machen je einstündige Porträts über die Akteure. Die sind schon Medienereignis genug. Da ist die intellektuelle Christa (“Unsere Leni Riefenstahl“), die schöne Brigitte mit den Depressionen, die symbiotischen „Getty-Zwillinge“, die einst als Jet-Set-Groupies durch die Regenbogenpresse schwebten und das bayerische Landei Anna. Und natürlich ihr Guru Rainer, der noch immer mit der alten Lockenpracht und weißen Mönchsgewändern den Weg nach innen sucht.

Anfang der 70er Jahre lernten sich die Frauen und Rainer peu à peu kennen und lieben. „Doch wir wollten raus aus dieser Verliebtsheitsliebe, die immer irgendwann grau wird“, erinnert sich Brigitte. „Wir wollten aufhören, uns Frauen nur als Konkurrentinnen zu sehen. Rainer wurde dabei unser Freund und Meister.“ 1978 tauften sie das Experiment dann „Harem“ und leben seitdem nach der Maxime: Das Private ist politisch. „Wir werden die Gesellschaft nicht verändern, wenn wir das Verhältnis Mann und Frau nicht ändern“, meint Rainer.

Seit mehr als 25 Jahren leben die sechs in ihrem privaten Kokon aus Analyse und Lebensexperiment. Da wollen sie raus. Als „Big Brother“ und die „Osbournes“ vor allem beim jüngeren Publikum zu Quoten-Schlagern wurden, sahen sie die Stunde gekommen, ihr Leben zum TV-Ereignis zu machen. „Wir Frauen müssen jetzt die Hosen runterlassen“, sagt Christa. „Und auch unsere kreischende Hässlichkeit zeigen.“ Gisela wünscht sich eine andere Erkenntnis durch den Schritt an die Öffentlichkeit: „Wir haben die Jugendkultur erfunden. Wie kann heute eine Kultur des Alters aussehen?“

Doch sieben Tage lang 24 Stunden zusammen zu sein, unter dem unerbittlichen Blick der Kameras – das macht selbst ihnen Angst. Vor allem Anna bekommt kurz vorm Start kalte Füße: „Ich weiß nicht, ob ich das bringe.“ Sie zögert, ob sie wirklich in den Container geht. Und auch den Kindern der Frauen ist bei der Sache mulmig: „Mutti, zieh dich bloß nicht aus“, flehte Juttas Sohn.

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