Cyber-Film zur Daten-Brille : Brille Allwissend

"Das Zeug zu einem echten Knüller": Mario Sixtus erzählt in „Operation Naked“ von der Aufhebung der Privatsphäre.

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Durchblick. Michelle Spark hat eine Datenbrille auf und spricht in die Kamera.
Durchblick. Michelle Spark hat eine Datenbrille auf und spricht in die Kamera.Foto: ZDF und Patrick Jasim

Die „Operation Nackt“ beginnt mit einem neuen Produkt, einer Brille, die Menschen per Gesichtserkennung identifiziert und die in Sekundenbruchteilen Informationen aus dem Netz aufbereitet. Wer sie trägt, erfährt über unbekannte Passanten die erstaunlichsten Details. Nicht nur Name, Adresse und Alter, sondern auch den Kontostand, wie lange jemand wegen Depressionen in Behandlung ist oder wie viele Sexualpartner die junge Frau hat, die da gerade mit dem Kinderwagen an einem vorbeiläuft. Ist eine solche Welt, in der alle über alle alles wissen, ein Schreckensszenario? Eine unaufhaltsame Folge technologischer Entwicklung? Oder gar begrüßenswert, weil damit Überwachung und Geheimnistuerei sinnlos sein würden?

„In einer Welt, in der man Makellosigkeit nicht mehr vortäuschen könnte, verlöre der Makel an Bedeutung.“ Dies behauptet in dem ZDF-Film „Operation Naked“ Michelle Spark (Sarah Rebecca Gerstner), die Geschäftsführerin eines Berliner Start-up-Unternehmens, das eine solche Datenbrille entwickelt hat.

Politik und Medien feiern sie für die bahnbrechende Erfindung. Spark tritt bei Markus Lanz auf, und „Wiso“-Moderator Martin Leutke bescheinigt der Datenbrille „das Zeug zu einem echten Knüller“. Als Spark die Brille im „Morgen-Magazin“ live vorführt und dabei einen Passanten durchleuchtet, wird es ungemütlich.

Pablo Rothmann (Gábor Biedermann) ist Lehrer an einem Elite-Internat und besucht an seinem freien Tag einen Schwulen-Club. Moderatorin Dunja Hayali bricht das Experiment ab, doch schon am Abend ist Rothmann seinen Job los. Elmar Theveßen, stellvertretender ZDF-Chefredakteur, entschuldigt sich für die „tragische Verkettung von unglücklichen Umständen“, nun läuft die Medien-Maschine erst recht heiß. Das Kulturmagazin „aspekte“ lädt Spark und Rothmann zu einem konfrontativen Studiogespräch, und im „Mittags-Magazin“ kommt der Gründer des Vereins „Wider die digitale Entblößung“ zu Wort.

Nebenbei wird karikiert, wie einfallslos Fernsehen sein kann

Der Journalist und Blogger Mario Sixtus, als „Elektrischer Reporter“ seit Jahren auf diesem Themengebiet kundig unterwegs, hat sich das Szenario ausgedacht. Es muss beim ZDF einige Begeisterung ausgelöst haben, bei dem Kleinen Fernsehspiel „Operation Naked“ paradieren die Gesichter von mehr als 20 Formaten, von Peter Hahne bis Gert Scobel, von Jan Böhmermann bis Hans-Joachim Heist alias Gernot Haßknecht.

Sixtus tritt ebenfalls auf, die Fernseh-Heimat des „Elektrischen Reporters“ ist der Spartenkanal ZDFinfo. Abgesehen davon, dass sich der Sender hier auch ein bisschen selbst feiert, wird das selbstreferenzielle Spiel dramaturgisch geschickt eingesetzt: Die Handlung erschließt sich aus der Abfolge verschiedener Fernsehsendungen. Die Übergänge sind fließend, oft zappt die Inszenierung mitten im Satz weiter, von „Aktenzeichen XY“ zu „Mona Lisa“ etwa.

Nebenbei wird karikiert, wie einfallslos Fernsehen sein kann. Innenstaatssekretär Walter Dörling (Hans Hohlbein) wird im Film mehrfach interviewt – und mit immer denselben Bildern in Szene gesetzt. Dörling steigt aus dem Auto, geht über den Flur, öffnet die Tür und dreht sich mit seinem Schreibtischstuhl zur Kamera – ein standardisierter Ablauf. Inhaltlich nimmt der Staatssekretär jedes Mal eine andere Haltung an. Die Datenbrille wird gefeiert, verboten und dann doch wieder erlaubt: Wer seine persönliche Durchleuchtung vermeiden will, muss halt ein Stirnband mit einem QR-Code tragen. Sehr komisch. Sixtus spitzt hier Hilf- und Planlosigkeit in der IT-Politik satirisch zu.

Moderatoren und Kulissen sind also echt, Spark, Rothmann, Dörling und andere Figuren natürlich erfunden. Der Autor knüpft in seiner „Mockumentary“ an reale Debatten an, vor allem an den Streit zwischen Datenschützern und den Verfechtern von „post privacy“, die die Auflösung der Privatsphäre für unaufhaltsam halten. Auch in der Wirklichkeit sollen Menschen, die in den USA mit der „Google glass“-Brille spazieren gingen, als „glassholes“ attackiert worden sein. In „Operation Naked“ nehmen Aktivisten mit silbernen Masken den Kampf gegen die Verbreitung der Datenbrillen auf. Bei einem Unfall kommt der Entwickler der Brillen ums Leben. Die Täter werden durch den Abgleich von Fotos und Videos aus dem Netz enttarnt, der engagierteste Datenschützer entpuppt sich als jemand, der einiges zu verbergen hat.

„Operation Naked“, Montag, ZDF, 23 Uhr 55

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