Das Gutjahr-Video aus Nizza : Filmen oder helfen?

Der Blogger Richard Gutjahr hat mehr zufällig den Terroranschlag von Nizza gefilmt. Dass er das Video nicht als Live-Video streamte, wurde im Netz vielfach gelobt. Aber es gab auch Kritik.

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Die ersten Bilder vom Terroranschlag in Nizza wurden per Twitter verbreitet.
Die ersten Bilder vom Terroranschlag in Nizza wurden per Twitter verbreitet.Foto: AFP

Es lässt sich vermutlich nicht mehr zählen, wie oft das Video von ARD- Reporter Richard Gutjahr mit den Bildern vom Terroranschlag in Nizza am Freitag in den Sondersendungen des Ersten gezeigt wurde. Immer wieder sahen die Zuschauer auf den vom Balkon aus aufgenommenen Aufnahmen, wie der weiße Lastwagen die Promenade entlangfährt und plötzlich beschleunigt, obwohl die Straße von Menschen bevölkert ist.

Gutjahr war privat in Nizza, wollte hier den französischen Nationalfeiertag erleben und ein langes Wochenende dort verbringen. Bekannt geworden ist Richard Gutjahr als Internet-Blogger. Doch statt das Handyvideo gleich per Periscope oder Facebook Live zu verbreiten, schickte er es an die ARD. „Dort sitzen die Profis, die wissen, was man bringen kann und was nicht“, begründete er dies.

Ganz überwiegend erhält Gutjahr Lob für seine „besonnene Berichterstattung“. Doch es gibt auch Kritik. Obwohl er den Moment des Schreckens nicht per Livestream unbearbeitet ins Netz streamte, wird ihm vorgeworfen, er habe draufgehalten, statt den Opfern zu helfen, wie es in einem Tweet heißt.

„Wir haben bei der TV-Ausstrahlung mit Rücksicht auf die Opfer und auf die Zuschauer auf Nahaufnahmen verzichtet. Dabei haben wir darauf geachtet, dass ein möglichst realistisches Bild der Ereignisse vermittelt wird“, sagt Kai Gniffke, Erster Chefredakteur von ARD-aktuell. Auch der Ton wurde bearbeitet: „Da im Reportertext die Schießerei geschildert wird, kann man stellenweise die Schüsse nicht hören. In diesem Fall erschien ein Verzicht auf den Reportertext nicht sinnvoll“, sagt der Chefredakteur.

Vom Sender geprüft und bearbeitet

Immer wieder stehen die Sender vor der Entscheidung, wie sie mit Material aus dem Internet umgehen sollen. In diesem Fall war die Herkunft des Videos geklärt. „Bei ARD-Reportern gehen wir von der Authentizität des Materials aus“, sagt Gniffke. Diese Mal reichte eine Plausibilitätsprüfung, auf den sonst üblichen aufwändigen Verifikationsprozess konnte verzichtet werden. Wäre das Video von einer unbekannten Quelle geschickt worden, hätte die Redaktion von ARD-aktuell zunächst versucht, Kontakt zum Urheber zu bekommen, um die Bilder und die Informationen zu überprüfen und dann zu verifizieren, ob das Material authentisch ist. „Falls dies der Fall gewesen wäre, hätten wir das Material gesendet.“ Allerdings nicht unbearbeitet und nicht live.

Aber das Gegenteil ist eben auch in der Medienwelt. Immer mehr Menschen greifen in Extremsituationen nach etwas Vertrautem – und das ist das Smartphone. Was sie dann live streamen, das kann ein Echtzeit-Hilfeschrei, hilfreiche Augenzeugenschaft, kaltschnäuizger Voyeurismus oder PR für die eigene Überzeugung sein. Die Debatte darum wird intensiver, befeuert durch die Polizeigewalt in den USA, aktualisiert durch den Terroranschlag in Nizza. Nicht zu übersehen ist, dass eine wachsende Gruppe von Menschen mit Live-Videos sozialisiert ist. Werden bedeutende wie unbedeutende Ereignisse nicht live dokumentiert, „fühlt sich das nicht mehr richtig an“, sagte der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz in einem „SZ“-Interview. Wie reagieren die sozialen Medien auf den Tod in Echtzeit, wie die klassischen Medien? Jeder grenzwertige Einzelfall verlangt eine neue Entscheidung.

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