Medien : Die Übersetzer

Die EU gilt als undemokratisch, weil pan-europäische Medien und damit auch eine europäische Öffentlichkeit fehlen. Nun beginnen „Euroblogger“, die Lücke zu füllen. Unsere Autorin forscht nach, wer sie sind und was sie bewirken.

Maja Beckers
Das war Slowenisch. Das Lämpchen leuchtet, die nächste Übersetzerin im EU-Parlament ist an der Reihe. Sprachvielfalt ist auch für Blogs wichtig. Foto: Cira Moro/laif
Das war Slowenisch. Das Lämpchen leuchtet, die nächste Übersetzerin im EU-Parlament ist an der Reihe. Sprachvielfalt ist auch für...

Im letzten Jahr bekam Euroblogger Ronny Patz erstmals eine Akkreditierung für eine Sitzung des EU-Ministerrats. Er wurde vom bloggenden Pressesprecher der ungarischen Ratspräsidentschaft aufgerufen und durfte der bloggenden EU-Kommissarin Cecilia Malmström eine Frage stellen. Die Frage hatte ein pseudonymer Kommentator auf einem Euro-Blog vorgeschlagen und die Antwort wurde natürlich via Blogs verbreitet. Ronny Patz hat das nicht ohne Stolz erzählt auf der diesjährigen Web-2.0-Konferenz Re:publica Anfang Mai. Der junge Politikwissenschaftler promoviert an der Universität Potsdam über die Informationsflüsse in der EU und bloggt auf „Polscieu“ selbst regelmäßig über europäische Politik. Doch könnten Blogs tatsächlich die Plattform werden, auf der Europäer transnational diskutieren? Könnten sie das herbeigesehnte Instrument sein, das Europa wie kommunikativer Klebstoff zusammenhält?

Das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit ist besonders innerhalb der EU ein Problem, das zu gravierenden Demokratiedefiziten führt, da politische Entscheidungen aus Brüssel nicht angemessen beobachtet, mitbestimmt und kontrolliert werden können. „Es geht nicht darum, ob Europa gut oder die EU schlecht ist, sondern darum, dass wir uns in einer gemeinsamen Öffentlichkeit darüber unterhalten können.“ So sagt es Ronny Patz.

Noch vor wenigen Jahren war das Internet kaum Bestandteil des europäischen Mediendiskurses. „Könnte, vielleicht, irgendwann“, hießt es. Das hat sich grundlegend geändert. Heute sehen Politiker, Wissenschaftler und Journalisten soziale Medien und Blogs als Lösung. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, hält Soziale Medien gar für die „Keimzelle einer Renaissance Europas“. Neelie Kroes, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission findet: „Die digitale Revolution verbindet und verlinkt Europa.“ Und die italienische Marketing- und E-Government-Spezialistin Alessandra Poggiani von der Universität Rom verkündet: „Während klassische Medien sich oft an bestehende nationale Identitäten wenden, kann das Internet, mehrsprachig und örtlich enthoben, europäische Identitäten schaffen.“

Damit hat die zierliche Wissenschaftlerin die beiden größten Probleme benannt, die die klassischen Medien haben, um eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen: Sprachbarrieren und die inhaltliche Ausrichtung am nationalen Geschehen. Die trockene EU-Politik und die Probleme anderer Länder galten lange als schwer vermittelbar. Das hat sich durch die Krise verändert: bei verschärften Problemlagen wird verstärkt berichtet. Und da die Problemlage zur Routine geworden ist, hat die Krise die Ausbildung einer europäischen Öffentlichkeit vorangetrieben. Immer wenn wieder ein „Krisengipfel“ anstand, schien sie kurz auf, die europäische Öffentlichkeit. Auch der französische Wahlkampf war europäisch. Die Präsidentschaftskandidaten debattierten ausführlich über europäische Themen und beinahe alle nationalen Medien und europäischen Blogs haben die Kandidaten aufmerksam nach ihren Einstellungen zu Europa durchleuchtet. Bei der letzten Wahl vor fünf Jahren war Europa davon noch weit entfernt.

Dennoch ist weiterhin die Praxis verbreitet, komplexe europäische Phänomene auf die Konsequenzen für die eigene Nation zu reduzieren. „Über europäische Politik wird selten auch aus europäischer Perspektive berichtet“, schreibt der britische Euroblogger Jon Worth. Blogs erlauben ein anderes Vorgehen, sie müssen oft keinen finanziellen oder lokalen Interessen gerecht werden, sie können weltweit ihre Nischen-Leserschaft generieren und mit einem Klick die Seite in einer anderen Sprache anzeigen. Sie lösen nicht nur geografische Distanzen zwischen Europäern auf, sondern bewirken auch, dass die EU institutionelle Distanzen zu ihren Bürgern online überbrückt. Das Potenzial ist riesig. Und auch hier hat die Krise für Gesprächsstoff gesorgt: zahlreiche neue Euroblogs, vor allem zur Wirtschaftspolitik, wurden gestartet.

Die Website bloggingportal.eu bietet einen guten Überblick über die Szene. Laut Ronny Patz, der das Portal mitbetreibt, sind etwa 300 Weblogs regelmäßig aktiv, viele sind Mehr-Autoren-Blogs auf Englisch, gefolgt von Deutsch, Französisch und Spanisch. „Wer schnell und ohne viel Aufwand internationale Aufmerksamkeit generieren will, entscheidet sich meist für Englisch“, sagte Alessandra Poggiani in einer Diskussionsrunde auf der Re:publica. „Zum Beispiel haben viele junge Griechen auf Englisch gebloggt, in der Hoffnung spontan zu möglichst vielen Leuten in anderen europäischen Ländern durchzudringen.“ Doch die Gruppe derer, die Blogs in einer anderen Sprache als der eigenen liest, ist klein. Wer den Mainstream erreichen will, müsse übersetzen, entgegnet ihr der schwedische Piratenpartei-Gründer und Netzaktivist Rick Falkvinge.

Dieses Jahr ist die Seite „presseurop.eu“ online gegangen, die genau das macht: Sie sammelt nationale und europäische Nachrichten, übersetzt sie in zehn Sprachen und kombiniert sie mit Blogs. Demnächst sollen auch die Kommentare der User übersetzt werden. So würde es jedem möglich, in seiner eigenen Sprache zu lesen und zu schreiben und doch transnational zu diskutieren.

Doch auch, wenn es ohne Zweifel Fortschritte gibt, so ist auch die europäische Online-Öffentlichkeit bislang noch eine Elite. 300 aktive Blogs sind wenig, das so viel versprechende Potenzial wird noch nicht ausgenutzt. Hinzu kommt, dass viele der Blogger beruflich mit Europa zu tun haben, deshalb ist die Mehrheit der Blogs von Experten für Experten. Allein um den Namen des Satire-Blogs „Berlaymonster“ zu verstehen, muss man wissen, dass das Berlaymont ein EU-Gebäude in Brüssel ist.

Anfang des Jahres entstand dennoch für einen Moment eine sichtbare europäische Öffentlichkeit, die allein vom Netz angestoßen wurde. Grenzüberschreitend wurde plötzlich über Acta diskutiert, ein Handelsabkommen der EU. Eine Hand voll Blogger, die vor den Folgen des Abkommens für die Netzfreiheit warnte, schaffte es in Polen, einige tausend Menschen zu Protesten auf die Straße zu locken. Die Bilder dieser Demonstrationen im Netz wirkten wie ein Brandbeschleuniger für den Protest in anderen Ländern: Youtube-Stars riefen international zu Demonstrationen auf, Protestwebseiten wurden als zentrale Anlaufstellen eingerichtet und Anti-Acta-Videos, allen voran jenes der Hackergruppe Anonymous, verbreiteten sich, in mehrere Sprachen übersetzt, rasant über soziale Netzwerke. Die klassischen Medien griffen das Thema zunächst überwiegend zurückhaltend auf, die Bilder der Demonstrationen und der Rücktritt des Berichterstatters des EU-Parlaments, Kader Arif, sorgten aber dafür, dass Acta bald überall diskutiert wurde. „Das zeigt, wie die Blogosphäre wichtige Themen gezielt aufzeigen kann“, sagt Alessandra Poggiani, mittlerweile würden klassische Medien Themen, die im Netz diskutiert werden, häufiger aufgreifen. Die Wechselwirkungen können fruchtbar sein, denn klassische Medien genießen immer noch mehr Vertrauen als das Internet. Die Erwähnung der Acta-Proteste in der Tagesschau hat den Aktivitäten im Netz neuen Auftrieb gegeben.

Offen ist, ob eine ähnliche Welle auch von einem Thema aus der europäischen Agrarpolitik oder einem anderen, weniger netzaffinen Thema ausgelöst werden könnte. Acta betraf die Netzwelt schließlich sehr direkt. Dennoch zeigt der Fall, dass die europäische Öffentlichkeit stark durch das Handeln einzelner Akteure, insbesondere Bloggern, beeinflussbar ist.

In seinem Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ beschrieb Jürgen Habermas, wie mühsam und widersprüchlich der Prozess der Ausbildung einer Öffentlichkeit einst in den Nationalstaaten Europas ablief. Das Wissen um ihr Gelingen ermutigt aber auch zu neuartigen Bemühungen, findet Alessandra Poggiani: „Jede Veränderung hat ihre Übergangsphase, und genau in der befinden wir uns jetzt.“