Journalismus mit und ohne Kapuze : Print und Online: Das hinterletzte Gefecht

Printredakteure bremsen den Aufstieg des prominenten Onliners und Kapuzenpulli-Trägers Stefan Plöchinger. Der Kulturkampf ums Digitale bricht noch einmal aus. Dabei müsste es längst um tiefer liegende Probleme gehen.

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Im Namen der Kapuze: Kolleginnen und Kollegen von Stefan Plöchinger posteten und twitterten solidarische Selfies mit Kapuze, unter anderem auch Tagesspiegel-Online-Chef Markus Hesselmann (oben, Mitte).
Im Namen der Kapuze: Kolleginnen und Kollegen von Stefan Plöchinger posteten und twitterten solidarische Selfies mit Kapuze, unter...Fotomontage: Tsp

In der Filmkomödie „The Jerk“ (Reichtum ist keine Schande) spielt Steve Martin ein Landei, das es in der großen Stadt schaffen will. Zumindest schafft er es schon mal ins örtliche Telefonbuch und kriegt sich vor Freude nicht mehr ein. „Your name in print, that makes people!“, bricht es aus ihm heraus. Wenn der Name gedruckt erscheint, dann wird was aus einem. Der Mann taumelt vor Glück. Selten wurde die Aura des bedruckten Papiers so schön beschrieben – und hochgenommen.

Der Film ist von 1979, und das Telefonbuch hat inzwischen an Bedeutung eingebüßt. Auch im Zeitalter seiner digitalen Produzierbarkeit hat das geschriebene Wort in seiner gedruckten Ausprägung zwar noch seine Ausstrahlung. Doch die hat arg gelitten in letzter Zeit, nicht nur im Fall des Telefonbuchs, das von digitalen Verzeichnissen weitgehend verdrängt wurde. Auch die gedruckten Auflagen der Zeitungen gehen zurück, während sich Leser und Werber journalistischen Internetangeboten zuwenden.

Doch statt sich gemeinsam Gedanken zu machen, wie dieser Wandel zu nutzen sei, ergehen sich Journalisten auch im Jahr 2014 noch in einem „Kulturkampf“. Das starke Wort verwendet zum Beispiel Jens Rehländer, dessen Name einst gedruckt dort erschien, wo es höchst print-auratisch zuging, nämlich in „Geo“. „Allen Diskussionen über die unausweichliche Medienkonvergenz zum Trotz, verteidigen trendresistente Print-Redakteure ihren Schützengraben gegen das Kapuzenpulli-Pack“, schreibt Rehländer, der den Wandel mit dem Aufbau von geo.de selbst mitbetrieb, in seinem Tumblr-Blog. Der „Frontverlauf“ zwischen beiden Lagern sei intakt. „Die Positionen sind zementiert. Und dieser Kulturkampf produziert nur Verlierer.“

Da drängen also Menschen, die sich in Anzügen nicht immer wohlfühlen, in Spitzenpositionen in Medienhäusern. Zum Beispiel Stefan Plöchinger. Der ist zwar schon Chefredakteur des Online-Auftritts der „Süddeutschen Zeitung“, aber eben nur des Online-Auftritts. Schon diese Einordnung verweist aufs Thema. Um also ihn (den Auftritt) und ihn (den Plöchinger) aufzuwerten, sollte der süddeutsche Online-Chef auch in die Chefredaktion des Printblatts und damit in eine wie auch immer zu verstehende Überordnung aufrücken.

Journalist vs. Internet-Experte

Dies wurde von leitenden Print-Redakteuren als nicht statthaft empfunden, schrieb „Die Zeit“ glaubhaft, gedruckt und bis heute im Wesentlichen undementiert. Plöchinger habe kein „schreiberisches Profil“, er sei kein Intellektueller, ihm fehle „Demut“, habe es unter den Leitenden geheißen. Da in dem „Zeit“-Beitrag auch stand, dass Plöchinger gern Kapuzenpulli („Hoodie“) trage und sich damit von der Hemdenfraktion der „SZ“ absetze, hatte der Fall sein Symbol.

Die Chose spitzte sich zu, als die „FAS“ Plöchinger absprach, überhaupt Journalist zu sein. Der Mann sei bestenfalls „Internet-Experte“. Solidarisch posteten und twitterten nun Social-Media-Nutzer Selbstporträts mit Kapuze, darunter Journalistenkollegen, auch der Autor dieses Textes.

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“ sowie zuweilen auch im Hoodie anzutreffen, und Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, traten nun mit „12 Thesen zu Print und Online“ auf den Plan, um den Journalismus gegen Grabenkämpfe zu verteidigen. „Das aufwendige Recherchieren und sprachliche Synthetisieren von Informationen, das Auffinden des Allgemeinen im Speziellen, die Kunst des Erzählens ist und bleibt ein sehr anspruchsvoller Beruf, einer der schönsten, die es gibt.“ Ein Satz zum Schwärmen, zum Taumeln vor Glück, zum Einrahmen. Aber trifft er die Wirklichkeit des Journalismus in Deutschland? Und muss zum Beispiel ein Herzchirurg, ein Konzertpianist, ein Brückenkonstrukteur von sich behaupten, dass er einen anspruchsvollen Beruf hat? Er arbeitet einfach anspruchsvoll, sein Anspruch versteht sich von selbst.

Journalisten dagegen behaupten viel, sind aber leider oft eben nicht anspruchsvoll. Es ist längst Zeit, sich ehrlich zu machen. Nicht um den Journalismus, der in der offenen Gesellschaft ein hohes Gut ist, schlecht zu reden. Sondern um aus Fehlern zu lernen und den Journalismus anspruchsvoll zu erneuern.

Die grassierende Anspruchslosigkeit hat nämlich erst einmal wenig mit dem Internet zu tun und schon gar nichts mit Hoodie oder Hemd. Schon in den frühen Achtzigerjahren fand die Kommunikationswissenschaftlerin Barbara Baerns in empirischen Studien heraus, dass ein großer Teil dessen, was als Journalismus daherkommt, in Wahrheit ungefilterte oder oberflächlich bearbeitete PR ist. Es wurde eben nicht oder zu wenig recherchiert, vielleicht wurde so gerade noch synthetisiert. „Öffentlichkeitsarbeit hat die Themen der Medienberichterstattung unter Kontrolle“, folgerte damals Barbara Baerns. „Öffentlichkeitsarbeit hat das Timing unter Kontrolle.“

Ebenfalls nicht zum anspruchsvollen und schönen Beruf des Journalisten passt dessen Ansehen in der Öffentlichkeit. In der „Allensbacher Berufs-Prestige-Skala“ lagen Journalisten 2013 mit 13 Prozent der möglichen positiven Nennungen abgeschlagen auf dem zwölften Platz, weit hinter Ärzten, Lehrern, Ingenieuren, Anwälten, Unternehmern. 1999 waren es auch schon nur 14 Prozent.

Wider den Establishmentjournalismus

Der Kulturkampf lenkt also von dauerhaften, tiefer liegenden Problemen ab. Auf lokaler Ebene zum Beispiel gelang es uns Journalisten nicht, den tatsächlichen Stand der Arbeiten am neuen Berliner Großflughafen zu recherchieren und vor dem angeblichen Starttermin öffentlich zu machen. Der BER-Skandal kam über uns wie über alle anderen. Wir haben uns von offizieller PR einlullen lassen. Mit dem Internet hat das nichts zu tun. Das ist ein Haltungsproblem.

Von der Professionalität her Ähnliches, von der menschlichen Dimension her aber viel Schwerwiegenderes gilt für das Thema NSU. Wie es denn sein konnte, dass niemand diskutiert habe, dass die Morde an Migranten rassistisch motiviert sein könnten, fragt sich Kollege Frank Jansen und nimmt dabei selbstkritisch die Medien nicht aus. „Autoritätsgläubigkeit“ ist für Jansen das zentrale Problem

Zu oft jedenfalls haben wir Journalisten eine zu wenig kritische Haltung. Zu häufig erwecken wir den Eindruck, nicht wirklich etwas aufdecken, sondern Teil des Politik-, Wirtschafts-, Kultur-, Sport- oder sonstigen Betriebs sein zu wollen. „Establishment journalism“ nennt dies Glenn Greenwald, der den NSA-Komplex mit seinen Recherchen öffentlich machte.

Und nicht zuletzt die Fehler, sachliche wie orthografische. Wer sich im Archiv einmal ältere Ausgaben gedruckter Zeitungen heraussucht, der erkennt, dass auch dies kein neues Problem ist.

Der Autor Markus Hesselmann auf Twitter:

Demut ist tatsächlich gefragt, allerdings nicht gegenüber leitenden Redakteuren – sondern gegenüber unseren Lesern, die sich inzwischen zum Glück in unseren Kommentarbereichen und Social-Media-Auftritten sowie auch sonst im Netz mit ihrer Kritik direkt und öffentlich bemerkbar machen. Das Internet ist nicht das Problem, es macht das Problem deutlich und hilft, es endlich anzugehen. Hier werden uns unsere Defizite vor Augen geführt. Nicht nur von Lesern, sondern auch von kritischen Medienbeobachtern im Gefolge von „Bildblog“, die sich nicht mehr nur auf Springers Boulevardblatt eingeschossen haben.

Was aber am meisten Hoffnung macht, sind kleine, unabhängige digitale Angebote, die sich nicht im Metajournalismus erschöpfen. Sie etablieren sich in Deutschland derzeit zunächst im Lokaljournalismus und piken alteingesessene Medien mit unbekümmert kritischer Haltung.

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