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Neue Games : Denksport auf der Mülldeponie

11.10.2012 20:08 Uhrvon
Szene aus "Chaos auf Deponia". Screenshot: Daedalic EntertainmentBild vergrößern
Szene aus "Chaos auf Deponia". - Screenshot: Daedalic Entertainment

Es herrscht "Chaos auf Deponia": Der Schrottplanet ist von einem intergalaktischen Abrisskommando bedroht, seine Rettung hängt vom egozentrischen Erfinder Rufus ab. Das Hamburger Spielestudio Daedalic zündet mit dem Rätselabenteuer erneut ein Gag-Feuerwerk. Außerdem im Test: "NBA 2K13".

Sonderlinge sind seine Spezialität: Der Hamburger Game-Designer Jan Müller-Michaelis entwirft Spielfiguren, die so gar nicht dem klassischen Heldenideal entsprechen. Müller-Michaelis' wohl bekannteste Schöpfung ist das schizophrene Mädchen Edna, das mit ihrem Stoffhasen Harvey aus einer Nervenheilanstalt zu entkommen versucht. "Edna bricht aus" wurde 2008 mehrfach als "Adventure des Jahres" ausgezeichnet und auch für den Kindersoftwarepreis Tommi nominiert.

Ein echter Antiheld ist auch der traurige Gaukler Sadwick aus dem Abenteuer "The Whispered World" (2009), für das Müller-Michaelis die Dialoge schrieb. In "Harveys neue Augen" (2011) schließlich ist es die vordergründig brave Klosterschülerin Lilli, die - wie durch Zufall - tödliche Zwischenfälle am laufenden Band produziert.

Alle diese Figuren haben eines gemein: Sie fügen sich nicht in die vorgefertigten Rollen, die ihnen die Erwachsenenwelt - repräsentiert durch Anstaltsleiter, Ordensschwestern, Zirkusdirektoren - zugedacht hat. Stattdessen brechen sie aus ihren beengten Verhältnissen aus und begeben sich auf Entdeckungsreise. Dass diese Fluchten urkomisch sein können, stellte Müller-Michaelis mit "Deponia" Anfang diesen Jahres erneut unter Beweis. Hauptdarsteller Rufus lebt auf einem Müllhaldenplaneten, den er um jeden Preis verlassen möchte - er scheitert aber immer wieder an seiner chronischen Selbstherrlichkeit. "Deponia" war der Beginn einer Abenteuer-Trilogie, die Hersteller Daedalic jetzt mit "Chaos auf Deponia" fortsetzt. Auch wenn die Handlung direkt an Teil eins anknüpft, lässt sich der zweite Teil ohne Vorkenntnisse spielen. Vor allem aber ist er spannender, witziger und technisch besser umgesetzt als der erste Teil.

Zu viel soll von der skurrilen Story nicht verraten werden, deshalb nur ein kurzer Überblick: Noch immer versuchen Rufus und die bezaubernde Cyber-Elfe Goal, die Weltraum-Militärbehörde Organon an der Sprengung Deponias zu hindern. Goal soll in ihre Heimat Elysium zurückkehren und die Nachricht überbringen, dass der Müllplanet von Menschen bewohnt ist und verschont werden muss. Doch Rufus gelingt es in seiner grenzenlosen Ungeschicklichkeit, die Reisekapsel zu sabotieren: Goal stürzt ins Meer, ihr Gehirnimplantat wird zerstört und sie fällt ins Koma. Zwar gelingt es dem Wissenschaftler Doc, ihr digitales Bewusstsein zu retten, indem er es auf drei Datasetten kopiert. Doch fortan muss sich Rufus mit einer Goal herumplagen, die zwischen drei ganz unterschiedlichen Charakteren changiert.

Die Cyber-Elfe Goal beim Schnabeltierbataka. Screenshot: Daedalic EntertainmentBild vergrößern
Die Cyber-Elfe Goal beim Schnabeltierbataka. - Screenshot: Daedalic Entertainment

Diese Konstellation ist für zahlreiche Gags und Slapstick-Einlagen gut. So wird die eben noch sanftmütige Goal plötzlich zur Krawallnudel, die in der Kneipe reihenweise Schnäpse stürzt und den verdutzten Rufus zu einem Duell in Schnabeltierbataka - einer Art Stabkampf - herausfordert. Andererseits kann die tripolare Persönlichkeit Goals auch sehr nützlich sein, wenn es ums Lösen der Adventure-typischen Rätsel geht. "Chaos auf Deponia" strotzt nur so vor originellen Kombinationsaufgaben und schrägen Charakteren: Mal muss Rufus einen hyperintelligenten Roboter-Wachhund überlisten, der ihn nicht vorbeilassen will. Oder er muss mittels Schrottkrabben einen Gondoliere verscheuchen, der mit seinem schleimigen Gesang ein Rendezvous zu stören droht. "Chaos auf Deponia" ist von einem anarchischen Humor durchzogen, der sich deutlich von den weichgespülten Witzen anderer Adventures abhebt. Bereits in der Anfangsszene des Spiels zeigen die Autoren, was sie von politischer Korrektheit halten: Das tragische Ende eines Kanarienvogels wird zum Kollateralschaden von Rufus' Unfähigkeit.

Auch im Aufbau unterscheidet sich "Chaos auf Deponia" von den meisten anderen Adventures: Es ist weniger linear. Gleich zu Beginn darf der Spieler ein großes Areal auf dem Schwimmenden Schwarzmarkt erkunden: Hier gibt es viele Rätsel zu lösen, die teils ineinander verzahnt sind, teils aber auch in Rätselketten parallel zueinander laufen. Die Welt von Deponia ist erneut sehr farbenfroh und detailliert in Szene gesetzt - die Animationen sind aber noch besser als im ersten Teil. Gut gewählt sind auch die Synchronsprecher, allen voran Monty Arnold, dessen Stimme hervorragend zum egozentrisch-missmutigen Rufus passt. Wenn es überhaupt etwas an "Chaos auf Deponia" auszusetzen gibt, dann sind es der belanglose Soundtrack und die eingeflochtenen Mini-Games, die nicht das Niveau der übrigen Rätsel erreichen. Denkwürdige Charaktere und eine außergewöhnlich originelle Handlung machen "Chaos auf Deponia" gleichwohl zum bislang besten Adventure des Jahres 2012. Man darf sich auf Teil 3 freuen.

"Chaos auf Deponia" für PC. Preis. 35 Euro. USK-Alterseinstufung: ab 6 Jahren.

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