Gehörlose twittert über Fußball-EM : Löws Lippenleserin

Die gehörlose Julia Probst weiß, was Trainer und Spieler beim Match sagen - und verrät es den Fußballfans auf Twitter.

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Wenn Bundestariner Joachim Löw brüllt, dann schaut Julia Probst genau hin. Die gehörlose Bloggerin twittert Sprüche, Flüche und Kommandos, die auf dem Spielfeld fallen. Foto: dpa
Wenn Bundestariner Joachim Löw brüllt, dann schaut Julia Probst genau hin. Die gehörlose Bloggerin twittert Sprüche, Flüche und...Foto: dpa

Wenn Julia Probst vorm Fernseher sitzt und Fußball schaut, hört sie weder die Fangesänge im Stadion noch die Vuvuzelas und auch nicht die Analysen des Kommentators. Aber sie hört Sätze, die andere Zuschauer verpassen. Weil die Worte im Lärm untergehen oder weil es gar kein Mikrofon gibt, um sie einzufangen: Kommandos, die Joachim Löw seinen Spielern vom Spielfeldrand aus gibt, Flüche, die er über verpasste Chancen ausstößt und die Zurufe der Spieler untereinander. Julia Probst hört, in dem sie sieht. Und zwar, wie sich die Lippen anderer Menschen bewegen und welche Wörter sie formen. Lippenlesen heißt diese Fähigkeit. Was Julia Probst dadurch beim Fußballschauen erfährt, verrät sie auf Twitter unter dem Namen @EinAugenschmaus.

Seit ihrer Geburt ist die 29-Jährige gehörlos. Schon als Kind lernt sie Lippen lesen, in ihrer Familie sind alle hörend, weshalb sie lautsprachlich aufwächst. Als sie 2006 bei der Fußball-Weltmeisterschaft zusieht, merkt Julia Probst, dass sie dank des Lippenlesens oft mehr mitbekommt, als ihre hörenden Freunde. Deshalb kommt sie auf die Idee, einen „Ableseservice“ bei Twitter anzubieten. „Das war ideal, um zu zeigen, dass Gehörlose etwas können, was Hörende nicht können“, schreibt sie im E-Mail-Interview mit dem Tagesspiegel.

Inzwischen folgen ihr unter @EinAugenschmaus fast 20 000 Nutzer. Auch bei dieser Fußball-Europameisterschaft liest Julia Probst eifrig mit. „Klasse gemacht“, habe Philipp Lahm Lars Bender nach seinem 2:1 gegen Dänemark gelobt, twitterte Julia Probst. „Hoch Lukas“, rief Löw Podolski zu, bevor er das 1:0 machte. „Mario, mach zu“, wies Schweinsteiger Gomez an. Und Löw regte sich beim Spiel gegen die Niederlande über einen Fehlpass von Müller auf: „Mensch Thomas, sowas zu verschenken!“, dafür stieß er aber erleichtert „Ja!“ aus, als Gomez traf. „Mensch, scheiße“ hat Julia Probst dem Bundestrainer allerdings auch schon von den Lippen abgelesen.

Selbst seinen badischen Akzent könne sie sehen, schreibt Probst. Wohl auch, weil sie selbst aus dem schwäbischen Landkreis Neu-Ulm kommt. „Auch wenn jemand beim Sprechen nuschelt, merke ich das“, schreibt sie. Das würden vor allem Schauspieler und Moderatoren oft tun. Löw allerdings nicht. „Er hat sehr schön anzusehende Lippen“, so Probst.

Um sich konzentrieren zu können, schaut sie die Spiele immer vorm eigenen Fernseher. Sobald sie einen Satz abliest, tippt sie ihn schnell in ihr Smartphone und postet ihn auf Twitter. „Allerdings waren die Kameraeinstellungen bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 deutlich besser, um gut die Lippen ablesen zu können“, schreibt Probst im Interview.

Der Ableseservice auf Twitter ist für sie ein Weg, um auf die Probleme Gehörloser aufmerksam zu machen. Sie zeigt Hörenden, wie es ist, auf Hilfe anderer angewiesen zu sein, um beim Fernsehen etwas verstehen zu können. Probsts Ziel ist, dass in Deutschland alle Nachrichtensendungen und Kindersendungen mit Gebärdensprachdolmetschern gezeigt werden, Spielfilme mit einer vollständigen Untertitelung. „Deutschland ist in diesem Bereich ein totales Entwicklungsland. Bisher werden nur 14,6 Prozent der Sendungen untertitelt. Und wenn, dann sind die Untertitel oft arg verkürzt oder vereinfacht“, schreibt Probst.

In Ägypten hingegen sei es beispielsweise selbstverständlich, dass alle Nachrichtensendungen in Gebärdensprache gedolmetscht würden. In England untertitele die BBC alle Sendungen beziehungsweise biete Gebärdensprache an. Auch bei US-amerikanischen Sendern sei das üblich, so wie es in den USA normal sei, dass bei öffentlichen Veranstaltungen Gebärdensprachdolmetscher anwesend seien. Probst hofft, dass dies auch in Deutschland bald Standard ist.

Mit ihrem Ableserservice dürfte sie zumindest mehr auf das Thema aufmerksam gemacht haben. Joachim Löw wurde jetzt in einer Pressekonferenz darauf angesprochen, dass Probst seine Lippen liest. „Da sind einige deftige Flüche über meine Lippen gekommen“, sagte er. „Von daher werde ich mich in Zukunft wahrscheinlich ein bisschen hüten müssen.“ Ob er das schafft, wird Julia Probst beim Spiel gegen Griechenland verfolgen.

Julia Probst, 29, lebt in Neu-Ulm und bloggt auf der Website meinaugenschmaus.blogspot.com. Sie setzt sich für mehr Gebärdensprachdolmetscher und Untertitel im Fernsehen ein.

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